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15.01.2014

15:22 Uhr

Gericht billigt Umwandlung in AG

Ist der „Suhrkampf“ beendet?

Der insolvente Suhrkamp-Verlag darf in eine Aktiengesellschaft umgewandelt werden. Damit könnte der jahrelange Machtkampf zwischen der Verlagschefin und dem Mit-Eigentümer beendet werden. Könnte.

Der Suhrkamp-Verlag darf in eine AG umgewandelt werden. dpa

Der Suhrkamp-Verlag darf in eine AG umgewandelt werden.

BerlinDas Amtsgericht Berlin-Charlottenburg hat die Weichen für ein Ende der Suhrkamp-Insolvenz gestellt. Richterin Mechthild Wenzel billigte am Mittwoch das Sanierungskonzept von Verlagschefin Ulla Unseld-Berkéwicz, wie der gerichtlich bestellte Sachwalter Rolf Rattunde der Nachrichtenagentur dpa nach der nichtöffentlichen Sitzung sagte. Miteigentümer Hans Barlach kündigte an, er prüfe eine Beschwerde gegen die Entscheidung.

Der Sanierungsplan sieht vor, das traditionsreiche Haus von einer Kommandit- in eine Aktiengesellschaft umzuwandeln. Unseld-Berkéwicz will damit den jahrelangen Machtkampf mit ihrem Gegenspieler Barlach beenden und diesen weitgehend entmachten. Sie ist über ihre Familienstiftung mit 61 Prozent am Verlag beteiligt, der Hamburger Medienunternehmer Barlach hält über seine Medienholding 39 Prozent.

Sollte Barlach Beschwerde einlegen, muss darüber das Landgericht entscheiden. Das kann nach Angaben von Sachwalter Rattunde nochmals einige Wochen dauern. Verzichtet der Minderheitsgesellschafter auf einen Widerspruch, wird der Insolvenzplan nach der zweiwöchigen Beschwerdefrist rechtskräftig, die dort vorgesehenen Regelungen könnten in Kraft treten.

Der jahrelange Machtkampf beim Suhrkamp-Verlag

Sieben Jahre Streit

Seit sieben Jahren tobt im Suhrkamp Verlag ein Machtkampf der Gesellschafter. Jetzt wird über den Insolvenzplan für das Traditionshaus entschieden. Ein Rückblick.

2003 – Die Witwe übernimmt

Ein Jahr nach dem Tod von Suhrkamp-Verleger Siegfried Unseld übernimmt seine Witwe Ulla Unseld-Berkéwicz die Geschäftsführung. Es gibt auf vielen Ebenen Streit um Kompetenzen.

2006/2007 – Barlach kauft sich ein

Der Hamburger Medienunternehmer Hans Barlach kauft - zunächst mit einem Partner, später allein - den Anteil des bisherigen stillen Teilhabers Andreas Reinhart in der Schweiz. Unseld-Berkéwicz spricht von einer „feindlichen Übernahme“ und legt Klage ein. In den Folgejahren folgt eine Flut von Klagen und Gegenklagen.

2009/2010 – Der Verlegersohn steigt aus

Verlegersohn Joachim Unseld steigt aus dem Verlag aus. Er verkauft seinen 20-Prozent-Anteil zu gleichen Teilen an die Familienstiftung von Unseld-Berkéwicz, die damit 61 Prozent hält, und an Barlachs Medienholding, die jetzt 39 Prozent hat. Ein Jahr später verlegt der Verlag seinen Sitz vom Traditionshaus in Frankfurt/Main nach Berlin.

Dezember 2012 – Gerichtsbeschluss gegen Unseld-Berkéwicz

5. Dezember: Barlach und Unseld-Berkéwicz fordern vor dem Landgericht Frankfurt, die jeweils andere Seite als Gesellschafter auszuschließen. Sollte es dazu nicht kommen, müsse der Verlag aufgelöst werden, so Barlach. Das Gericht will am 13. November 2013 entscheiden. Am 10. Dezember wird Unseld-Berkéwicz per Gerichtsbeschluss als Geschäftsführerin des Verlags abberufen. Das Landgericht Berlin setzt damit auf Antrag Barlachs einen Gesellschafter-Beschluss vom November 2011 rückwirkend in Kraft. Wegen der Anmietung von Räumen für den Verlag in ihrem Privathaus soll sie zudem Schadenersatz zahlen. Sie legt Berufung ein.

20. März 2013 – Gewinnanteil an Barlach

Das Landgericht Frankfurt verurteilt den Verlag zur Zahlung von knapp 2,2 Millionen Euro an Barlach. Es geht um den Gewinnanteil aus dem Verkauf des Frankfurter Verlagsgebäudes und des Verlagsarchivs.

27. Mai 2013 – Schutzschirmverfahren

Der Verlag beantragt eine Unternehmenssanierung nach dem neuen Insolvenzrecht. Das sogenannte Schutzschirmverfahren soll verhindern, dass Gewinne an die Anteilseigner ausgezahlt werden.

6. August 2013 – Insolvenzverfahren wird eröffnet

Das Amtsgericht Berlin-Charlottenburg eröffnet das Insolvenzverfahren. Auf Vorschlag von Unseld-Berkéwicz soll der Verlag von einer Kommandit- in eine Aktiengesellschaft umgewandelt werden. Barlach verlöre dadurch weitreichende Mitspracherechte.

September 2013 – Autoren drohen Barlach

10. September: Das Landgericht Frankfurt verbietet der Verlegerin in einer einstweiligen Verfügung, bei der Gläubigerversammlung ihrem eigenen Insolvenzplan zuzustimmen. Am 26. September drohen fast 200 renommierte Suhrkamp-Autoren Barlach mit einem Ausstieg aus dem Verlag, sollte er „maßgeblichen Einfluss“ auf das Haus behalten - u.a. Sibylle Lewitscharoff, Hans Magnus Enzensberger, Durs Grünbein und Uwe Tellkamp.

Oktober 2013 – Sanierungsplan wird angenommen

1. Oktober: Eine erste Gläubigerversammlung votiert weitgehend einvernehmlich für die Fortsetzung des Insolvenzverfahrens in Eigenverwaltung. Nur zwei Tage später hebt das Oberlandesgericht Frankfurt die Entscheidung vorläufig auf, nach der Unseld-Berkéwicz nicht über den Insolvenzplan abstimmen darf. Am 12. Oktober kündigt Barlach an, auf Schadenersatz zu klagen, sollte der Verlag wirklich in eine Aktiengesellschaft umgewandelt werden. Am 22. Oktober 2013 nimmt eine zweite Gläubigerversammlung den Sanierungsplan mit klaren Mehrheiten in allen drei Gläubigergruppen an. Die Entscheidung ist noch nicht rechtskräftig.

„Zum einen wird dann die Gesellschaft nennenswert entschuldet von den Verbindlichkeiten, die sie gegenüber ihren Gesellschaftern hat. Und zum anderen ist dann die Gründung der Suhrkamp AG möglich“, sagte Rattunde. Bedingung für die Annahme des Insolvenzplans war, dass die beiden zerstrittenen Gesellschafter auf ihre finanziellen Forderungen an den Verlag verzichten: Bei Unseld-Berkéwicz geht es um 4,55 Millionen Euro, bei Barlach um 2,53 Millionen. Die übrigen Gläubiger sollen so weit wie möglich befriedigt werden.

Barlach kündigte trotz seines Hinweises auf die mögliche Beschwerde an, seine Medienholding wolle in der künftigen Suhrkamp AG eine „konstruktive und aktive Aktionärsrolle“ übernehmen. Der neue Aufsichtsrat müsse seinen Pflichten unbeeinflusst von der Mehrheitsaktionärin Unseld-Berkéwicz nachkommen und vor allem einen qualifizierten Vorstand bestellen, forderte er. Suhrkamp-Sprecherin Tanja Postpischil erklärte, das Verfahren laufe wie geplant weiter. „Wir gehen davon aus, dass wir noch innerhalb des 1. Quartals 2014 den Wandel der Rechtsform umsetzen können.“

Der Streit zwischen den beiden Kontrahenten geht auf Barlachs Einstieg bei Suhrkamp 2006 zurück. Er hatte ohne Zustimmung der Verlagschefin Anteile erworben, später bekam er über einen Sondervertrag weitreichende Mitspracherechte. Nach einem schier endlosen Justizkrieg soll nun die Situation entschärft werden. Bei einer Aktiengesellschaft entscheidet ein Vorstand über die Geschäfte, die Aktionäre haben nur sehr bedingt Mitspracherecht. Die Anteile der bisherigen Kommanditisten würden im gleichen Verhältnis 61:39 auf die Aktiengesellschaft übertragen.

Von

dpa

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