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13.08.2013

16:43 Uhr

Groupon-Chef im Interview

„Es liegt ein Wahnsinnsmarkt vor uns“

VonChristof Kerkmann

Er soll Groupon zum Comeback verhelfen: Emanuel Stehle leitet das Deutschland-Geschäft des kriselnden Gutscheinportals. In seinem ersten Interview verspricht er Nachhaltigkeit – „der Händler muss etwas vom Deal haben.“

Emanuel Stehle leitet seit kurzem das Deutschland-Geschäft von Groupon. Groupon

Emanuel Stehle leitet seit kurzem das Deutschland-Geschäft von Groupon.

Emanuel Stehle kam über einen Umweg zu Groupon: Er baute in Deutschland gemeinsam mit den Samwer-Brüdern das Portal MyCityDeal mit auf, das der Konkurrent aus den USA bald übernahm. In den letzten Jahren war er in unterschiedlichen Positionen für Groupon tätig, seit Ende Juli leitet er das Geschäft in Deutschland, Österreich und der Schweiz. In seinem ersten Interview als neuer Chef wirbt er um das Vertrauen der Händler.

Handelsblatt Online: In den USA hat sich Groupon halbwegs erholt, aber in Europa und Deutschland sieht es schlecht aus. Warum?

Emanuel Stehle: Der amerikanische Markt ist unser Ursprungsmarkt und unsere größte Region, deswegen ist wichtig, dass er erfolgreich ist. In Europa hat sich der Trend erheblich verbessert, das sehen wir als positives Signal. Man kann aber nicht alles gleichzeitig machen – wir sind in 48 Ländern aktiv. Der Fokus lag erst auf Nordamerika, jetzt nehmen wir uns Europa vor.

Worin liegen denn die Probleme?

Wichtig ist, dass wir das Geschäft zunehmend auf Nachhaltigkeit ausrichten. Die Deals müssen für unsere Kunden gut sein, für unsere Partner profitabel sein und für alle einen Mehrwert bieten.

Es gibt allerdings viele Berichte über Händler und Restaurantbesitzer, die mit Groupon unzufrieden sind…

Wir haben sehr viele zufriedene Partner – die Hälfte aller, die in den letzten sechs Monaten Groupon genutzt haben, haben schon zuvor mit uns zusammengearbeitet. Wir haben aber auch eine wahnsinnig große Reichweite. Deswegen sind wir nicht davor gefeit, dass mal was schiefgeht. Wir müssen jeden Partner so beraten, dass er von dem Deal profitiert. Umsatz kann man immer schnell generieren, wichtig ist, dass das nachhaltig geschieht und die Partner zufrieden sind.

Geschichte von Groupon

Nur ein Experiment

Das Schnäppchenportal Groupon begann 2008 als ein Nebenprojekt. Gründer Andrew Mason arbeitete für die mäßig erfolgreiche Plattform The Point, die Menschen helfen sollte, gemeinsam Probleme zu lösen. Diese gehörte Eric Lefkofsky, der bei Groupon einstieg, Mason über Jahre begleitete und heute selbst Chef der Plattform ist.

Portal für kleine Geschäfte

Mason hatte von Anfang an kleine Geschäfte im Blick: Groupon sollte ihnen helfen, die Kapazität besser auszulasten und an Cash zu kommen – kurz zuvor hatte die Pleite der Investmentbank Lehman Brothers die Welt in eine Wirtschaftskrise gestürzt.

Chicago ist nicht genug

Das erste Angebot stammte von einer Pizzeria, die im Gebäude der Groupon-Macher in Chicago saß. Das Gutscheinkonzept verfing: Nicht nur in der Heimat Chicago, sondern in vielen amerikanischen Städten, bald auch im Ausland. Angetrieben von Lefkofsky setzte Groupon auf rasche Expansion, nicht zuletzt um den vielen Nachahmern zuvorzukommen.

Das Angebot von Google

Der wahnwitzige Erfolg machte die Größen des Silicon Valley aufmerksam. Medienberichten zufolge gab erst Yahoo ein Übernahmeangebot ab, dann Google. Rund sechs Milliarden Dollar wollte der Suchmaschinen-Riese für die damals nur 18 Monate alte Firma zahlen – vergeblich. Mason und Lefkofsky wollten das Heft in der Hand behalten.

Die Samwer-Brüder stoßen dazu

Im Mai 2010 übernahm Groupon den deutschen Nachahmer Citydeal, den die Samwer-Brüder aufgebaut hatten – die damalige Bewertung lag bei 126 Millionen Dollar. Die Internet-Unternehmer erhielten dafür Groupon-Aktien – und Einfluss. Sie trieben die Expansion des Unternehmens weiter voran.

Kasse machen an der Börse

Als Groupon das Angebot von Google ablehnte, war klar: Das Startup muss bald an die Börse, damit die Investoren Kasse machen können. Im Juni 2011 reichte es seine Unterlagen bei der Börsenaufsicht in New York ein.

Zweifelhafte Bewertung

Die Groupon-Unterlagen für die Börsenaufsicht SEC förderten Erstaunliches zutage: Das Unternehmen war zwar nach seiner eigenen Einschätzung profitabel, nicht jedoch nach den Maßstäben, die die Aufseher anlegten. So verlor Groupon 2010 mehr als 400 Millionen Dollar. Das nährte plötzlich Zweifel am Geschäftsmodell.

Gang aufs Parkett

Mit der Platzierung erlöste das Unternehmen schließlich rund 700 Millionen Dollar, der gesamte Börsenwert des Unternehmens lag bei rund 12,6 Milliarden Dollar und damit deutlich niedriger als wenige Monate zuvor erwartet. Banker hatten der „New York Times“ eine Bewertung von 30 Milliarden Dollar zugeflüstert.

Andrew Mason gefeuert

Das rasante Wachstum flaute mit den Monaten immer ab – und so wurden Zweifel am Geschäftsmodell lauter, nicht zuletzt weil auch Amazon fast die gesamte Investition in den Groupon-Rivalen Livingsocial abschrieb. Groupon-Gründer Andrew Mason geriet immer mehr unter Druck, im Februar 2013 entließ ihn der Vorstand. Sein langjähriger Weggefährte Eric Lefkofsky übernahm die Geschäfte.

Wie genau soll das geschehen?

Wir müssen fortsetzen, was wir in den letzten Quartalen schon getan haben: die Partner richtig beraten und genau feststellen, wie viele Kunden ins Geschäft reinkommen können und sollen. Wir haben zum Beispiel ein Tool, mit dem der Vertriebler einem Restaurantbetreiber vorrechnen und veranschaulichen kann, was ein Deal kostet und ab wann er damit Gewinn macht – trotz Rabatt und Provision reicht manchmal schon der Verkauf eines Getränks.

Ein weiteres Problem: In vielen Ländern gab es eigene Computersysteme – das hat zu Reibungsverlusten geführt. Wie kommen Sie mit der Vereinfachung voran?

Wir führen alle Tools, die es in den USA gibt, auch in anderen Ländern ein – wir nennen das One-Playbook-Strategie. Wir machen schnelle Fortschritte, aber der Prozess ist hochkomplex. Aber es ist gut, das früh in der Unternehmensgeschichte zu machen.

 

Trotz allem ist das Gutscheingeschäft schwierig, die Konkurrenten Amazon und Google haben sich wieder zurückgezogen, Groupon ist defizitär. Hat es überhaupt eine Zukunft?

Es liegt ein Wahnsinnsmarkt vor uns. Im vergangenen Quartal haben wir den Bruttoumsatz um 10 Prozent auf 1,4 Milliarden Dollar gesteigert.

... also die Einnahmen aus den verkauften Produkten und Dienstleistungen abzüglich Steuern und Vergütungen.

Wie könnten wir das schaffen, wenn es kein gutes Geschäft wäre? Die Vision von Groupon geht aber weit über das Rabattportal hinaus. Der Groupon-Gründer Andrew Mason hat gesagt: „Let’s make life less boring“. Wir möchten den Menschen in ihrer Stadt Zugang zu interessanten Dingen um sie herum schaffen, um ihr Leben abwechslungsreicher zu machen.

Groupon im Aufwind: Aktie des Schnäppchenportals steigt um 19 Prozent

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Groupon hat durch das neue Führungsgespann wieder Aufwind bekommen. Die Aktie des Online-Schnäppchenportals stieg um 19 Prozent. Die Strategie des Interimschefs Lefkofsky ging auf.

Was sind die nächsten Schritte in Deutschland?

Der Verkauf über Smartphones ist sehr wichtig – die Nutzer sollen überall einkaufen können. Außerdem expandieren wir in andere Bereiche: Wir verkaufen Reisen, aber auch Produkte. Und wir denken in die Richtung, lokalen Händlern und Restaurants die Möglichkeit zu geben, die Preise dynamisch zu gestalten, damit sie ihre Auslastung steuern können.

Das Marketing wird von Berlin nach Dublin verlegt. Was heißt das für den Standort Deutschland?

Wir sind ein globales Unternehmen, gewisse Funktionen werden so weit wie möglich zentralisiert – in dem Fall das Marketing vornehmlich in Dublin. Trotzdem verstärken wir unser Engagement hierzulande eher noch. Deutschland ist ein sehr attraktiver Markt.

Danke für das Gespräch.

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