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11.08.2014

11:35 Uhr

Groupon erfindet sich neu

Sterneküche für Schnäppchenjäger

VonChristof Kerkmann

Billig, aber nicht um jeden Preis: Das Gutscheinportal Groupon versucht ein Comeback. Statt nur Schnäppchen anzupreisen, will es einen Marktplatz für lokale Freizeitangebote entwickeln – Gourmetrestaurants inklusive.

Mit Rabatten ist Groupon groß geworden – jetzt will das Unternehmen zu einem lokalen Marktplatz werden. dpa

Mit Rabatten ist Groupon groß geworden – jetzt will das Unternehmen zu einem lokalen Marktplatz werden.

DüsseldorfWimpernverlängerung für 45 statt 120 Euro, ein italienisches Drei-Gänge-Menü zum halben Preis: Groupon steht für Rabattaktionen. Doch das Geschäft mit den Gutscheinen ist in den letzten Jahren in Verruf geraten. Zu oft gab es Ärger beim Einlösen, zu oft machten Schönheitssalons oder Pizzerien einen schlechten Schnitt. Gleichzeitig wuchsen überall Konkurrenten heran. Das Geschäft brach ein, der einstige Börsenstar stürzte tief.

Emanuel Stehle, Deutschland-Chef von Groupon. Groupon

Emanuel Stehle, Deutschland-Chef von Groupon.

Heute gibt es nur noch wenige Berichte über Groupon. Emanuel Stehle hält das für ein gutes Zeichen: „Die Wahrnehmung von Groupon war damals nicht so, wie wir uns das gewünscht hätten“, weiß der Manager, der Geschäft in Deutschland, Österreich und der Schweiz leitet. Dass die Horrormeldungen über enttäuschte Kunden und Händler verschwinden, verbucht er als Erfolg. Hatte er doch bei seinem Amtsantritt vor einem Jahr versprochen, für alle das Geschäft „nachhaltiger“ zu gestalten. Die Zahl der regelmäßigen Käufer und Partnerunternehmen steige, betont er in Gespräch mit Handelsblatt Online.

Deutschland steht stellvertretend für den Wandel, den Groupon durchmacht: Der Online-Dienst will nachhaltiger wirtschaften – es geht nicht nur um schnelles Wachstum wie vor dem milliardenschweren Börsengang, sondern ein langfristiges Geschäftsmodell. Und er will einen neuen, möglicherweise noch lukrativeren Markt erschließen: Groupon soll ein Marktplatz für lokale Dienstleistungen und Produkte werden.

Geschichte von Groupon

Nur ein Experiment

Das Schnäppchenportal Groupon begann 2008 als ein Nebenprojekt. Gründer Andrew Mason arbeitete für die mäßig erfolgreiche Plattform The Point, die Menschen helfen sollte, gemeinsam Probleme zu lösen. Diese gehörte Eric Lefkofsky, der bei Groupon einstieg, Mason über Jahre begleitete und heute selbst Chef der Plattform ist.

Portal für kleine Geschäfte

Mason hatte von Anfang an kleine Geschäfte im Blick: Groupon sollte ihnen helfen, die Kapazität besser auszulasten und an Cash zu kommen – kurz zuvor hatte die Pleite der Investmentbank Lehman Brothers die Welt in eine Wirtschaftskrise gestürzt.

Chicago ist nicht genug

Das erste Angebot stammte von einer Pizzeria, die im Gebäude der Groupon-Macher in Chicago saß. Das Gutscheinkonzept verfing: Nicht nur in der Heimat Chicago, sondern in vielen amerikanischen Städten, bald auch im Ausland. Angetrieben von Lefkofsky setzte Groupon auf rasche Expansion, nicht zuletzt um den vielen Nachahmern zuvorzukommen.

Das Angebot von Google

Der wahnwitzige Erfolg machte die Größen des Silicon Valley aufmerksam. Medienberichten zufolge gab erst Yahoo ein Übernahmeangebot ab, dann Google. Rund sechs Milliarden Dollar wollte der Suchmaschinen-Riese für die damals nur 18 Monate alte Firma zahlen – vergeblich. Mason und Lefkofsky wollten das Heft in der Hand behalten.

Die Samwer-Brüder stoßen dazu

Im Mai 2010 übernahm Groupon den deutschen Nachahmer Citydeal, den die Samwer-Brüder aufgebaut hatten – die damalige Bewertung lag bei 126 Millionen Dollar. Die Internet-Unternehmer erhielten dafür Groupon-Aktien – und Einfluss. Sie trieben die Expansion des Unternehmens weiter voran.

Kasse machen an der Börse

Als Groupon das Angebot von Google ablehnte, war klar: Das Startup muss bald an die Börse, damit die Investoren Kasse machen können. Im Juni 2011 reichte es seine Unterlagen bei der Börsenaufsicht in New York ein.

Zweifelhafte Bewertung

Die Groupon-Unterlagen für die Börsenaufsicht SEC förderten Erstaunliches zutage: Das Unternehmen war zwar nach seiner eigenen Einschätzung profitabel, nicht jedoch nach den Maßstäben, die die Aufseher anlegten. So verlor Groupon 2010 mehr als 400 Millionen Dollar. Das nährte plötzlich Zweifel am Geschäftsmodell.

Gang aufs Parkett

Mit der Platzierung erlöste das Unternehmen schließlich rund 700 Millionen Dollar, der gesamte Börsenwert des Unternehmens lag bei rund 12,6 Milliarden Dollar und damit deutlich niedriger als wenige Monate zuvor erwartet. Banker hatten der „New York Times“ eine Bewertung von 30 Milliarden Dollar zugeflüstert.

Andrew Mason gefeuert

Das rasante Wachstum flaute mit den Monaten immer ab – und so wurden Zweifel am Geschäftsmodell lauter, nicht zuletzt weil auch Amazon fast die gesamte Investition in den Groupon-Rivalen Livingsocial abschrieb. Groupon-Gründer Andrew Mason geriet immer mehr unter Druck, im Februar 2013 entließ ihn der Vorstand. Sein langjähriger Weggefährte Eric Lefkofsky übernahm die Geschäfte.

Zum besseren Image soll zum einen eine bessere Betreuung beitragen. So hat Groupon einen Rechner entwickelt, mit dem Restaurantbetreiber ausrechnen können, was ein Deal kostet und ab welchem Umsatz sie Gewinn machen. „Die Partner sollen nicht mehr automatisch hohe Rabatte gewähren“, sagt Stehle. Den besten Preis wolle sein Unternehmen aber trotzdem bieten. Der Nachlass liege immer noch bei durchschnittlich 60 Prozent – „das ist Teil unserer DNA“.

Künftig will das Unternehmen außerdem mehr renommierte Partner gewinnen. Das Fitness-Studio Fitness First bietet beispielsweise Rabatte an, die Café-Kette Starbucks ebenso, zudem wagten mehr als 30 Gourmetrestaurants Gutscheinaktionen.

Doch Groupon soll künftig nicht nur für Deals stehen. Das Unternehmen will einen Marktplatz für lokale Freizeit- und Lifestyle-Angebote entwickeln. Die hehre Vision: Wer wissen will, was in seiner Stadt los ist, schaut auf Groupon nach. Lokale Händler und Dienstleister sollen ihre Geschäfte auf dieser Plattform eintragen – und am besten auch noch ihre Produkte anbieten. „Wenn die Partner verstehen, dass sie mit Groupon über den Preis auch die Auslastung steuern können, gewinnt unsere Plattform eine völlig neue Dynamik“, ist Stehle überzeugt.

Die Einführung neuer Produkte dauert indes. Erst muss Groupon das typische Problem eines Start-ups meistern, das viel zu schnell gewachsen ist: Der Konzern, der in Deutschland den Konkurrenten Citydeal übernommen hatte, vereinheitlicht seine IT-Systeme und Datenbanken. „Das ist die Voraussetzung für technische Innovationen“, sagt Stehle. In den USA können Händler beispielsweise über Groupon Termine vergeben. Dieses Buchungs-Tool würde er gerne auch so schnell wie möglich in Deutschland einführen.

Der Deutschland-Chef ist überzeugt, dass Groupon mit den neuen Maßnahmen wieder profitabel wird – zuletzt verdreifachte sich der Quartalsverlust auf 22,9 Millionen Dollar. „Wenn wird die Produkte weiter verbessern, geht auch der Umsatz nach oben.“ Er setzt darauf, dass die Nutzer zum Image-Wandel beitragen: „Wir haben ein großes Netzwerk. Wenn wir die Kunden happy machen, werden sie Botschafter des Produkts.“

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