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22.11.2012

06:28 Uhr

Gruner + Jahr

Financial Times Deutschland vor der Einstellung

Der Verlag Gruner + Jahr verhandelt noch über einen Verkauf der Wirtschaftszeitung „Financial Times Deutschland“, doch ein Aus des Blattes ist wahrscheinlicher. Die FTD schreibt, „vor der Einstellung“ zu stehen.

„Financial Times Deutschland“-Gründungschefredakteur Andrew Gowers und Ex-G+J-Vorstand Bernd Kundrun (rechts) mit einer Nullnummer der Zeitung im Februar 2000. Reuters

„Financial Times Deutschland“-Gründungschefredakteur Andrew Gowers und Ex-G+J-Vorstand Bernd Kundrun (rechts) mit einer Nullnummer der Zeitung im Februar 2000.

Düsseldorf/HamburgIn der Gründungsphase der „Financial Times Deutschland“ im Jahr 2000 jubelten Wirtschaftsjournalisten im ganzen Land – zumindest klammheimlich. Denn der neue Titel hatte einen Wettstreit um Talente entfacht und den Gehältern in der Branche einen Schub verpasst. Zwölfeinhalb Jahre nach der Erstausgabe der auf lachsrosa gefärbtem Papier gedruckten Zeitung ist diese wohl am Ende.

Der Verlag Gruner + Jahr (G+J) beschloss auf einer Aufsichtsratssitzung am Mittwoch in Hamburg, dass der Vorstand „einen Verkauf, Teilschließung oder Schließung der G+J Wirtschaftsmedien“ vornehmen darf. Es liefen letzte Gespräche zu einem möglichen Verkauf der Zeitung, teilte ein Sprecher mit. Allerdings berichten Mitarbeiter bereits, dass am 7. Dezember der letzte Erscheinungstag des Blattes sein werde. Außerdem sollen aus der G+J Wirtschaftspresse die Titel „Börse Online“ und „impulse“ zum Verkauf gestellt. Aus dem Segment Wirtschaftspresse wird höchstwahrscheinlich einzig der Titel „Capital“ im Hause des „stern“-Verlags verbleiben.

Fakten zur Financial Times Deutschland

Mutige Gründung

Der Start der „Financial Times Deutschland“ im Februar 2000 war ein mutiges Projekt: Es war die erste Gründung einer überregionalen Zeitung in Deutschland seit der „taz“. Zunächst teilten sich der Verlag Gruner + Jahr und die britische „Financial Times“-Mutter Pearson die Verantwortung, 2008 übernahmen die Hamburger das Blatt komplett.

Ein britischer Chef

Bei der Gründung half Andrew Gowers vom Mutterblatt „Financial Times“ als Chefredakteur. Ihm folgten im Oktober 2001 Christoph Keese (inzwischen eine Art Cheflobbyist beim Axel-Springer-Verlag) und Wolfgang Münchau (heute Kolumnist für die „Financial Times“). Seit Mitte 2004 steht Steffen Klusmann an der Spitze der Redaktion.

Sinkende Auflage

Die Zeitung auf dem rosa Papier brachte frischen Wind in die deutsche Presselandschaft, hatte aber in den vergangenen Jahren mit Absatzproblemen zu kämpfen. Zwar blieb die Gesamtauflage mit etwas mehr als 100.000 Exemplaren relativ stabil, aber die sogenannte harte Auflage aus Abonnements und Einzelverkauf sank seit 2006 auf zuletzt 46.300.

Tiefrote Zahlen

Das Wirtschaftsblatt hat in seiner gesamten Geschichte keine schwarzen Zahlen geschrieben. Insgesamt sind laut Medienberichten Verluste von 250 Millionen Euro aufgelaufen.

Gemeinsam sparen

Eine erste harte Sparrunde läutete Gruner + Jahr bereits 2008 ein: Der Verlag gründete für seine Wirtschaftsmedien „FTD“, „Börse online“ und „Capital“ eine Gemeinschaftsredaktion in Hamburg. Dort arbeiten 350 Mitarbeiter, davon 250 Redakteure.

Auszeichnungen

Mitarbeiter der G+J Wirtschaftsmedien haben in den vergangenen Tagen eine beeindruckende Liste zusammen gestellt. Darin sind alle Journalisten- und Gestaltungspreise aufgeführt, die in den vergangenen vier Jahren von den Titeln eingeheimst wurden. Dazu zählen etwa die Auszeichnung „Wirtschaftsredaktion des Jahres“ im Jahr 2012, der Herbet Quandt Medienpreis und der Ludwig-Erhard-Förderpreis für Wirtschaftspublizistik.

Insgesamt arbeiten für die vier Titel nach Verlagsangaben 330 Mitarbeiter. Den meisten droht eine betriebsbedingte Kündigung im Januar, bis Ende Dezember will G+J darauf verzichten. Der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) appellierte an die soziale Verantwortung des G+J-Managements. „Sparmaßnahmen dürfen nicht einseitig zu Lasten der Journalistinnen und Journalisten beschlossen werden“, teilte der DJV-Bundesvorsitzende Michael Konken in Berlin mit. Der stellvertretende Vorsitzende der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft (Verdi), Frank Werneke, fürchtet, dass mehr als 200 Arbeitsplätze gestrichen würden.

Financial Times Deutschland: Schmerzhafter Abschied

Financial Times Deutschland

Schmerzhafter Abschied

Die Financial Times Deutschland wird eingestellt. Unsere Autoren blicken zurück.

Die Financial Times Deutschland war in der Hoffnung auf den Markt gebracht worden, vom großen Interesse der Deutschen an Aktien zur Jahrtausendwende zu profitieren. Tageszeitungen und Wirtschaftsmagazine freuten sich damals über viele Anzeigen von Börsenaspiranten und hohe Renditen. Doch der Hype war bald danach wieder vorbei, die Kursaufschwünge am Neuen Markt entpuppten sich als Blase und das Marktumfeld verfinsterte sich. Auch die wachsende Bedeutung des Internets war für die G+J-Titel eine Herausforderung – wie für den Rest der Presselandschaft auch.

Die Zeitungskrise

Deutschland, Zeitungsland

Trotz aller Hiobsbotschaften aus der Medienbranche ist Deutschland immer noch ein Zeitungsland: Nach aktuellen Angaben des Bundesverbandes deutscher Zeitungsverleger (BDZV) gibt es hier 315 lokale und regionale Abonnementzeitungen, 10 überregionale Blätter sowie 8 Straßenverkaufszeitungen, vor allem die „Bild“.

Die Auflagen sinken

Doch die meisten Blätter verlieren von Jahr zu Jahr an Auflage. Im zweiten Quartal 2013 wurden pro Erscheinungstag 20,64 Millionen Tageszeitungen verkauft, wie aus einer Erhebung der IVW hervorgeht. Das sind rund 4 Prozent weniger als im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Darin sind rund 0,38 Millionen E-Paper-Ausgaben enthalten. Bei den Wochenzeitungen zeichnet sich ein ähnlicher Trend ab: Die verkaufte Auflage sank um rund 20.000 auf 1,73 Millionen Exemplare.

Der Werbemarkt schwächelt

Die sinkende Auflage trifft die Zeitungen gleich doppelt: Zum einen sinken die Vertriebserlöse, wenn die Verlage den Verkaufspreis nicht anheben (was in den letzten Jahren aber viele getan haben). Zum anderen verdienen sie weniger mit den Anzeigen – deren Preis richtet sich nach der Reichweite. Während der Gesamtwerbemarkt 2012 um 0,9 Prozent schrumpfte, verzeichneten die Zeitungen einen Umsatzrückgang von 9,1 Prozent auf 3,5 Milliarden Euro. Fürs laufende Jahr erwartet der Zentralverband der Deutschen Werbewirtschaft, dass die Verlage maximal eine schwarze Null erreichen.

Rubrikenmärkte wandern ins Netz ab

Mit Kleinanzeigen, Stellenausschreibungen und Autoanzeigen haben die Verlage jahrzehntelang gutes Geld verdient. Doch die Rubrikenmärkte sind weitgehend ins Internet abgewandert – viele der Portale gehören nicht Verlagen, sondern anderen Akteuren. Hier gibt es nur wenige Ausnahmen. Im Online-Geschäft sehr aktiv ist beispielsweise der Axel-Springer-Verlag, ihm gehören das Immobilienportal Immonet und das Stellenportal Stepstone.

Digitale Produkte gleichen Minus nicht aus

Die große Hoffnung auf den Verkauf digitaler Ausgaben hat sich bislang nicht erfüllt. Zwar verkaufen sich E-Paper immer besser, im zweiten Quartal 2013 waren es rund 380.000 Exemplare. Doch das ist zu wenig, um den Rückgang der Printauflage aufzufangen. Die Reichweite der Web-Portale steigt zwar, doch die Werbeeinnahmen gleichen das Umsatzminus nicht aus. Viele Verlage hoffen, mit Bezahlmodellen im Netz mehr Geld zu erwirtschaften.

Hoffnung auf die große Reichweite

„Gedruckt, online und mobil erreichen die Zeitungen aktuell ein Publikum, das so groß ist wie nie zuvor“, erklärt der BDZV. Auf diese Reichweite hoffen die Verleger. Als Chancen nennt der Verband das Digitalgeschäft, aber auch neue Geschäftsfelder wie Aus- und Weiterbildung oder Veranstaltungsmanagement. Allerdings haben viele Verlage mit diversen Sparrunden das Personal stark ausgedünnt – das erschwert die Umsetzung neuer Ideen.

Bezahlinhalte als Ausweg?

Immer mehr Verlage hoffen, mit Bezahlinhalten den Umsatz steigern zu können. Beim „metered model“, das etwa die „Welt“ verwendet, dürfen die Leser nur eine bestimmte Zahl an Artikeln kostenlos lesen – danach müssen sie ein Abo abschließen. Und die „Bild“ stellt nur einen Teil der Artikel kostenlos ins Netz, andere Beiträge bekommen nur zahlende Kunden zu sehen.

Der Verlag Gruner + Jahr, der auch Magazine wie „Geo“, „Gala“, „Stern“, „Brigitte“ und „Neon“ herausgibt, gehört mit einem Umsatz von rund 2,3 Milliarden Euro (2011) zu den größten in Europa. Mehrheitseigener ist mit 74,9 Prozent die Bertelsmann SE & Co. KGaA. Eine Sperrminorität von 25,1 Prozent hält die Hamburger Verlegerfamilie Jahr.

Kommentare (3)

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Rumpelstilzchen

22.11.2012, 10:06 Uhr

Das ist ja eine tolle "Wirtschaftszeitung", die anscheinend selbst nicht wirtschaften kann!

Kurbel

22.11.2012, 10:52 Uhr

Das Sterben der Print-Zeitungen hat zwei Entwicklungslinien. Die erste ist der Inhalt. Ein und dieselbe Nachricht ist in fast jeder Zeitung zu finden. Wo bleibt da das Alleinstellungsmerkmal? Viele Artikel sind nur oberflächlich recherchiert bzw. aus dpa oder reuters-Meldungen abgeschrieben. In den Überregionalen Zeitungen stehen inzwischen Nachrichten, die in Society-Magazinen wie z.B. der Gala oder der Rubrik "Verhaltensauffälligkeiten" zu finden sind. Da fehlt der Mut und die Kreativität für Neues.
Die zweite Linie ist die Kostenlos-Orgie im Onlineangebot. Eine Nachricht, die nicht kostet ist offensichtlich nichts wert. Vereinzelt sind Meldungen inzwischen zwar kostenpflichtig, aber: Viele klicken gar nicht erst an oder suchen woanders nach kostenlosen Inhalten.

Das Handelsblatt hat zwar einen schönen Artikel pro Print geschrieben, denkt das Problem aber nicht konsequent zu Ende. Wenn alle Verlage sich einig wären und ihre Online-Inhalte kostenpflichtig anbieten würden, wäre zumindest die Chance zu einer vermehrten Rückkehr zum Print gegeben. Doch die Branche besteht aus zu vielen Egoisten, die glauben, dass sie schon zu denen gehören werden, die überleben werden.
Ich denke, dass die Talfahrt im Print rasant zunehmen wird, da sich die Wirtschaft im Abschwung befindet und die Werbeausgaben drastisch gekürzt werden. Das geht dann so schnell, das manche Verlags-Manager das schon heute nicht glauben wollen.
Wie lange das Handelsblatt überleben wird, ist dabei auch eine Frage. Im Minus kann sie nur sein und das schon seit längerer Zeit, wenn man sich das Volumen der Print-Eigenanzeigen ansieht. Doch zur Ehrenrettung der Verlagsgruppe gibt es noch Die Zeit. Eine Print-Ausgabe die derzeit ihresgleichen sucht. Kompliment.

Account gelöscht!

22.11.2012, 11:51 Uhr

Bei der FTD hatten sie einige gute Artikel, die ich gerne gelesen hätte.
Allerdings waren diese kostenpflichtig.

So wichtig waren sie dann für mich wieder nicht, dass ich dafür bezahlt hätte.
Persönliche Daten angeben, Bankverbindung im Internet preisgeben, schreckt doch viele Nutzer wieder ab.
Dazu dann noch der wöchentliche Newsletter, Hinweise auf Dies und Das, Gewinnspiele usw.

(Kann man abbestellen, ich weiß. Aber wieviele Newsletter habe ich schon abbestellt und bekomme dennoch ständig superwichtige Infos, nur speziell für mich)

Privat beziehe ich von der ortsansässigen Presse längst keine Printausgabe mehr.

Weil nur 'abgeschrieben' wird, wie Sie bereits erwähnten und wir ohnehin keine Wahrheit oder echte Meinung zu lesen bekommen.

Und auf Regionalmeldungen, dass im Nachbarort eine Bäckerei überfallen wurde oder ein Lkw in den Straßengraben gerutscht ist, interessieren mich herzlich wenig.

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