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17.06.2013

16:05 Uhr

„Guardian“

Der gefeierte Wächter mit leeren Taschen

VonMartin Dowideit, Christof Kerkmann

Mit Enthüllungen im Wochentakt macht der Guardian derzeit Schlagzeilen in aller Welt. Doch die journalistischen Glanzleistungen zahlen sich nicht aus – wirtschaftlich ist das britische Blatt schwer angeschlagen.

Ausschnitt der heutigen Titelseite des gedruckten „Guardian“ („Wächter“). Screenshot

Ausschnitt der heutigen Titelseite des gedruckten „Guardian“ („Wächter“).

DüsseldorfDas Timing ist perfekt: Am Vorabend des G8-Gipfels in Nordirland deckt der „Guardian“ auf, dass britische Spione bei Konferenzen im Königreich ausländische Diplomaten ausgehorcht haben. Die Enthüllung werde wohl für einige Spannungen unter den Teilnehmern sorgen, schreibt die liberale Zeitung so selbstbewusst wie zutreffend. Die Macher aus London wissen: Mit dem Bericht setzen sie ein Thema auf die globale Agenda – wieder einmal.

Dass dem „Guardian“ nach den Enthüllungen zum US-Überwachungsprogramm PRISM der nächste Coup gelingt, ist kein Zufall. Die britische Medienmarke hat mittlerweile einen globalen Ruf, bekannt für furchtlosen Journalismus und Scoops, für Leserbeteiligung und Experimentierfreude. Doch trotz der publizistischen Erfolge hat der Verlag, die Guardian Media Group (GMG), das gleiche Problem wie viele andere Medienhäuser in aller Welt: Es gelingt ihm nicht, aus der Reichweite im Netz Kapital zu schlagen.

Wie der britische Geheimdienst die G20-Delegationen überwachte

Was bekamen die britischen Geheimdienste alles mit?

Die Datensammlung des britischen Abhördienstes GCHQ lief nach diesen Angaben auf breiter Front. So sollen Passwörter von Delegationsmitgliedern abgegriffen und angeblich auch die Schutzmechanismen ihrer BlackBerry-Smartphones geknackt worden sein. Bei dem Finanzminister-Treffen im September kam dem Bericht zufolge auch ein System zum Einsatz, das in Echtzeit anzeigte, wer mit wem telefoniert.

Wie gingen die Geheimdienste dabei vor?

Unter anderem wurden Internetcafés mit präparierten Computern eingerichtet, die mit sogenannten Keyloggern versehen waren. Das sind verdeckte Programmen, die Tastatur-Eingaben speichern. Als Folge habe man Daten bekommen, die auch nach dem G20-Treffen noch eingesetzt werden könnten, hieß es in einem Bericht. Außerdem ist die Rede von der Möglichkeit, „E-Mail-Nachrichten von Leuten zu lesen, bevor oder während sie das tun“. Den Code-Namen oder technische Details dieses Verfahrens nennt der „Guardian“ nicht.

Wie kamen die Geheimdienstler an die BlackBerry-Daten heran?

Das ist eine spannende Frage, die auch der „Guardian“ nicht auflöst. Schließlich betont BlackBerry stets, dass die Kommunikation sicher und verschlüsselt sei und über firmeneigene Server laufe. Und das Unternehmen wagte auch eine Konfrontation mit Behörden in Indien und Saudi-Arabien, die auf Nachrichten zugreifen wollten. Die Zeitung zitiert ein Geheimdienst-Dokument, in dem die Rede nur von „kombinierten Möglichkeiten“ ist. Immerhin beschafften die Agenten damit aber Vorab-Kopien von G20-Briefings - also müssen sie auch Zugriff auf Inhalte gehabt haben.

Wie funktionierte die Überwachung beim Treffen der Finanzminister?

Auf eine 15 Quadratmeter große Video-Wand im GCHQ-Hauptquartier wurden demnach live Informationen darüber eingeblendet, welche Delegationsmitglieder gerade mit wem telefonierten. Zudem hätten dies auch 45 Analysten sehen können, die die Teilnehmer des Treffens beobachteten. Es sei die Premiere für das System gewesen, hieß es. Informationen darüber, wann es danach noch eventuell eingesetzt wurde, gab es nicht.

Wie alltäglich ist eine solche Überwachung?

Die technischen Möglichkeiten sind keine Überraschung. Die Tatsache, dass auch Delegationen von britischen Verbündeten wie Türkei und Südafrika ins Visier der Geheimdienste gerieten, könnte für diplomatische Turbulenzen sorgen. Die Bundesregierung hielt sich am Montag allerdings noch bedeckt. Vize-Regierungssprecher Georg Streiter sagte, er habe keine Informationen zu den Vorgängen. Er bemühe sich, „vielleicht welche zu bekommen“, wisse aber nicht, ob er diese dann weitergeben könne.

Waren zu den G20-Gipfeln nur die britischen Geheimdienste aktiv?

In den Unterlagen des „Guardian“ ist auch von Versuchen des US-Abhördienstes NSA die Rede, Anrufe des damaligen russischen Präsidenten Dmitri Medwedew nach Moskau abzufangen und zu entschlüsseln, die über einen Satellitenkanal liefen. Allerdings schreibt die Zeitung nichts darüber, ob die Anstrengungen erfolgreich waren. Die Enthüllungen könnten Regierungen veranlassen, noch stärker auf im eigenen Land entwickelte Kommunikationsdienste und Verschlüsselung zu setzen.

Die Aufdeckungsserie zur Datenspionage hat das Medienhaus seinen hervorragenden Ruf und seiner klaren Haltung zu verdanken. Im vergangenen Sommer entschied sich der Buchautor, Kolumnist und Blogger Glenn Greenwald, nicht länger auf der Website Salon.com zu veröffentlichten, sondern beim US-Ableger des „Guardian“. Die Zeitung habe Greenwald umworben, da er nicht in Washington sitze und damit eine kritische Distanz zur Hauptstadt wahre, sagte damals die US-Chefredakteurin des „Guardian“, Janine Gibson. Greenwald lebt in Brasilien, da sein Lebenspartner aufgrund von US-Gesetzen keine Chance auf eine Arbeitserlaubnis in den USA habe.

Greenwald hatte sich seit Jahren den Ruf umworben, kritisch über Internetfreiheit, Datenschutz und ähnliche Themen zu schreiben. Darauf war auch 29-jährige Informant Edward Snowden aufmerksam geworden. Er kontaktierte Greenwald und die Filmemacherin Laura Poitras. Sie ist für Film-Dokumentationen bekannt, in denen sie mit „Whistleblowern“ gearbeitet hat. In einem Interview erläuterte Poitras, dass Snowden sich wohl aus Misstrauen gegenüber anderen Medien für „Guardian“ und „Washington Post“ entschieden hatte.

Den privilegierten Zugang zu Snowden spielt die Zeitung in London geschickt aus.

Kommentare (4)

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Account gelöscht!

17.06.2013, 16:44 Uhr

Also ich wusste dies nicht mit den leeren Taschen beim Guardian. Aber bei mir kommt jetzt der Guardian auf die taegliche Lektuere und mit Adblocker aus. Werde es gegen Bild (Plus) tauschen, welches fuer mich ohne Bezahlung nicht mehr lesbar ist. Mir geht es dabei nicht um ein paar Euro, sondern um die Grenze von Journalismus zu Geldmacherei durch Effekthascherei.

Ich werde meine Medienlandschaft neu orientieren und danke dem HB fuer den Hinweis auf die finanzielle Lage des Guardians.

Account gelöscht!

17.06.2013, 21:04 Uhr

DEM GUARDIAN GEHT ES ÄHNLICH WIE DER FR

Auch die politische Ausrichtung ist ähnlich. Linksgrün und antiweiß-rassistisch bedingungslos islamophil.

Natürlich ist der Guardian nicht so hetzerisch und hält sich gewöhnlich noch an journalistische Mindeststandards wie beispielsweise keine falschen Faktenbehauptungen wie die FR.

Verdient weiter zu existieren haben beide Blätter sicher nicht.

Liberal

17.06.2013, 21:33 Uhr

Für mich ist die Berichterstattung des Gardians sehr bedenklich. Die politisch einseitige Berichterstattung ist das eine, was mich aber wirklich stört ist der versteckte Antisemitismus des Gardians. Man kann bei dem Blatt fast das Gefühl haben, es ist besessen von einem Hass gegen Juden und Israel.

Pat Condell, der britische Stand-Up Comedian, Schriftsteller und Internetaktivist, hat die Zeitung deshalb schon mal als die "The ugliest newspaper in Britain" bezeichnet.

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