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29.12.2016

12:13 Uhr

Hackerkongress in Hamburg

Früher Hacker, heute gefragte IT-Sicherheitsexperten

VonIna Karabasz

Der größte Hackerkongress Europas ist bunt, wuselig – und ernst. Denn die Zahl der Cyberangriffe steigt stetig. Längst sind aus Nerds gefragte IT-Experten geworden. Insbesondere für die Sicherheitslücken in Smartphones.

Zum 33. Chaos Communication Congress (CCC) fanden sich zahlreiche internationale Hacker und Computerinteressierte in Hamburg ein. dpa

Sprung in die Zukunft

Zum 33. Chaos Communication Congress (CCC) fanden sich zahlreiche internationale Hacker und Computerinteressierte in Hamburg ein.

HamburgIkonen finden sich überall. Ein überraschter Applaus brandet auf, die ersten erheben sich von ihren Plätzen. Kurz darauf steht fast der ganze Saal. Auf der großen Leinwand über der Bühne ist auf einmal Edward Snowden erschienen. Unangekündigt. Eine Videoschaltung, denn Snowden steckt immer noch in Russland fest. Der weltbekannteste Whistleblower nimmt den Applaus mit einem leicht verlegenen Lächeln an, dabei war ihm vor diesem Publikum der große Auftritt gewiss.

Rund 12.000 Besucher sind in diesen Tagen zwischen Weihnachten und Neujahr nach Hamburg ins Kongresszentrum gekommen. Hacker. Computerinteressierte. Es ist der nun im 33. Jahr stattfindende Chaos Communication Congress des deutschen Chaos Computer Clubs (CCC), einer Hackerzusammenkunft. Nach Aussage des Clubs ist es damit das weltweit größte nicht-kommerzielle Hackertreffen.

Große Hacker-Angriffe der vergangenen Jahre

Yahoo

Es ist der wahrscheinlich größte Datendiebstahl bei einem einzigen Unternehmen bislang: Mindestens eine halbe Milliarde Nutzer des US-Internetkonzerns Yahoo sind Opfer eines Hackerangriffs geworden. Die Kriminellen erbeuteten E-Mail-Adressen, Geburtsdaten, Telefonnummern, Passwörter und auch unverschlüsselte Sicherheitsfragen, wie Yahoo am Donnerstag mitteilte. Der Angriff ereignete sich schon Ende 2014, im August 2016 wurden 200 Millionen Daten im Netz zum Kauf angeboten – für umgerechnet 1700 Euro.

Ebay

Bei der im Mai 2014 bekanntgewordenen Attacke verschafften sich die Hacker Zugang zu Daten von rund 145 Millionen Kunden, darunter E-Mail- und Wohnadressen sowie Login-Informationen. Die Handelsplattform leitete einen groß angelegten Passwort-Wechsel ein.

Target

Ein Hack der Kassensysteme des US-Supermarkt-Betreibers machte Kreditkarten-Daten von 110 Millionen Kunden zur Beute. Die Angreifer konnten sich einige Zeit unbemerkt im Netz bewegen, die Verkäufe von Target sackten nach Bekanntgabe im Dezember 2013 ab, weil Kunden die Läden mieden.

Home Depot

Beim Angriff auf die amerikanische Baumarkt-Kette gelangten Kreditkarten-Daten von 56 Millionen Kunden in die Hände unbekannter Hacker, wie im September 2014 mitgeteilt wurde. Später räumte Home Depot ein, dass auch über 50 Millionen E-Mail-Adressen betroffen waren.

JP Morgan

Die Hacker erbeuteten bei der im August 2014 bekanntgewordenen Attacke auf die US-Großbank die E-Mail- und Postadressen von 76 Millionen Haushalten und sieben Millionen Unternehmen.

Sony Pictures

Ein Angriff, hinter dem Hacker aus Nordkorea vermutet wurden, legte für Wochen das gesamte Computernetz des Filmstudios lahm. Zudem wurde die E-Mail-Korrespondenz aus mehreren Jahren erbeutet. Die Veröffentlichung vertraulicher Nachrichten sorgte für höchst unangenehme Momente für mehrere Hollywood-Player.

Ashley Madison

Eine Hacker-Gruppe stahl im Juli 2015 Daten von rund 37 Millionen Kunden des Dating-Portals. Da Ashley Madison den Nutzern besondere Vertraulichkeit beim Fremdgehen versprach, waren die Enthüllungen für viele Kunden schockierend.

V-Tech

Der Spezialist für Lernspielzeug räumte den Hacker-Angriff im November 2015 ein. Später wurde bekannt, dass fast 6,4 Millionen Kinder-Profile mit Namen und Geburtsdatum betroffen waren, davon gut 500.000 in Deutschland.

Inzwischen sind die Hacker längst aus den dunklen Räumen gekommen, in denen sie vermeintlich früher gesteckt haben. Alles ist eine bunt beleuchtete Mischung aus Kirmes und Sagenland. Nerds – so wurden sie lange genannt. Nun versucht man den Begriff zu vermeiden, schließlich sind sie heiß begehrte Angestellte. IT-Experten und gerade IT-Sicherheitsexperten werden von den Unternehmen händeringend gesucht. Irgendwer muss die Systeme der Firmen sicherer machen. Das macht die hohe Zahl der Angriffe klar: auf die Telekom, auf Yahoo, auf Thyssen-Krupp, nun auch auf die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE). Die Liste der betroffenen Unternehmen und Organisationen ließe sich üppig erweitern.

„Die IT-Sicherheit und die Fragen der Sicherheitslücken in Software- und Betriebssystemen auf Mobiltelefonen beschäftigt uns auf dem Kongress sehr stark”, nennt CCC-Sprecherin Constanze Kurz gegenüber dem Handelsblatt die drängendsten Probleme. „Und nach wie vor geheimdienstliche Hackerangriffe.”

Chaos Computer Club

„Derzeit sind Fake News nicht das brennendste Problem von Hackern“

Chaos Computer Club: „Derzeit sind Fake News nicht das brennendste Problem von Hackern“

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Und so schwebt auch ein unausgesprochenes Selbstverständnis über allem – dem Tisch, auf dem man echte Schlösser knacken kann, den Gruppen mit Laptops überall, den vielen Ständen, die für Datenschutz werben. Noch nie waren Computerspezialisten so gefragt wie heute.

Doch wie hier die meisten Teilnehmer wissen: Auf große Kraft folgt große Verantwortung. Bei den Vorträgen, die bis nach Mitternacht laufen, geht es nicht nur darum, sich über Systemlücken und neue Hackertools auszutauschen. Sondern es geht auch darum, sie richtig einzusetzen. Gegen staatliche Überwachung, gegen Wahlmanipulation oder gegen Hass im Netz und gegen Unterdrückung. Hacken heißt nicht automatisch kriminell sein – das ist vielen hier wichtig. Es ist Snowden selber, der sagt, bei der staatlichen Überwachung ginge es nicht nur den Schutz der Bürger – sondern um Macht.

Maßnahmen gegen Hackerangriffe: Wirrwarr im WWW

Maßnahmen gegen Hackerangriffe

Premium Wirrwarr im WWW

Die Zahl der Cyberattacken in Deutschland nimmt zu. Die Gefahr aus dem Netz stellt die Bundesregierung vor neue Herausforderungen. Woher und von wem kommt ein Angriff? Und welche Behörde, welches Ministerium ist zuständig?

Doch soll bei den ganzen ernsten Themen der Spaß nicht abhandenkommen. In der durchsichtigen, aufblasbaren Halbkugel vor der Tür startet schon früh die Elektroparty. An der Bar bilden sich lange Schlangen. Schließlich feiert man auch sich selber.

Denn die Hackercommunity kann auf eine lange Geschichte zurückblicken: Gegründet wurde des Chaos Computer Club 1981 in Berlin. Damals begann die Zeit der ersten einfachen Heimcomputer – und damit der Einzug der Informationstechnologie ins Leben der Menschen. Immer wieder hat der Club demonstriert, welche Lücken große IT-Systeme aufweisen: So wurden per Computer mithilfe des Bildschirmtext-Netzwerks von einer Hamburger Bank 134.000 DM „gestohlen” und am nächsten Tag vor den Augen der Presse zurückgegeben. Aus Protest gegen die Nutzung von biometrischen Daten in den neuen Personalausweisen knackten die Hacker im März 2008 die Datenbanken und veröffentlichten die Fingerabdrücke des damaligen Innenministers Wolfgang Schäuble.

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