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04.09.2013

17:46 Uhr

Insolvenzplan für Suhrkamp zugelassen

Barlach muss Millionen zahlen

5,4 Millionen Euro zahlt Suhrkamp-Miteigentümer Hans Barlach an den Schweizer Unternehmer Andreas Reinhart. Vorangegangen war ein Urteil des Schweizer Bundesgerichts. Einfluss auf Barlachs Arbeit habe dies aber nicht.

Bücher der „edition suhrkamp“ aus dem Suhrkamp Verlag. dpa

Bücher der „edition suhrkamp“ aus dem Suhrkamp Verlag.

BerlinDoppelter Schlag für Suhrkamp-Miteigentümer Hans Barlach: Das Amtsgericht Berlin-Charlottenburg hat den Insolvenzplan für den traditionsreichen Verlag zugelassen, wie Suhrkamp am Mittwoch mitteilte. Damit wird der Verlag von einer Kommandit- in eine Aktiengesellschaft umgewandelt. Miteigentümer Hans Barlach, der 39 Prozent an der KG hält und mit Verlagschefin Ulla Unseld-Berkéwicz (59 Prozent) zerstritten ist, verliert damit weitreichende Mitspracherechte. Zudem verpflichtete das Schweizer Bundesgericht in Lausanne den 58-Jährigen zur Zahlung eines Millionenbetrags.

Chronologie im Suhrkamp-Streit

2002

Nach dem Tod von Suhrkamp-Leiter Siegfried Unseld gehen seine Anteile (51 Prozent) an eine Familienstiftung. Diese leitet seine Witwe Ulla Unseld-Berkéwicz. 20 Prozent des Verlags gehören Unselds Sohn Joachim, der Rest (29 Prozent) dem Schweizer Investor Andreas Reinhart. 2003: Unseld-Berkéwicz übernimmt die Geschäftsführung. Es gibt auf vielen Ebenen Streit um Kompetenzen.

2006

Der Medienunternehmer Hans Barlach kauft den 29-Prozent-Anteil des Schweizers Andreas Reinhart gemeinsam mit dem Hamburger Investmentbanker Claus Grossner. Das Geschäft wird gegen den Willen der Verlagschefin ausgehandelt.

2009

Joachim Unseld verkauft seine Beteiligung am Verlag. Sein 20-Prozent-Anteil geht zu gleichen Teilen an die Familienstiftung und Barlachs Medienholding. 2010: Der Verlag verlegt seinen Sitz von Frankfurt (Main) nach Berlin.

2011

Barlach verklagt die Geschäftsführung unter anderem, weil sie Firmengelder veruntreut haben soll. Er wirft Unseld-Berkéwicz vor, mit Geld des Verlags in ihrem Privathaus im Berliner Stadtteil Nikolassee Räume für Lesungen und Autoren zu mieten, ohne ihn als Mitgesellschafter vorher zu fragen.

2012

5. Dezember: Die zerstrittenen Gesellschafter verlangen vor dem Landgericht Frankfurt (Main), sich gegenseitig auszuschließen. Sollte es dazu nicht kommen, müsse der Verlag aufgelöst werden, verlangt Barlach.
10. Dezember: Ulla Unseld-Berkéwicz wird per Gerichtsbeschluss als Geschäftsführerin des Suhrkamp Verlags abberufen. Das Landgericht Berlin setzt damit einen entsprechenden Beschluss der Gesellschafterversammlung vom November 2011 rückwirkend in Kraft. Die Verlegerin soll wegen der Anmietung von Räumen im Privathaus auch 282 500 Euro Schadenersatz an den Verlag zahlen. Sie legt Berufung ein.
13. Dezember: Barlach verlangt eine neue Geschäftsführung.
15. Dezember: Renommierte Suhrkamp-Autoren wie Uwe Tellkamp stellen sich hinter Unseld-Berkéwicz und drohen mit einem Wechsel des Verlags, falls Barlach dort die Macht bekommt.
17. Dezember: Es wird bekannt, dass der frühere Kulturstaatsminister Michael Naumann nach dem Wunsch der Familienstiftung im Streit vermitteln soll. Barlach lehnt ihn als Mediator aber ab. Suhrkamp zeigt sich trotzdem weiter gesprächsbereit.
30. Dezember: Barlach verlangt für eine Mediation den Rückzug der Familienstiftung aus der Geschäftsführung.

2013

4. Januar: Mehr als 160 Wissenschaftsautoren des Suhrkamp Verlags fordern eine gütliche Lösung im Gesellschafterstreit.
10. Januar: In einem Appell ergreifen mehr als 70 renommierte Autoren Partei für Verlegerin Unseld-Berkéwicz.
24. Januar: Die Suhrkamp-Chefin lehnt einen Rücktritt ab.
8. Februar: Barlach beharrt als Voraussetzung für einen Kompromiss auf dem Rückzug der Geschäftsführung.
13. Februar: Das Landgericht Frankfurt vertagt das Verfahren. Es verweist auf die außergerichtlichen Vermittlungsbemühungen und bestimmt den 25. September als weiteren möglichen Verhandlungstermin.

Nach dem der dpa vorliegenden Schweizer Urteil muss Barlach umgerechnet 5,4 Millionen Euro Schulden vom früheren Kauf seiner Suhrkamp-Anteile an den Schweizer Unternehmer Andreas Reinhart zahlen. Barlach will der Forderung nach Angaben seines Schweizer Anwalts Carl Ulrich Mayer nachkommen. „Wir sind mit Herrn Reinhart im Gespräch und bereiten die Zahlung vor“, sagte Mayer der dpa. Auf Barlachs Engagement bei Suhrkamp habe die Entscheidung keine Auswirkung.

Der Enkel des Bildhauers Ernst Barlach hatte 2006/07 über eine Aktiengesellschaft von Reinhart Suhrkamp-Anteile für 10,8 Millionen Schweizer Franken gekauft. Fast die Hälfte des Geldes - umgerechnet rund vier Millionen Euro - blieb er damals schuldig. Das Handelsgericht des Kantons Zürich hatte ihn deshalb schon im Mai verpflichtet, das ausstehende Geld plus 7,5 Prozent Zinsen seit 2009 an Reinhart zu zahlen.

Der Suhrkamp Verlag und seine Krise: Der siebenjährige Krieg

Der Suhrkamp Verlag und seine Krise

Der siebenjährige Krieg

Im November 2006 tun sich vier Männer zusammen, um den Suhrkamp Verlag zu erobern. Bis heute kämpft eine von ihnen als Minderheitsgesellschafter erbittert gegen die Verlegerin von Suhrkamp. Der Verlag ist jetzt pleite.

Das Bundesgericht wies jetzt mit Urteil vom 2. September Barlachs Beschwerde gegen diese Entscheidung zurück. Sie ist damit rechtskräftig. Inzwischen haben sich die Schulden auf umgerechnet 5,4 Millionen Euro summiert. Reinharts Anwalt David Horak sagte, Barlach müsse nun seinen Ankündigungen Taten folgen lassen und den Ausstand begleichen.

Beim Suhrkamp Verlag kann unterdes mit der Zustimmung des Amtsgerichts der im August vorgelegte Insolvenzplan umgesetzt werden. Wie das Traditionshaus mitteilte, wurden für die erste Phase der geplanten Suhrkamp AG als Aufsichtsratsmitglieder der frühere FDP-Innenminister Gerhart Baum, Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger und Marie Warburg, die Frau des früheren Kulturstaatsministers Michael Naumann, benannt. Gerichtssprecher Ulrich Wimmer wollte die Entscheidung des Amtsgerichts noch nicht bestätigen.

Barlach hatte den Insolvenzantrag massiv kritisiert. Seiner Ansicht nach hat die Geschäftsführung um Unseld-Berkéwicz die Zahlungsunfähigkeit absichtlich herbeigeführt, um ihn aus dem Verlag zu drängen. Das Landgericht Frankfurt gab Barlach darin kürzlich recht und warf Unseld-Berkéwicz vor, „grob treuwidrig“ gehandelt zu haben. dtv und die Darmstädter Unternehmerfamilie Ströher haben Interesse an einer Beteiligung am Suhrkamp Verlag signalisiert.

Von

dpa

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