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01.08.2014

09:23 Uhr

Interesse an Snapchat

Internet-Riese Alibaba drängt in die USA

VonBritta Weddeling

Kurz vorm Börsengang baut der chinesische Online-Händler Alibaba seine Präsenz in Silicon Valley aus. Er spricht mit dem Start-up Snapchat über eine Milliardenbeteiligung – und sticht womöglich Google und Facebook aus.

Alibaba ist in China bereits eine Riesennummer – hier eine Werbung in Hongkong. Nun expandiert der Konzern in die USA. AFP

Alibaba ist in China bereits eine Riesennummer – hier eine Werbung in Hongkong. Nun expandiert der Konzern in die USA.

Wenn Jack Ma ein Ziel erreichen will, kann er ziemlich beharrlich sein. Sieben Jahre lang quälte sich der Gründer der Alibaba Group durch die Grundschule, bis er den Abschluss schaffte. Zehn Mal rasselte er durch die Aufnahmeprüfung in Harvard. Zwischenzeitlich schlug sich der chinesische Top-Manager als Fremdenführer, Englischlehrer und Schuldeneintreiber durch. Doch nie verlor Ma den Glauben an den eigenen Erfolg. Heute besitzt der 49-Jährige ein geschätzten Privatvermögen von 10 bis 11,4 Milliarden Dollar. Bald dürfte der Mann noch reicher sein.

In wenigen Wochen, Anfang September, will der Ex-Pädagoge sein Unternehmen an die Wall Street bringen. Die Technikwelt erwartet einen der größten Börsengänge der Internet-Geschichte. Analysten schätzen den Wert des im chinesischen Hangzhou ansässigen Konzerns auf bis zu 160 Milliarden Dollar. Mit 300 Millionen Kunden und 25.000 Beschäftigten gehört Ma das größte Online-Kaufhaus der Welt.

Alibaba-Gründer Jack Ma will sein Unternehmen an die Wall Street bringen. Reuters

Alibaba-Gründer Jack Ma will sein Unternehmen an die Wall Street bringen.

Um sich für die Anleger noch attraktiver zu machen, baut seine Firma derzeit die Präsenz in den USA aus. Mit Snapchat, bekannt für den Dienst, bei dem sich Fotos nach wenigen Sekunden selbst löschen, sprach Alibaba über eine Finanzierung in Höhe von zehn Milliarden Dollar. Das berichten die Nachrichtenagentur Bloomberg und die „New York Times“ unter Hinweis auf Quellen aus dem Firmenumfeld. Offiziell wollen sich weder Investor noch Startup dazu äußern. Doch kommt der Deal zustande, wäre dies nicht die erste Beteiligung des chinesischen Imperiums an einem Newcomer aus den USA.

In den letzten zwei Jahren legte Jack Ma große Summen in Gründungen aus Silicon Valley an. Besonders reizen die Firma mobile Anwendungen für E-Commerce, Messaging und neue Technologien. Mit 125 Millionen Dollar beteiligte sich der Konzern erst im März an Tangome aus Mountain View, einer populären App für Videotelefonate. Einen Monat später folgte unter Führung von Alibaba eine 250 Millionen Dollar schwere Runde für den in San Francisco ansässigen Carsharing-Dienst Lyft. Weiterhin zum Portfolio gehören das Online-Portal Shoprunner und Quixey, eine innovative Suchmaschine für Apps.

Die jüngste Investition: Alibaba investiert 120 Millionen Dollar in Kabam, das mobile Spiele entwickelt. Auf rund eine Milliarde Dollar taxiert der chinesische Konzern das Start-up.

Jack Ma investiert damit konsequent in Geschäftsmodelle, die das Angebot der Alibaba Group auf Smartphone und Tablet ergänzen. Der zu der Gruppe gehörige Bezahldienst Alipay will nach eigenen Angaben im vergangenen Jahr 70 Prozent aller mobilen Zahlungen in China abgewickelt haben. Insgesamt setzt der Verkaufsriese über die digitalen Marktplätze Taobao und Tmall bis zu 80 Prozent des chinesischen Web-Handels um.

Die heißen Smartphone-Dienste

Snapchat

Mit der Snapchat-App können Nutzer Textnachrichten, Fotos und Videos verschicken, die sich nach einem kurzen Zeitraum selbst löschen. Gerade unter Jugendlichen ist die Anwendung beliebt – vermutlich nicht selten für Anzüglichkeiten. Die Gründer lehnten mehrere milliardenschwere Übernahmeangebote ab, auch Facebook ließen sie abblitzen.

Instagram

Ein Produkt des Smartphone-Zeitalters ist der Foto-Dienst Instagram: Er war von vornherein nur für mobile Geräte ausgelegt. Nutzer können Fotos und Videos aufnehmen, mit Filtern aufpeppen und hochladen. Das Prinzip von Instagram erinnert an Twitter, nur dass es hier ausschließlich um Bilder geht. Facebook übernahm den Dienst 2012 für umgerechnet eine Milliarde Dollar.

Pinterest

Beim Fotodienst Pinterest sammeln die Nutzer Bilder von verschiedenen Websites in digitalen Notizbüchern – meistens mit dem Smartphone. Die Entwicklung von Pinterest wird von Urheberrechtssorgen begleitet: Die öffentlichen Sammlungen könnten nach Ansicht einiger Experten als Urheberrechtsverletzung ausgelegt werden. Das Unternehmen hat inzwischen eine Milliardenbewertung.

Whatsapp

In immer mehr Ländern wird Whatsapp zum SMS-Ersatz. Der Dienst erlaubt es, Kurznachrichten, Bilder und Videos über Internet zu verschicken. Die App läuft auf sämtlichen Betriebssystemen. Trotz etlicher Sicherheitspannen gehört Whatsapp zu den beliebtesten Smartphone-Anwendungen, sie hat nach Unternehmensangaben 500 Millionen Nutzer. Facebook hat das Start-up für 22 Milliarden Dollar übernommen.

Line

Ähnliche wie Whatsapp funktioniert Line, eine App mit asiatischem Ursprung. Sie bietet Instant Messaging für Smartphone und PC. Nutzer können nicht nur Textnachrichten, Fotos und Videos tauschen, sondern auch Telefonate führen. Eine Besonderheit sind virtuelle Sticker, die man in einem Shop kaufen kann.

Vine

Mit dem Dienst Vine können Nutzer bei Twitter sechs Sekunden kurze Videoschnappschüsse hochladen, die in einer Endlosschleife laufen. Der Zwitscherdienst übernahm das Start-up nur wenige Monate nach dessen Gründung im Sommer 2012. Vine hat nach Angaben vom Sommer 40 Millionen Nutzer.

Periscope

Videoübertragungen in Echtzeit ermöglicht der Dienst Periscope, der zu Twitter gehört. Die Bedienung ist bewusst einfach gehalten: App öffnen, „Broadcast“ klicken – schon beginnt der Live-Stream. Ein konkurrierendes Angebot ist Meerkat.

Tumblr

Twitter ist kurzatmige Internet-Kommunikation, Blogs lassen sich mehr Zeit. Irgendwo dazwischen befindet sich Tumblr, ein 2007 gegründeter Web-Dienst für das unkomplizierte Veröffentlichen im Netz. Ähnlich wie bei Twitter kann man bei Tumblr anderen Nutzern folgen und sieht dann deren Beiträge im sogenannten Dashboard, einer Übersichtsseite. 2013 übernahm Yahoo das Start-up für 1,1 Milliarden Dollar.

Hintergrund für das Interesse an der Fotonachrichten-App Snapchat dürfte vor allem der Kampf mit Konkurrent Tencent um die mehr als 500 Millionen chinesischen Smartphone-Nutzer sein. Tencent, as größte Internet-Unternehmen Chinas, dominiert das mobile Texten mit der App Wechat und fast 400 Millionen Nutzern. Alibaba will dagegen halten.

10 Milliarden – das wäre trotzdem viel Geld für das erst vier Jahre alte Startup. Schließlich kann die Firma nicht einen Dollar Ertrag oder gar Gewinn vorweisen. Doch die Gründer Evan Spiegel und Jim Wilkinson locken mit ihrem Angebot besonders die jungen, 13 bis 25 Jahre alten Nutzer. Bis zu 700 Millionen Foto- und Video-Botschaften versenden seine Nutzer täglich, teilte Snapchat vergangenen November mit. Damit punktet der Foto-Dienst genau in jener Zielgruppe, die traditionellen sozialen Netzwerken wie Facebook gerade davonlaufen.

Kurz vor dem Börsengang setzt Alibaba mit den Gesprächen um den 10 Milliarden Dollar starken Deal mit Snapchat damit ein erstes Zeichen in Richtung der Marktführer in Silicon Valley. Die Kaufofferte von Facebook-Gründer Mark Zuckerberg in Höhe von drei Milliarden Dollar wies das Gründer-Duo Spiegel/Wilkinson ebenso ab wie die von Google, das vier Milliarden Dollar bot.

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