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26.02.2014

10:15 Uhr

Internet der Dinge

Ein Versprechen für die Zukunft

VonMartin Wocher

Menschen, Smartphones, Maschinen – die Technologiebranche will alles vernetzen. Doch der Mobile World Congress zeigt: Es fehlen noch Standards und Rechtsrahmen. Der Kampf um die Deutungshoheit im Internet der Dinge.

Alles wird vernetzt: Milliarden von Geräten werden in naher Zukunft miteinander vernetzt sein, vom Smartphone über den Motorradhelm bis zum Haus. Reuters

Alles wird vernetzt: Milliarden von Geräten werden in naher Zukunft miteinander vernetzt sein, vom Smartphone über den Motorradhelm bis zum Haus.

BarcelonaEin Motorradhelm ist ein Motorradhelm – normalerweise. Doch dieser weiße Kopfschutz ist gleich eine ganze Kommunikationseinheit: Automatischer Notruf, Kamera für Panoramaaufnahmen, Telefon und Navigationsgerät ohnehin, die Möglichkeit der Konferenzschaltung, wenn ein ganzer Pulk auf schweren Maschinen unterwegs ist. Doch der Clou verbirgt sich in den unscheinbaren Handschuhen: Zuckt der rechte Zeigefinger oder Daumen, kann der Fahrer die verschiedenen Funktionen über Sensoren steuern – beide Hände bleiben am Lenker, sicherheitshalber.

Von außen ein normaler Helm – doch im Inneren sind Telefon, Navigationsgerät und Kamera. PR

Von außen ein normaler Helm – doch im Inneren sind Telefon, Navigationsgerät und Kamera.

Dieser Helm, den der spanische Mobilfunkanbieter Telefonica auf dem Mobile World Congress in Barcelona zeigt, lässt keine Wünsche offen. Das publikumswirksame Demonstrationsobjekt zeigt, was in der vernetzten Welt alles schon möglich ist.

Dabei ist es nur der Anfang. Milliarden von Geräten werden in naher Zukunft miteinander vernetzt sein – Laptops, Tablets und Smartphones, aber auch immer mehr Kaffeemaschinen, Kühlschränke oder Autos. Von der industriellen Anbindung bis hin zur virtuellen Fabrik ganz zu schweigen.

„Künftig wird sich mehr die Frage stellen, welche Maschine noch nicht mit dem Internet verbunden ist“, sagte Cisco-Chef John Chambers dem Handelsblatt. Der Chef des US-Telekomausrüsters rechnet damit, dass sich das Datenvolumen, das all die Geräte Tag für Tag produzieren werden, bis zum Jahr 2020 mehr als verzehnfachen wird – eine gigantische Flut von Informationen, die gesammelt, aufgearbeitet, ausgewertet und in neue lukrative Geschäftsmodelle gegossen werden soll.

Das Internet der Dinge

Alltägliche Objekte im Netz

Das Internet ist bekannt als Infrastruktur, über die Menschen Daten austauschen – ob mit dem PC, Laptop oder Smartphone. Es geht also letztlich um Computer, die miteinander kommunizieren. Doch heutzutage lassen sich immer mehr Objekte vernetzen: Heizung und Haustür, T-Shirt und Brille, Auto und Heizung.

Eine Sache, viele Begriffe

Den Begriff „Internet der Dinge“ prägten Wissenschaftler am Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Boston Ende der 90er Jahre. Es kursieren aber viele Begriffe. „Industrial Internet“ betont die wirtschaftliche Bedeutung, „Machine to Machine“ (abgekürzt M2M) beschreibt eher technisch, dass Geräte autonom Daten austauschen.

Einsatz in der Wirtschaft

Bislang ist das Internet der Dinge vor allem eine Sache der Wirtschaft: Logistikunternehmen verfolgen beispielsweise den Weg von Lieferungen. Technologie-Hersteller bringen aber zunehmend auch Produkte für Verbraucher auf den Markt, etwa Heizungssteuerungen.

Mini-Computer und Funkantenne

Vernetzte Objekte benötigen eine Art Mini-Computer und eine Funkantenne, außerdem Sensoren – im Fall einer Heizungssteuerung etwa, um die Temperatur zu messen. Diese Komponenten sind in den vergangenen Jahren so geworden, dass immer neue Einsatzgebiete in Frage kommen.

Sextillionen von Adressen

Damit vernetzte Objekte übers Internet gesteuert werden können, muss man sie eindeutig ansprechen können. Ein neuer Standard namens IPv6 soll dafür sorgen, dass auch im Zeitalter vernetzter Autos und Heizungen genügend IP-Adressen vorhanden sind – es sind 340 Sextillionen, also eine 340 mit 36 Nullen.

Markt mit Riesenpotenzial

Es ist schwierig, den Vernetzungstrend in Zahlen zu fassen, der Markt ist noch zu jung. Der Marktforscher Gartner wagt die Prognose, dass bis 2020 rund 26 Milliarden Geräte im Internet der Dinge sind – PCs, Tablets und Smartphones sind darin nicht eingeschlossen. Der Umsatz mit Produkten und Diensten werde auf mehr als 300 Milliarden Dollar wachsen. Noch optimistischer ist der Netzwerkausrüster Cisco, der bis dahin 50 Milliarden vernetzte Geräte erwartet.

Diskussion über Datenschutz

Der Siegeszug der vernetzten Geräte dürfte einige Diskussionen über den Datenschutz nach sich ziehen. Ein Beispiel: Darf eine Versicherung die Bewegungsdaten eines Autobesitzers auswerten, um den Tarif ans Fahrverhalten anzupassen? Oder darf die Polizei nach einem Unfall überprüfen, ob der Fahrer zu schnell war?

Das vernetzte Auto dürfte als erstes den Durchbruch zur Massenanwendung schaffen. In Barcelona stellte Ford erstmals überhaupt in seiner Geschichte ein neues Fahrzeug auf einer fachfremden Messe vor – nicht auf dem Autosalon in Genf in weniger Wochen. Die Motivation ist klar: „Autoindustrie und Mobilfunktechnologie wachsen zusammen“, sagte Europachef Steve Odell bei der Präsentation des neuen Fokus.

Ford war nicht das einzige Fahrzeug auf den Messeständen: Der US-Chiphersteller für Mobilfunkgeräte Qualcomm lockte mit einem matt-schwarzen AMG-Mercedes, Telefonica mit einem vollvernetzten weißen Stromer des kalifornischen Newcomers Tesla, ZTE mit einem autonom fahrenden Chevrolet.

Für die Autobranche geht es dabei um weit mehr als um verbesserte Navigationsgeräte, Internet- und Mobilfunkanschluss. Es geht um Service, Motoranalyse, Verkehrssteuerung und Sicherheit. So messen beim neuen Fokus Sensoren und Kameras den Abstand zum vorausfahrenden Fahrzeug. Wird er innerorts zu knapp, wird automatisch gebremst. Künftig werden das die Fahrzeuge über Vernetzung sogar untereinander regeln. „Das ist ein Durchbruch für mehr Sicherheit im Straßenverkehr“, sagte Odell.

Branchenexperten wie Diethard Bühler, Partner der Beratungsgesellschaft Mobile Vision, äußern sich skeptischer. Solche automatischen Bremssysteme seien schon ein massiver Eingriff in die Autonomie des Fahrers. „Ich bin mir nicht sicher, ob das jeder möchte.“

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