Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

22.07.2011

14:58 Uhr

Interview mit Jeff Jarvis

„Murdoch hat den Journalismus irreparabel geschädigt“

VonAstrid Dörner

ExklusivNews Corp. kann sich News und die Murdochs nicht mehr leisten, sagt der renommierte Professor und Journalist Jeff Jarvis. Mehr noch: Die journalistischen Töchter schaden sogar dem Ruf des ganzen Konzerns.

Das Hauptquartier von News Corp. in New York. Quelle: AFP

Das Hauptquartier von News Corp. in New York.

Handelsblatt: Herr Jarvis, wie werden sich die Folgen des Abhörskandals in Großbritannien auf Rupert Murdochs Geschäfte in den USA auswirken? Sein Konzern News Corporation ist hier zu Hause, ebenso wie sein „Wall Street Journal“ ...

Jeff Jarvis: Viele konzentrieren sich gerade auf die möglichen juristischen Folgen in Großbritannien und in den USA. Ich denke jedoch, dass sich Murdochs Geschäft viel schneller verändern wird – lange bevor irgendwelche rechtlichen Entscheidungen getroffen werden.

Handelsblatt: Und wie?

News Corp. kann sich News und die Murdochs nicht mehr leisten, das ist meine These. Ich habe folgendes Szenario aufgestellt und betone, dass das Spekulationen sind: Nehmen wir an, das Kontrollgremium fordert und installiert ein unabhängiges Management. Dann würde jeder gescheite Manager feststellen, dass sich die journalistischen Töchter nicht mehr lohnen.

Und wie begründen Sie das?

Sie sind nicht besonders profitabel, sie sind ein kleiner Teil des Konzerns – und sie schaden dessen Ruf. Ein professionelles Management würde sich auf das Geschäft mit der Unterhaltung konzentrieren.

Das Murdoch-Drama 2011

Dienstag, 5. Juli

Die britische Tageszeitung Guardian berichtet, dass das Murdoch-Boulevardblatt "News of the World" die Handy-Mailbox des entführten und später ermordeten Mädchens abgehört haben soll und sogar Nachrichten gelöscht haben soll. So wollten die Journalisten Platz für weitere Nachrichten schaffen und an neue Informationen rankommen. Damit sind möglicherweise Beweise gelöscht worden. Zudem entstand bei den Angehörigen der Opfer der Eindruck, das Mädchen sei noch am Leben.

Mittwoch, 6. Juli

Der Guardian veröffentlicht den nächsten Vorwurf gegen "News of the World": Journalisten des Boulevardblatts, das zu Rupert Murdochs Medienkonzern News Corporation gehört, sollen auch Handy-Mailboxen von Angehörigen gefallener Soldaten angezapft haben. Zumindest fanden sich persönliche Informationen über die Hinterbliebenen der Soldaten in den Unterlagen eines Privatdetektivs, der für "News of the World" arbeitete.

Donnerstag, 7. Juli

James Murdoch, Sohn des News-Corporation-Chefs Rupert Murdoch und im Konzern für das Europa-Geschäft zuständig, verkündet die Einstellung von "News of the World". Am Wochenende werde die letzte Ausgabe erscheinen, die Anzeigenerlöse würden wohltätigen Organisationen zukommen. "News of the World" war mit einer Auflage von 2,6 Millionen Exemplaren die auflagenstärkste Zeitung in Großbritannien.

Freitag, 8. Juli

Andy Coulson, ehemaliger Chefredakteur von "News of the World", wird verhaftet und nach neunstündigem Verhör auf Kaution freigelassen. Coulson war von 2003 bis 2007 Chefredakteur des Revolverblatt. Danach arbeitete er als Kommunikationschef für den britischen Premier David Cameron. Er trat von diesem Posten Anfang 2010 wegen der Abhöraffäre zurück, behauptete aber stets nichts von illegalen Recherchepraktiken gewusst zu haben.

Sonntag, 10. Juli

Die letzte Ausgabe der "News of the World" erscheint. Mit der Zeile "Thank you & Goodbye" verabschiedet sich die 200 Mann starke Redaktionsmannschaft von ihren Lesern. Die Zeitung war vor 168 Jahren gegründet worden.

Montag, 11. Juli

Die Oppositionspartei im britischen Parlament fordert Rupert Murdoch auf, seinen Antrag auf die vollständige Übernahme des britischen Satellitensenders BSkyB zurückzuziehen. Die Regierung schaltet das Kartellamt in der Sache ein. Es soll Murdochs Übernahmepläne prüfen. Genau das hat der Unternehmer zuvor verhindern wollen, indem er der Regierung einen Kompromissvoranschlag machte. Er wollte die BSkyB-Nachrichtensparte Sky News ausgliedern und so eine schnelle Genehmigung der Übernahme durch die Regierung erreichen. Diesen Kompromissvorschlag zog er am Montag (11. Juli) zurück und machte den Weg für ein langwieriges Kartellamtsverfahren frei.

Dienstag, 12. Juli

Murdoch kündigt einen großzügigen Rückkauf von News-Corporation-Aktien an, um den Kursverfall zu stoppen. Ursprünglich wollte er nur 1,8 Milliarden Dollar für die Kurspflege ausgegeben, jetzt erhöht er die Summe auf fünf Milliarden Dollar. Unterdessen erhöht auch die britische Regierung den Druck auf den Unternehmer und kündigt an: Man werde sich in einer Parlamentsabstimmung am Mittwoch dem Antrag der Opposition anschließen und so Murdoch nahebringen, seine BSkyB-Pläne aufzugeben.

Mittwoch, 13. Juli

Murdoch zieht seinen Antrag auf die Komplettübernahme von BSkyB zurück und kommt der Abstimmung im Parlament zuvor.

Für Mittwoch, 13. Juli

Das britische Parlament hat Murdoch und seinen Sohn James vorgeladen, um am Dienstag über den Abhörskandal bei News of the World vor einem Parlamentsausschuss Rede und Antwort zu stehen. Die beiden Murdochs haben ihr Kommen zugesagt. Zuvor hatten sie sich geweigert, auf freiwilliger Basis vor dem Ausschuss zu reden.

Donnerstag, 14. Juli

Das FBI nimmt Ermittlungen gegen News Corporation auf. Der Verdacht: Journalisten der News-Corporation-Zeitung "News of the World" sollen auch die Handy-Mailboxen von Opfern der Terroranschläge vom 11. September 2001 abgehört haben.

Freitag, 15. Juli

Die Murdoch-Spitzenmanagerin Rebekah Brooks tritt zurück. Brooks war zuletzt Chefin der britischen News-Corporation-Zeitungssparte News International. Sie war Chefredakteurin von "News of the World", als die Abhöraffäre ihren Lauf nahm.

Freitag, 15. Juli

Nicht nur Rebekah Brooks, sondern auch der Murdoch-Spitzenmanager Les Hinton hat seinen Rücktritt erklärt. Hinton war News-Corp-Europachef, als die Abhöraffäre ihren Lauf nahm. Zuletzt war er Chef des Dow-Jones-Verlages, der auch zu News Corp. gehört.

Samstag, 16. Juli

Aus offiziellen Unterlagen geht hervor, dass Premierminister David Cameron im vergangenen Jahr häufig mit führenden Vertretern der Medien zusammentraf, davon mehr als 20 Mal mit Beschäftigten Murdochs. Es sei in einem demokratischen Land nicht überraschend, dass es Kontakte zwischen der Führung und ranghohen Medienvertretern gebe, sagte Außenminister William Hague. Rupert Murdoch selbst hat sich in ganzseitigen Zeitungsanzeigen für den Abhörskandal bei seinem Boulevardblatt „News of the World“ entschuldigt. „We are Sorry“ („Es tut uns leid“) lautet die Überschrift des Anzeigentextes, der in allen landesweit erscheinenden Zeitungen Großbritanniens geschaltet worden war.

Sonntag, 17. Juli

Die Polizei nimmt Rebekah Brooks wegen Korruptionsverdachts fest. Sie gilt als enge Vertraute von Medienmogul Rupert Murdoch und war bis 2003 Chefredakteurin der eingestellten Skandalzeitung „News of the World“. Brooks hatte sich vor der Affäre vor allem durch ihre exzellenten Kontakte in die Politik ausgezeichnet. Sie konnte zwölf Stunden später wieder gehen.

Sonntag, 17. Juli

Nach Brooks Festnahme hatte Scotland-Yard-Chef Paul Stephenson am Abend überraschend seinen Rücktritt bekanntgegeben. Er war in die Kritik geraten, weil er sich einen Kur-Aufenthalt teilweise hatte bezahlen lassen.

Montag, 18. Juli

Die Nachfolgediskussion um den angeschlagenen Medienmogul Rupert Murdoch bekommt neues Futter. Nach einem Bericht der Finanz-Nachrichtenagentur Bloomberg könnte der fürs Tagesgeschäft von Murdochs News Corp. zuständige Chase Carey den 80-jährigen Firmenchef beerben. Es sei aber noch nichts entschieden, hieß es am späten Montag (Ortszeit) unter Berufung auf eingeweihte Personen.

Dabei liegen doch gerade die Zeitungen Rupert Murdoch besonders am Herzen.

Murdoch fand das Geschäft mit Nachrichten aus zwei Gründen wertvoll: aus Prestige und, wie Jay Rosen (US-Medienkritiker, Anmerkung der Redaktion) sagt, als Lobby-Arm. Aber das scheint jetzt nicht mehr so gut zu funktionieren.

Wer würde denn das „Wall Street Journal“ oder die britischen Zeitungen kaufen wollen?

Das ist die große Frage. Wenn wir nach Großbritannien schauen – und ich spekuliere immer noch –, könnte vielleicht ein Oligarch Interesse an der einen oder anderen Zeitung haben. Beim „Independent“ war es auch so.

Und in den USA?

Ich denke, ein Manager von außen würde sich die „New York Post“ anschauen und binnen Sekunden entscheiden, sie zu schließen. Sie macht Verluste in zweistelliger Millionenhöhe. Der TV-Sender „Fox News“ ist für die republikanische Partei wertvoll. Ich könnte mir vorstellen, dass reiche Republikaner vielleicht einen Buy-out machen, um ihn am Leben zu erhalten.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×