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10.11.2013

09:26 Uhr

Intrigen und Pannen

Die schmutzige Vergangenheit von Twitter

VonChristof Kerkmann

Twitter ist der neue Börsen-Star. Dabei stand der junge Internet-Dienst mehrfach vor dem Scheitern: Ein Buch enthüllt, wie sich die Gründer gegenseitig bekämpften und damit die Firma an den Rande des Abgrunds trieben.

Im Erfolg vereint: Twitter-Chef Costolo und die Gründer Dorsey, Williams und Stone (v.l.) beklatschen gemeinsam den Börsengang – trotz früherer Konflikte. ap

Im Erfolg vereint: Twitter-Chef Costolo und die Gründer Dorsey, Williams und Stone (v.l.) beklatschen gemeinsam den Börsengang – trotz früherer Konflikte.

DüsseldorfAn seinem letzten Tag als Twitter-Chef kniet Evan Williams auf dem Boden und übergibt sich in den Mülleimer. Der Verwaltungsrat verdrängt den Mitgründer der Firma von seinem Posten, auch wenn der Putsch in der Öffentlichkeit nach einem freiwilligen Rücktritt aussehen soll. Williams ist schlecht – vor Nervosität oder weil er etwas ausbrütet?

Mit dieser Szene aus dem Oktober 2010 beginnt der amerikanische Autor Nick Bilton sein Buch über den Internet-Dienst Twitter, das passend zum Börsengang in dieser Woche herausgekommen ist. Der Kolumnist der „New York Times“ beschreibt in teils pikanten Details, wie vier Freunde erst gemeinsam das Unternehmen gründeten, sich aber bald über Strategie und Macht zerstritten. Mit Details zum Geschäftsmodell hält er sich nicht lange auf, die 335 Seiten sind eher Drama als Wirtschaftsbuch, wie der Titel bezeugt: „Twitter. Eine wahre Geschichte von Geld, Macht, Freundschaft und Verrat“.

Biltons Schilderungen zeigen: Dass Twitter in dieser Woche mit Erfolg an die Börse gehen konnte, ist ein kleines Wunder. Denn Streitereien und Intrigen lähmten das Start-up, die Technik stand lange am Rande des Totalzusammenbruchs. Gleichzeitig lockten immer wieder saftige Übernahmeangebote, die die Gründer mit ein paar Unterschriften zu Multimillionären gemacht hätten.

Zahlen und Fakten zu Twitter

Nebenprodukt mit Erfolg

Twitter war zunächst nicht mehr als ein Nebenprodukt der Firma Odeo, die eine (allerdings wenig erfolgreiche) Podcasting-Plattform entwickelte. Die Macher suchten 2006 nach Alternativen – und entwickelten den Dienst mit seinen 140 Zeichen kurzen Texthäppchen. In den ersten Monaten gewann er zwar kaum Nutzer, doch nach einem erfolgreichen Auftritt auf der Technologiekonferenz SXSW hob Twitter ab.

Idee von vier Freunden

Anfangs standen vier Freunde hinter Twitter: Evan Williams, der dank des Verkaufs seiner Plattform Blogger.com an Google auch Geldgeber war; außerdem Jack Dorsey, Biz Stone sowie Noah Glass. Letzterer wurde allerdings wegen seiner schwierigen Art schon bald aus der Firma gedrängt.

Intrigen und Machtkämpfe

Die kurze Geschichte der Firma ist geprägt von Machtkämpfen zwischen den einstigen Freunden. Der erste Chef Jack Dorsey musste auf Veranlassung des Mitgründers Evan Williams sowie des Verwaltungsrates seinen Posten verlassen. Williams selbst hielt sich auch nicht dauerhaft an der Spitze – bei seiner Entmachtung im Oktober 2010 hatte Dorsey seine Finger im Spiel. Auf ihn folgte Dick Costolo, zuvor bei Google tätig. Der wiederum verließ das Unternehmen im Juli 2015. Jack Dorsey kehrte als Interimschef zurück.

Durchweg in den Miesen

Bislang hat Twitter die Erwartungen der Börse noch nicht erfüllt. Das Unternehmen hat trotz steigender Umsätze noch nie Gewinn gemacht.

Zaghaft im Werbegeschäft

Die Gründer verzichteten in der Anfangszeit bewusst auf Werbung, um die Nutzer nicht zu verschrecken. Im Frühjahr 2010 starteten erste Versuche mit bezahlten Tweets. Inzwischen ist das Geschäft beträchtlich angewachsen, im zweiten Quartal 2015 auf 452 Millionen Dollar .

304 Millionen Nutzer

Twitter ist für die mobile Ära gerüstet. Ein Großteil der Werbeerlöse wird auf Smartphones und Tablet-Computern erwirtschaftet. Insgesamt hat Twitter im zweiten Quartal 2015 rund 304 Millionen Nutzer pro Monat.

Twitter-Aktionäre sind gleichberechtigt

Twitter versucht nicht, den Einfluss der Gründer durch eine Aktienstruktur mit zwei Klassen zu sichern. Andere Internet-Unternehmen wie Google oder Facebook haben bei ihren Börsengängen den Investoren Papiere angeboten, die weniger Stimmrechte haben als die Aktien von Gründern und Spitzen-Managern. Bei Twitter sind alle Anteilseigner gleich, die Ausgabe von Vorzugsaktien ist nur als Möglichkeit für die Zukunft vorgesehen.

Twitter ist das gemeinsame Werk von vier Freunden, die sich im Silicon Valley kennengelernt haben. Auf unterschiedlichen, mehr oder weniger krummen Wegen landen sie bei der Podcast-Plattform Odeo. Als deren Scheitern abzusehen ist, suchen die Computerexperten nach einer neuen Idee – und frickeln ab 2006 gemeinsam am Kurzmeldungsdienst Twitter. Der erste Beitrag ist heute Teil der offiziellen Firmengeschichte: „Just setting up my twttr“, schrieb Jack Dorsey, Mitgründer und erster Chef – übersetzt: Mein Twitter einrichten.

Der Zwitscherdienst ist zunächst nur ein Nebenprodukt, dessen Sinn niemand so richtig beschreiben kann. Doch nach einem schleppenden Start stellen die Gründer fest, dass die Nutzer ihn lieben. Bekannte Musiker fangen an zu twittern, ebenso der Präsidentschaftskandidat Barack Obama und die legendäre TV-Moderatorin Oprah Winfrey. Immer mehr Menschen melden sich an, trotz der regelmäßigen Ausfälle, bei denen das Bild vom berühmt-berüchtigten „Fail Wale“ zu sehen ist.

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Doch hinter den Kulissen kracht es mächtig. Evan Williams, der nach dem Verkauf einer Firma an Google Millionen auf der Bank hat, entlässt schon früh den Mitstreiter Noah Glass, der die anderen mit seiner aufgekratzten Art nervte. Mitgründer Jack Dorsey drängte ihn dazu.

Über die Monate entzweien sich aber auch Williams und Dorsey, also der bislang wichtigste Kapitalgeber und der Chef. Zum einen diskutieren sie über die Führung der Firma: Wie lassen sich die Systeme für den Nutzeransturm rüsten und die vielen Abstürze verhindern, wie die hohen Kosten in den Griff bekommen? Evan, oft kurz Ev genannt, wirft Jack außerdem vor, nicht genug zu arbeiten und sich zu viel seinen Hobbys zu widmen: „Du kannst entweder Schneider sein oder Twitter-Chef.“

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