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15.10.2011

13:27 Uhr

Japanischer Internethändler

Rakuten will Amazon die Weltmarktführerschaft streitig machen

VonJan Keuchel

Hiroshi Mikitani greift mit seiner japanischen Verkaufsplattform Rakuten Konkurrent Amazon an. Dazu braucht er Standorte in Europa und Amerika - die Entwicklung des starken Yen kommt da gerade recht.

Hiroshi Mikitani, Chef von Japans größtem Internethandelshaus Rakuten. dapd

Hiroshi Mikitani, Chef von Japans größtem Internethandelshaus Rakuten.

TokioEr ist anders als seine Kollegen in den Chefsesseln. Deshalb war es nur eine Frage der Zeit, wann er sich von ihnen lossagen würde. Nach der Natur- und Atomkatastrophe vom 11. März trat Hiroshi Mikitani nicht nur aus der mächtigen japanischen Wirtschaftsvereinigung Keidanren aus, weil er deren Atomenergie-Lobbyismus nicht mehr ertragen konnte.

Jetzt fällt er ihnen auch noch in den Rücken, weil er sich über den Yen-Höhenflug freut. „Ich finde das gut“, sagt Mikitani, Chef von Rakuten, Japans größtem Internethandelshaus. „So können wir mehr Unternehmen kaufen.“

Die Vorwürfe gegen die Pharmafirmen

Die Kritik im Einzelnen

Vollborn und Georgescu belegen ihre Kritik an den Pharmakonzernen und der Politik ausführlich. Die wesentlichsten Punkte werden im Folgenden kurz angedeutet.

Entscheidungsfindung

Wann forsche ich an einem Impfstoff – und wann nicht? Diese Entscheidung würden „ausschließlich nach dem Marktpotenzial der Therapeutika in spe“ gefällt, so die Autoren. Besonders die Entwicklung von Medizin gegen Viren ist beliebt, denn ihre Ausbreitung und damit auch das Marktpotenzial etwa eines Impfstoffes lässt sich inzwischen recht genau bestimmen.

Ökonomisierte Forschung

Einer der wesentlichsten Gründe für diese oft unmoralische Entscheidungsfindung sei die ökonomisierte Forschung. Die sei vielmehr auf die späteren Präsentationen der Produkte vor all den Vertretern der Gesundheitspolitik ausgelegt als auf die Bedürfnisse der von Viren betroffenen Menschen überall in der Welt.

Konzerne gewinnen, Unis verlieren

Eine weitere Frage ist, wer die Zuschüsse des Bundes für die Forschung bekommt. Hier kritisieren die Autoren, dass für die Konzerne deutlich zu viel und für die Forschung an Universitäten deutlich zu wenig ausgegeben wird. Sie belegen dies an zahlreichen Beispielen glaubwürdig.

So teuer wie sie wollen

Nun könnte der Steuerzahler ja annehmen, dass die Konzerne bei der Festsetzung des Preises gewisse Bedingungen zu berücksichtigen haben, wenn sie bei der Forschung nach dem jeweiligen Medikament vom Bund erheblich unterstützt wurden. Doch dem ist nicht so. Die Konzerne können „so teuer verkaufen, wie sie wollen“.

Menschenleben auf dem Gewissen

Die Konzerne würden zudem ihre Geschäfte dadurch sichern, dass sie auch in Dritte-Welt-Staaten Generika verbieten lassen. Sie schützen ihre Patente also auch unter der Bedingung, dass den Armen billigere, für sie bezahlbarere, Medikamente nicht zur Verfügung stehen.

Geheimverträge

Einer der wichtigsten Kritikpunkte der Autoren sind die Geheimverträge zwischen Deutschland (und Österreich) und den Impfstoffherstellern. Deren Inhalte würden der Bevölkerung bewusst vorenthalten.

Wettbewerbsverzerrung

In diesen Geheimverträgen seien vor allem Absatzmengen geregelt und Konkurrenten präventiv vom Markt gedrängt. Das verzerrt den Wettbewerb und sorgt so dafür, dass der Preis der Medikamente steigt.

Deutsche Unternehmen verlieren

Die Autoren sehen durch die Bevorzugung der großen Pharmakonzerne, die ja weitgehend ihren Sitz im Ausland haben, erhebliche Nachteile für die deutsche Forschung. Durchbrüche wie es sie vor Jahrzehnten immer wieder gab „gehören der Vergangenheit an“.

Entwicklungsländer unterstützen

Die Autoren würden sich wünschen, dass Großkonzerne zumindest in der Dritten Welt auf Patentrechte verzichten sollen, um den Menschen den Zugang zu kostengünstigen Medikamenten zu erleichtern.

Zu wenig Aidsforschung

Die Konzerne investierten viel zu wenig in die Aidsforschung – trotz der dramatisch hohen Opferzahlen, kritisieren die Autoren. Der Grund: Sie ist offenbar nicht lukrativ genug. Die Autoren fürchten sogar, dass sich die Pharmaindustrie „eines Tages komplett aus der Aidsforschung zurückzieht“.

„Impfpanik“

Die Konzerne machten die Menschen – direkt oder indirekt – auch in westlichen Staaten krank. Denn sie brächten Ärzte, Politiker und Medien dazu, den Menschen einzubläuen, sich übermäßig häufig impfen zu lassen. Das gelte vor allem für Kinder – es handle sich um eine regelrechte „Impfpanik“.

WHO verspielt Vertrauen

Die Weltgesundheitsorganisation WHO wird von den Autoren mit Kritik übersät. Vor allem im Zuge der EHEC-Eindämmung sei sie deutlich zu langsam vorgegangen. Zudem habe sie mit ihren fragwürdigen Entscheidungen während der Schweinegrippe-Zeit reichlich Glaubwürdigkeit verspielt.

Schweinegrippe-Impfung macht krank

Auf die Versorgung der Menschen im Kampf gegen die Schweinegrippe haben es die Autoren besonders abgesehen. „Wer sich im Alter zwischen vier und 19 Jahren hatte impfen lassen, war ein neunmal höheres Risiko eingegangen, an Narkolepsie zu erkranken, als ungeimpfte Kinder in der Altersgruppe.“

Impfstoff nicht genug getestet

Es war ein Coup sondergleichen: Pandemrix und Tamiflu hießen die Impfstoffe, die uns vor der Schweinegrippe schützen sollten. Am Ende blieben Millionen Dosen ungenutzt liegen. Der Steuerzahler musste sie dennoch teuer bezahlen. Es gab „keine klinischen Studien nach den üblichen Standards“ über ihre Wirkung. „Es war eine quasi legalisierte Trail-and-Error-Impfpolitik“.

Wer haftet?

Nun schaffen es die Konzerne, solche Medikamente in den Markt zu drücken und verdienen prächtig an ihren halbfertigen Produkten. Und wer haftet, wenn sich Nebenwirkungen einstellen oder sonstige langfristigen Folgen? Der Bund. „Jene, die Milliarden mit dem Verkauf von unzureichend getesteten Impfstoffen verdienen, dürfen aufatmen.

Wo das Geld dann fehlt

Bekanntlich kann jeder Euro nur einmal ausgegeben werden und auch die größten Pharmakonzern haben begrenzte Forschungskapazitäten. Und je mehr sie der Impfpanik Vorschub leisten und lukrative, aber nur bedingt „wichtige“ Impfstoffe herstellen, umso mehr fehlt es dann an Hilfe für die Bekämpfung von wirklich gefährlichen Erregern wie dem Dengue-Fieber.

Interessenskonflikte

Zudem berichten die Autoren von Entscheidungsträgern in Gremien der Gesundheitsorganisationen, die eindeutig Interessenskonflikten unterliegen. Sie entscheiden (mit) über die Vergabe von Geldern an Konzerne, mit denen sie in einer Nebentätigkeit zu tun haben.

Medienvertreter unter Druck setzen

Die Autoren berichten von mehreren Fällen, bei denen Journalisten von den Konzernen massiv unter Druck gesetzt wurde. Wer zu tief grabe, dem werde mit Klage gedroht.

Schutzlose Soldaten

Ein konkretes Beispiel für das Nichthandeln der Konzern sei die Krim-Kongo-Seuche: „Für die in Afghanistan stationierten Truppen wirkt sich das Desinteresse der großen Pharmaunternehmen an Krim-Kongo direkt aus. Weil Vakzine fehlen, sind die Soldaten dem Erreger schutzlos ausgeliefert.“

Mikitanis Worte sind provokant, aber konsequent. Denn während der starke Yen den exportorientierten Konzernen im Land, vor allem der Auto- und Elektroindustrie, Probleme bereitet, weil ihre Produkte im Ausland immer teurer werden, kommt die Entwicklung Mikitanis Plänen gerade recht. Er will wachsen und braucht Standorte in Europa und Amerika, um seinem Ziel näher zu kommen, Amazon die Weltmarktführerschaft streitig zu machen. Schritt für Schritt kauft er sich deshalb zurzeit dank des starken Yens günstig in fremde Länder ein. Auch in Deutschland hat Rakuten seit kurzem ein Standbein. Sein Unternehmen erwarb 80 Prozent der Bamberger Firma Tradoria.

Englischkenntnisse sind Pflicht

Der 46-jährige Harvard-Absolvent ist einer der wenigen echten Globalisierer in einem Land, in dem selbst in Großkonzernen wie Toyota oder Panasonic die Chefetagen noch immer rein japanisch besetzt und Fremdsprachen bis heute gefürchtet sind. Mikitani dagegen hat festgelegt, dass die Unternehmenssprache am Firmensitz in Tokio ab 2012 Englisch sein soll. Einen ähnlich radikalen Wandel verfolgt in Japan nur noch der Konzern Fast Retailing mit seinem Flaggschiff „Uniqlo“, der Antwort Japans auf die Billigmodenfirma H&M.

Mikitani allerdings ist der härteste Reformer. „Manager, die nicht innerhalb von zwei Jahren Englisch lernen können, werden gefeuert“, sagte er in einem Interview. Derart klare Worte machen ihn nicht gerade zum Liebling der auf Konsens ausgerichteten japanischen Wirtschaftswelt. Während der Keidanren, vergleichbar mit dem BDI in Deutschland, ihn wegen seines Austritts anfeindet, brachte ihm sein sprachlicher Internationalisierungskurs gleich Kritik im Internet ein, wo sein Englisch kleinlich nach Fehlern durchsucht wurde.

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