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24.08.2013

08:54 Uhr

Kampf der Telekomkonzerne

Vodafone will die Telekom überholen

Quelle:WirtschaftsWoche

„Mit einem überlegenen Festnetzangebot“ will Vodafone-Chef Jens Schulte-Bockum nach der Übernahme von Kabel Deutschland direkt die Telekom angreifen. Probleme mit dem Kartellamt wegen des Deals sieht er aber nicht.

Vodafone und Kabel Deutschland: Nach der Übernahme will der Konzern die Deutsche Telekom überholen. dpa

Vodafone und Kabel Deutschland: Nach der Übernahme will der Konzern die Deutsche Telekom überholen.

DüsseldorfMit der Übernahme von Kabel Deutschland will Vodafone in der Bundesrepublik den Konkurrenzkampf gegen die Deutsche Telekom gewinnen. „Zusammen mit Kabel Deutschland könnten wir mit einem überlegenen Festnetzangebot direkt gegen die Deutsche Telekom antreten – und überall, wo Anschlüsse von Kabel Deutschland erhältlich sind, ein noch besseres Produkt anbieten“ sagte Vodafone-Chef Jens Schulte-Bockum im Interview mit der „Wirtschaftswoche“.

Eine Gegenreaktion des Bonner Konzerns fürchtet er nicht. „Die Kunden sind bereit, für einen 100-Megabit-Anschluss mehr zu bezahlen als für einen traditionellen DSL-Anschluss mit maximal 16 Megabit pro Sekunde. Und sie sind bereit, den Anbieter zu wechseln, wenn der eine bessere Übertragungsleistung verspricht“, erklärt er. Der Telekom werde es schwer fallen, ihren Rückstand bei der Infrastruktur aufzuholen.

Die Kabelnetz-Branche

Platz für viele Daten

Der zunehmende Datenhunger der Verbraucher rückt eine Branche ins Rampenlicht, die lange Zeit im Dornröschenschlaf lag. TV-Kabelnetze galten schlicht als langweilig. Doch seit die Betreiber ihre Kabel technisch aufgerüstet haben, konkurrieren sie mit den klassischen Telekommunikationsanbietern um Internetkunden.

Erbe der Bundespost

In den achtziger Jahren begann die Bundespost mit dem Aufbau des Kabelnetzes, um eine neue Infrastruktur für Fernsehübertragungen in Deutschland zu etablieren. Der Ausbau war damals hochgradig umstritten, da der TV-Empfang über Satellit, der zur gleichen Zeit populär wurde, kostenfrei war – für den Kabelanschluss wurde hingegen eine Monatsgebühr fällig.

Aufgeteilt in Regionen

Aus dem Telefon- und Kabelgeschäft der Bundespost wurde ein Jahrzehnt später die Deutsche Telekom, und nach der Liberalisierung des Marktes sollte der Bonner Koloss sein Kabelnetz so schnell wie möglich verkaufen. Die Telekom wusste das lange zu verhindern, so dass der Verkauf Anfang des Jahrtausends erst auf Druck der Kartellwächter über die Bühne ging. Das deutschlandweite Kabelnetz wurde regional aufgeteilt.

Erste Modernisierung

Die Teile des Netzes kauften Finanzinvestoren. Sie brauchten jedoch einen langen Atem. Angelegt, um bestenfalls 30 TV-Kanäle wie auf einer Einbahnstraße von der Einspeisestation in die Wohnzimmer zu bringen, musste das Netz erst aufwendig für Telefongespräche und das Internet aufgerüstet – im Technikjargon: rückkanalfähig gemacht – werden. Technische Schwierigkeiten sorgten für einen holprigen Start: 2006 zählte Kabel Deutschland gerade einmal 60.000 Breitbandkunden – heute sind es mehr als zwei Millionen. Der Ausbau verschlang über die Jahre Milliarden, und noch heute investieren Kabelunternehmen etwa ein Viertel des Umsatzes.

Technologie-Sprung

Grundlage für den Kundenansturm auf das Kabel ist ein Technologie-Sprung: Ähnlich wie Telefonfirmen, die dank des DSL-Standards ihre alten Kupferleitungen zu Internetanschlüssen ausbauen konnten, erging es auch den Kabelnetzbetreibern. Dort heißt der Heilsbringer spröde DOCSIS 3.0 – dank dieser Technik lassen sich Kabelnetze mit überschaubarem Aufwand in superschnelle Internet-Datenautobahnen verwandeln. So verkauft Unitymedia derzeit Anschlüsse mit 200 Megabit/s Höchstgeschwindigkeit bei Downloads. Ohne großen Aufwand könnten auch Datenraten von 400 Megabit/s angeboten werden. Kabel Deutschland hat in einem Feldversuch schon knapp 5 Gigabit/s durch sein Netz gejagt. Auch die Deutsche Telekom rüstet ihre Kabel auf. Mit der „Vectoring“-Technologie sollen die Kupferkabel bis zu 100 Mbit/s verpacken. Gerade arbeiten die Netzinfrastrukturzulieferer an „Super-Vectoring“, was bis zu 250 Mbit/s ermöglichen soll.

Kabel Deutschland und Unitymedia vorn

Die Branche wird derzeit von Kabel Deutschland aus München und von Unitymedia aus Köln dominiert. Die Münchner sind in 13 Bundesländern vertreten, Unitymedia ist nach dem Zusammenschluss mit KabelBW in Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen und Hessen aktiv. Dazu kommt der kleinere Anbieter Tele Columbus, der kürzlich erst die Anbieter Primacom und Pepcom gekauft hat.

Kartellwächter prüfen genau

Die Wettbewerbshüter haben ein wachsames Auge auf den Kabelmarkt. So verhinderte die Behörde die Übernahme von Tele Columbus durch Kabel Deutschland. Den Kauf von KabelBW durch den US-Kabelriesen Liberty Global mittels seiner Tochter Unitymedia genehmigte das Kartellamt nur mit Auflagen – und nach einigem Zögern. Die Wettbewerber fordern zunehmend lautstark, dass die Kabelanbieter Wettbewerbern Zugang zu ihrem Netz ermöglichen sollen, wie es auch die Telekom muss.

Mit den Kupferkabeln lassen sich die hohen Übertragungsgeschwindigkeiten auch mit neuen Techniken nicht erzielen. „Das ist nur mit einem flächendeckenden Ausbau des Glasfasernetzes möglich. Der ist aber auch der Telekom zu teuer“, so Schulte-Bockum. „Deshalb werden die Kabelnetzanbieter in den nächsten Jahren erhebliche Marktanteile gewinnen. Und wir wollen da ganz vorne mitspielen.“

Schwierigkeiten sieht Schulte-Bockum nur im Geschäft mit indirekten Kunden, bei denen Kabel Deutschland nur der Zulieferer von TV-Signalen ist. „Das Geschäft könnte schwieriger werden. Es wird weiter Versuche lokaler Kabelanbieter geben, die Verbindung zu Kabel Deutschland zu kappen und sich auf eine wirtschaftlich eigenständige Basis zu stellen“, prognostiziert er. „Am Netz von Kabel Deutschland hängen knapp eine Million indirekter Kunden. Trotzdem können wir mit Kabel Deutschland 13 der 16 Bundesländer abdecken.“

Wichtige Fragen und Antworten zum Vodafone-Deal

Was genau hat Vodafone vor?

Vodafone wird Kabel Deutschland komplett übernehmen. Der britische Telekommunikationskonzern hatte dazu 87 Euro je Kabel-Deutschland-Aktie geboten. Damit bewerteten die Briten den deutschen Kabelanbieter mit insgesamt 10,7 Milliarden Euro. Die Übernahme soll noch in diesem Jahr über die Bühne gehen.

Warum ist Vodafone an Kabel Deutschland interessiert?

Kabel Deutschland hat eine gut ausgebaute Infrastruktur: Das Unternehmen ist in 13 der 16 Bundesländer aktiv und hat 8,5 Millionen Kunden. Die Kabel reichen bis in die Wohnungen der Kunden und sind nicht nur für Fernsehen, sondern auch für Internetanschlüsse gut geeignet. Kabel Deutschland bietet schon jetzt Telefon- und Internetanschlüsse. 75 Prozent aller Neukunden hierzulande entscheiden sich bei schnellen Internetanschlüssen mittlerweile für Kabelnetz-Betreiber.

Was ist der Unterschied zwischen DSL- und Kabelanschlüssen?

Technisch ist das natürlich etwas anderes, für den Kunden ist es aber letztlich kein großer Unterschied. Über das Telefon- wie über das Fernsehkabel können Internetdaten übertragen werden. Fernsehkabel sind sogar besonders schnell. Anrufe laufen bei Kabelanschlüssen über Internettelefonie - das ist aber selbst bei Telekom-Anschlüssen mittlerweile teilweise so. Kunden haben weiterhin eine klassische Telefonnummer und ihr normales Telefon.

Was haben die Unternehmen gemeinsam vor?

Die Grundzüge haben Vodafone und Kabel Deutschland bereits in einer „Grundsatzvereinbarung“ geregelt. Kabel Deutschland soll demnach als eigenständiges Unternehmen mit Zentrale in Unterföhring bei München erhalten bleiben. Die Geschäftsfelder sollen aufgeteilt werden: Kabel Deutschland verantwortet das gesamte Festnetz-Geschäft beider Unternehmen; Vodafone soll das Mobilfunk-Geschäft verantworten.

Was bedeutet das für die Kunden von Kabel Deutschland und Vodafone?

Vodafone hat zwar selbst ein Festnetz, das meist entlang der großen Bahnstrecken in Deutschland verläuft. Die letzten Meter der Leitungen bis in die Wohnung der Kunden muss das Unternehmen in den meisten Fällen aber bei der Deutschen Telekom mieten. Wo es geht, sollen die Kunden nun künftig per Fernsehkabel angeschlossen werden. Leitungen von der Telekom wollen die Unternehmen nur noch dort mieten, wo Kabel Deutschland keine Leitungen bis die Wohnung verlegt hat.

Sind auch Bestandskunden von den Änderungen betroffen?

Die Umstellung von der Telefon- auf die Kabeldose wird zunächst vermutlich vor allem Neukunden betreffen. Aber auch alte Kunden sollen voraussichtlich umgestellt werden: „Die Idee ist, unsere Netzinfrastruktur bestmöglich zu nutzen. Dann dürften auch Kunden migriert werden“, sagt eine Kabel-Deutschland-Sprecherin. Denkbar ist ebenso, dass Nutzer des Kabel-Deutschland-Internetangebotes, das bislang im Netz von O2 (Telefónica) betrieben wird, dann auf Vodafone umgestellt werden.

Der Vodafone-Chef hat keine Befürchtungen, dass die Übernahme von Kabel Deutschland aus Wettbewerbsgründen scheitern könnte. „Das Bundeskartellamt hat bereits angekündigt, auf einen Verweis zu verzichten und die Entscheidung der EU-Kommission zu überlassen.“ Die Umstellung der DSL-Kunden von Vodafone auf Kabel nach der Fusion zählt für Schulte-Bockum zu den wesentlichsten Aufgaben: „Technisch ist eine solche Migration kein Problem. Und sie wäre nach einer Genehmigung durch die Kartellbehörden sicherlich eine unserer Top-Prioritäten.“

Gerüchte, dass Vodafone nach Vollendung der Übernahme die Marke Kabel Deutschland zügig einstampft, wollte Schulte-Bockum nicht kommentieren: „Jetzt gilt es, den Kauf über die Bühne zu bringen.“

Kommentare (8)

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Micha

24.08.2013, 12:46 Uhr

Vodafone will nicht nur, sondern wird die Telekom überholen!
Bei der Telekom ist einfach noch zu viel Beamtendenken drin. Das hat auf Dauer keine Chance gegen die freie Wirtschaft!!!

evil-twin

24.08.2013, 13:22 Uhr

Das Kabelnetz von KD ist dem Festnetz der Telekom klar überlegen. Internet und Telefon gibt's das viel schnell UND billiger als bei der Telekom. Dafür ist das Mobilfunknetz bei der Telekom viel besser. Und Vodafone ist leider auch bekannt dafür zur kurzfristigen Profitmaximierung die Preise so weit es geht hochzutreiben und Investitionen und Kundenservice auf ein absolutes Minimum zu reduzieren.

E-Plus-Fan

24.08.2013, 13:30 Uhr

@Micha

Die Frage ist womit Vodafone die Telekomiker überholen will.
Gut BK-Kabel-Kunden könnte VF mit der Übernahme dazugewinnen.

Die Frage ist ob VF damit den Kundenverlust bei DSL und im Mobilfunk ausgleichen kann.

Letztendlich könnte die neue Allianz E-Plus/ O2 der lachende Dritte sein der dann Erster wird!

Durch die News über die Auskundschaftung durch die Geheimdienste ist mein Vertrauen in VF auf unter Null gesunken!

Deren "Umgang" mit Mitarbeitern als lästiges Übel ist mir zusätzlich schon länger ein Greuel.

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