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09.04.2013

10:56 Uhr

Kartellbeschwerde

Google wegen Android unter Beschuss

VonChristof Kerkmann

Die meisten Smartphones laufen mit dem Google-Betriebssystem Android. Missbraucht der Internet-Konzerne diese Marktmacht? Mehrere Konkurrenten haben sich bei der EU-Kommission beschwert und stoßen auf offene Ohren.

Android als „Trojanisches Pferd“? Mehrere Google-Rivalen werfen dem Internet-Konzern vor, mit dem Betriebssystem den Wettbewerb zu behindern. dpa

Android als „Trojanisches Pferd“? Mehrere Google-Rivalen werfen dem Internet-Konzern vor, mit dem Betriebssystem den Wettbewerb zu behindern.

DüsseldorfGoogle droht weiterer Ärger mit den europäischen Kartellbehörden: Mehrere Konkurrenten des Internet-Riesen haben gemeinsam bei der EU-Kommission eine Beschwerde gegen das dominierende Mobilfunk-Betriebssystem Android eingereicht. Google nutze die kostenlose Software als „Trojanisches Pferd“, um den mobilen Markt zu monopolisieren und die Nutzerdaten zu kontrollieren, erklärte die Organisation Fairsearch.org, der etwa Microsoft, Nokia, Oracle und Tripadvisor angehören. EU-Wettbewerbskommissar Joaquín Almunia wollte gegenüber der „New York Times“ zu den Vorwürfen keine Stellung beziehen, erklärte aber, das Betriebssystem bereits überprüfen zu lassen.

Die Argumentation der Google-Gegner: Der Internet-Konzern habe seine Dominanz im Smartphone-Markt erreicht, indem er Android den Geräteherstellern wie Samsung, LG und HTC kostenlos zur Verfügung stelle. Wollten sie beliebte Anwendungen des Internet-Konzerns wie den Kartendienst Maps oder das Videoportal Youtube installieren, müssten sie jedoch ein ganzes Paket von Google-Apps installieren und sie auf der Smartphone-Oberfläche prominent platzieren. Dieses Vorgehen benachteilige andere Anbieter. Android hat bei Smartphones rund 70 Prozent Marktanteil und legt auch im Tablet-Markt deutlich zu.

Android, Apple und die anderen

Android

Das Google-Betriebssystem ist in wenigen Jahren zur meistgenutzten Plattform im Smartphone-Markt aufgestiegen. 2013 lief nach Zahlen der Marktforscher von Gartner auf 78,4 Prozent aller Computer-Telefone Android. Das Erfolgsgeheimnis: Google bietet Android den Geräte-Herstellern kostenlos an und lässt sie die Software auch anpassen. Samsung, HTC, LG, Sony – die meisten Handy-Produzenten setzen auf die Google-Plattform. Der Internet-Konzern will dabei an Werbeeinnahmen verdienen. Allerdings steht Android auch im Visier besonders vieler Patentklagen. Zudem nutzen viele chinesische Hersteller das System, ohne die Google-Dienste einzubinden.

Apple iOS

Smartphones gab es auch schon bevor 2007 das iPhone vorgestellt wurde – doch erst mit dem Apple-Telefon mit seinem großen Bildschirm begann der wirkliche Siegeszug der Computertelefone. Apple hielt mit seiner iOS-Plattform zuletzt laut Gartner 15,6 Prozent am Smartphone-Markt, heimst jedoch einen beträchtlichen Teil der Gewinne ein, da die gesamte Kette von Geräteentwicklung bis hin zum App Store für passende Programme in der Hand des Konzerns liegt. Allerdings hat Samsung mit seiner breiten Produktpalette den Konzern aus Kalifornien inzwischen abgehängt.

Windows Phone

Microsoft würde sein mobiles Betriebssystem Windows Phone gern als dritte starke Kraft im Smartphone-Geschäft etablierten, doch bis dahin ist es noch ein langer Weg. Das Bündnis mit dem einstigen Handy-Weltmarktführer Nokia soll es richten, die Finnen installieren die Software auf ihren Smartphones und wollen die Gerätesparte ganz an Microsoft verkaufen. 2013 stieg der Marktanteil von 2,5 auf 3,2 Prozent – damit ist zumindest Blackberry abgehängt.

Blackberry

Lange Zeit war Blackberry Managers Liebling – doch diese Zeiten sind vorbei. Die Verkaufszahlen sind 2013 abgestürzt, der Marktanteil ist auf 1,9 Prozent gefallen. Tendenz: weiter schrumpfend.

Sonstige Betriebssysteme

Für den Rest bleibt nicht viel übrig: Betriebssysteme wie das von Samsung entwickelte Tizen oder Firefox OS kamen 2013 zusammen auf nur 0,9 Prozent.

EU-Wettbewerbskommissar kommentierte die Vorwürfe nicht. Die EU-Kommission nehme Android aber bereits unter die Lupe, sagte er der „New York Times“. Diese Untersuchung läuft unabhängig von einem im November 2010 eröffneten Kartellverfahren, in dem die Behörde überprüft, ob Google seine marktbeherrschende Stellung im Suchmaschinen-Geschäft ausnutzt und Konkurrenten zugunsten seiner eigenen Dienste benachteiligt. Das Unternehmen selbst äußerte sich nicht direkt zur Beschwerde und dem Almunia-Interview und erklärte auf Anfrage lediglich, „weiter kooperativ mit der Europäischen Kommission“ zusammenzuarbeiten.

In den Kartellstreit ums Suchmaschinengeschäft kommt derweil Bewegung. Google wolle diese Woche Lösungsvorschläge übermitteln, sagte Almunia. Die Kommission fordert unter anderem, dass der Suchmaschinenbetreiber in den Ergebnissen eigene Angebote klarer kennzeichnet. Verbraucher sollten „eine echte Wahl“ haben, sagte der Wettbewerbskommissar. Die Regulierungsbehörde werde das Unternehmen aber nicht zu Änderungen an seinem Suchalgorithmus zwingen, sagte Almunia – also jener geheimen Formel, die über die Zusammensetzung der Suchergebnisse bestimmt.

Googles wichtigste Geschäfte

Vielzahl an Produkten

Google Suche, Gmail, Google Maps, der Online-Speicher Google Drive, das Smartphone-Betriebssystem Android mit dem App-Store Google Play und, und, und: Die Liste der Google-Dienste wird immer länger. Und in seinen geheimen Labs arbeitet der Konzern an einem selbstfahrenden Auto oder Ballons, über die entlegene Gegenden mit Internet-Zugängen versorgen sollen.

Hochprofitable Suche

Wenn es aber um das Geldverdienen geht, ist Google vom Geschäft mit Online-Werbung abhängig. Fast 90 Prozent des Umsatzes stammen aus diesem Segment, ein Großteil aus der Internet-Suche. In der Bilanz wird sonst nur noch ein Segment mit dem wenig aussagekräftigen Titel „Other“ (Anderes) aufgelistet.

Android

Googles Betriebssystem Android dominiert den Smartphone-Markt. Es hilft dem Konzern, seine Dienste fürs mobile Internet zu verbreiten, sorgt mit dem Play Store mit Apps, Filmen und Musik aber auch für wachsende Einnahmen. Experten vermuten, dass diese den Großteil des „sonstigen“ Umsatzes ausmachen.

Google Appsl

Um sich aus der Abhängigkeit aus den Werbeeinnahmen zu befreien, hat Google in den vergangenen Jahren immer wieder Initiativen gestartet, etwa kostenpflichte Anwendungen für Firmen. Das Office-Paket Apps for Business und die E-Mail-Plattform sind Kernbestandteile der Geschäftskundenstrategie. Google Apps generiert Umsatz aus monatlichen Gebühren.

Google+

Soziale Netzwerke sind viele Internet-Nutzer zum ersten Anlaufpunkt im Internet geworden. Facebook ist hier mit Abstand die Nummer 1, Google will dem Marktführer mit Google+ Paroli bieten. Dass der Konzern den riesigen Abstand aufholt, ist allerdings unwahrscheinlich.

Cloud Computing

Ob Gmail, Google Docs oder Google Drive: Google-Dienste laufen nicht auf dem lokalen Rechner, sondern im Rechenzentrum. Der Konzern hat eine große Expertise in Sachen Cloud Computing, die er auch vermarkten will: Firmen können Rechenleistung oder Speicher bei dem Konzern mieten.

Chrome OS

Google will mit Chrome OS ein neuartiges Betriebssystem für Computer etablieren – es setzt voll aufs Internet und ruft Daten und Dienste aus der „Wolke“ ab. Mit dem System will das Unternehmen seine Produkte verbreiten. Bislang ist die Verbreitung von Chrome OS allerdings noch überschaubar.

In den USA ist Google bei einer gleichlautenden Beschwerde mit einem blauen Auge davongekommen. Die US-Wettbewerbsbehörde FTC stellte ihre Ermittlungen nach einigen Zugeständnissen ein. Und den Vorwurf, Google habe bei der Internetsuche andere Websites zugunsten eigener Dienste benachteiligt, ließen die Ermittler fallen.

Fairsearch.org kämpft schon seit mehreren Jahren gegen Google und trug auch zur laufenden Untersuchung des Suchmaschinengeschäfts bei. Zu der Organisation gehören der Software-Konzern Microsoft, Handyhersteller Nokia, die Reise-Portale Tripadvisor und Kayak sowie der Preisvergleich Foundem.

Kommentare (3)

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rdlenkewitz

09.04.2013, 12:52 Uhr

Detail und Schema der Google-Suchmaschinen Suche gleichen Methoden und Konzepten in der Computerforensik! Der Abgleich von Daten bei Suchmaschinen ähnelt dem Abgleich der Daten, die den gläsernen Bürger ermöglichen! Vor kurzem wurden Details zu Offshore-Systemen offengelegt und in der Süddeutschen Zeitung ein Artikel dazu veröffentlicht, der die Rolle der Computerforensik darlegt, also der Methoden und Instrumente mit denen die millionen an Daten der Steuersünder und Offshore-Firmengründer analysiert wurden. Im Artikel wurde eine Analyse-Software mit Namen NUIX erwähnt, die z.B. den persönlichen Emailverkehr (In/OU) mit allen Emailpartnern grafisch aufbereitet. In einem Google Selbsttest habe ich meinen persönlichen Namen eingegeben und die ausschließliche Bildersuche aktiviert. Dabei ist etwas erstaunliches zutage getreten. Die Ergebnisse, also die Bilderliste, die die Googlemaschine zu meiner Person erzeugt umfasst nicht nur alle jemals von mir im Web veröffentlichten Bilder sondern Bilder von Personen und Institutionen, die mit mir in Verbindung gebracht werden können. in mehreren Fällen konnte ich dies schematisch rekonstruieren, in einem Fall hatte ich sehr viele Blogs auf einem bekannten Blogforum veröffentlicht, die Googlesuchmaschine, bzw. deren Suchalgorithmen, haben also folgerichtig die Inhaberin des Blogforums mit einem persönlichen Foto mit in die Bilderliste integriert die mit meiner Person zutun haben. Diese Crossover Vernetzung der Rohdaten (Big Data) gleicht exakt dem Suchschema der Spy-Software Nuix. Sowohl Google also auch die Computerforensik, im Falle der Aufdeckung der Offshore-Systeme, zeigt den extrem weiten Fortschritt in der Datenanalyse in Richtung totaler gläserner Bürger!

tokchii

09.04.2013, 13:03 Uhr

Gräßlich, welch schlechter Verlierer Microsoft ist. Ebenso gräßlich, wie deutsche und europäische Behörden die falschen Unternehmen hofiert.
Wer hat Microsoft wegen ( nicht einmal von einem Microsoft-Mitarbeiter erdachtem) Windows verklagt?
Kann Bill Gates es nicht mehr ertragen, kein Datenmonopol mehr für sich beanspruchen zu können? Wäre es ihm lieber, wenn überhaupt, die "Macht" an Apple abzugeben?
Warum ist Google in Deutschland der Internetbuhmann? Ist Deutschland blöd?

Gudrun87

10.04.2013, 08:55 Uhr

Jetzt zu meckern, dass Microsoft und Konsorten zu den Klägern gehört ist scheinheilig. Google war mal ein super Unternehmen mit toller Suchmaschine. Mittlerweile sind sie zu einem Monopolisten mit ungeheuerlicher Macht geworden. Es ist beängstigend, was man hinter der Fassade Google herausfindet, wenn man sich mit dem Thema ein bisschen mehr befasst... Google muss gestoppt werden! Sonst ist in 10 das Internet = Google! Ich möchte Vielfalt, Diversifisierung und Auswahl haben. Das gilt beim Autokauf ebenso wie beim Internet.

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