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29.07.2015

06:32 Uhr

Kein Wachstum in Sicht

Twitter in der Sackgasse

VonAxel Postinett

Schlimmer geht es kaum noch: Twitter kann sein größtes Problem derzeit nicht lösen, räumt der Vorstand kleinlaut ein – es wird kein Wachstum geben. Das Unternehmen verbrennt Geld. Die größte Hoffnung ist eine Übernahme.

Nachdem Twitter die Quartalszahlen bekanntgab, schnellte die Aktien zuerst nach oben – um kurz danach abzustürzen. ap

Twitter an der New Yorker Börse

Nachdem Twitter die Quartalszahlen bekanntgab, schnellte die Aktien zuerst nach oben – um kurz danach abzustürzen.

San FranciscoAnthony Noto machte es kurz und bündig: „Wir erwarten kein nachhaltiges und signifikantes Wachstum bei den monatlichen aktiven Nutzern bevor wir nicht den Massenmarkt erreicht haben. Wir erwarten, dass das eine geraume Zeit in Anspruch nehmen wird.“

Es waren genau zwei Sätze, mit denen der Finanzvorstand des Kurzmitteilungsdienstes Twitter am Dienstag die nachbörsliche Kursparty beendet hat. Zunächst war die Aktie um bis zu zehn Prozent gestiegen, weil Umsatz und Ertrag im zweiten Quartal 2015 über Erwartung eingefahren wurden. Doch das Nutzerwachstum war weiter anämisch. Mit 316 Millionen sind es nur acht Millionen mehr als im 1. Quartal. Und in dem Stil werde es auch weitergehen. Die Hoffnungen, jemals Facebook mit über 1,4 Milliarden Nutzern einzuholen, sind offiziell begraben. Die Kursgewinne schmolzen ab. Dann machten Notos Sätze klar: Das ist kein Zufall. Das Problem hat System und das wird sich so schnell nicht ändern. Die Aktie sackte bis zu zwölf Prozent unter den Schlusskurs.

Es kommt einfach alles zusammen: Twitter gewinnt zu wenige Kunden, kann Interessenten sein Produkt nicht richtig erklären, findet keinen neuen Vorstandschef und das Mittelmanagement verabschiedet sich in Scharen. Todd Jackson, zuvor Director Produktmanagement, geht zu Dropbox, Christian Oestlien; Vice President Produktmarketing geht zu Googles Youtube, wurde am Dienstag bekannt. Vorstandschef Dick Costolo hatte im Juni 2015 hingeworfen. Im Juni 2014 verließ COO Ali Rowghani das imposante Hauptquartier an der Market Street in San Francisco, gefolgt von Kommunikationschefin Chloe Sladden, Finanzvorstand Mike Gupta und hunderten weiteren Mitarbeitern. Die Financial Times hat „mindestens“ 450 Abgänge bis heute gezählt.

Für Übergangschef Jack Dorsey ist das eine echte Herausforderung. Im Haifischbecken Silicon Valley tobt ein gnadenloser Kampf um Talente. Wie prekär die Lage bei Twitter ist, zeigt eine Zahl: Zusammen 175 Millionen Dollar in Aktien bekamen die verblieben Mitarbeiter im Quartal, um sie bei Laune zu halten.

Das ist Twitter

Twitter?

Twitter (englisch für Gezwitscher) ist eine digitale Echtzeit-Anwendung zum Mikroblogging (zur Verbreitung von telegrammartigen Kurznachrichten). Die Kommunikation auf Twitter erfolgt über sogenannte „Tweets“ (von englisch tweet ‚zwitschern‘). Dies sind kurze Textbeiträge, die angemeldete Nutzer erstellen können.

Geschichte

Twitter wurde im März 2006 unter dem Namen „twttr“ gegründet und gewann weltweit rasch an Popularität: Der erste Tweet wurde am 21. März 2006 durch den Twitter-Mitgründer Jack Dorsey mit dem Satz „just setting up my twttr.“ verschickt.

Follower?

Nach eigenen Angaben nutzten rund 288 Millionen Personen und Unternehmen Twitter mindestens ein Mal pro Monat (Stand: April 2015). Diese heißen im Twitter-Jargon Follower, englisch für „Folgende“, „Anhänger“.

Online-Tagebuch

Twitter wird als Kommunikationsplattform, soziales Netzwerk oder ein meist öffentlich einsehbares Online-Tagebuch definiert. Privatpersonen, Organisationen, Unternehmen und Massenmedien nutzen Twitter als Plattform zur Verbreitung von kurzen Textnachrichten (Tweets) im Internet. Diese dürfen maximal 140 Zeichen aufweisen.

Anmeldung

Für die Anmeldung werden lediglich zwei bisher nicht bei Twitter verwendete Angaben benötigt: Eine E-Mail-Adresse sowie eine Profilbezeichnung (=Nutzername). Bei der Anmeldung wird zwar auch ein „vollständiger Name“ erfragt, dieser dient jedoch offenbar vor allem dazu, diese Angabe neben diversen anderen im Profil anzuzeigen. Es wird außerdem ein Passwort benötigt.

Tweets

Jeder Tweet ist auf maximal 140 Unicode-Zeichen begrenzt. Er ist standardmäßig öffentlich, auch für unangemeldete Leser, sichtbar. Er kann Hashtags (mit #), Links (als URL), auch solche auf andere Nutzerprofile (mit @), sowie Bilder (als URL) oder Standorte enthalten. Tweets werden in erster Linie den Followern eines Benutzers angezeigt, vor allem über Hashtags oder Verlinkungen kann aber auch ein breiteres Publikum erreicht werden.

Das ist selbst im Silicon Valley eine Menge, es ist immerhin fast ein Drittel des Umsatzes von 545 Millionen Dollar, ein Plus von 63 Prozent zum Vorjahr. Das ist der gute Teil der Nachricht. Der Schlechte: Der Nettoverlust beträgt 136 Millionen Dollar. Erst „bereinigt“ um die Aktien für die Mitarbeiter wird ein Gewinn von 48 Millionen Dollar daraus, wie Dorsey den Analysten vorrechnet.

Es ist ein gutes Zeichen, wenn mehr Geld mit den bestehenden Kunden gemacht wird. Aber die Grenzen sind klar sichtbar, wenn keine neuen dazukommen. Obwohl jedermann Twitter kennt und kein sportliches oder politisches Großereignis mehr ohne Twitter stattfindet, bleibt der Dienst ein Nischenangebot. Dabei kann man Ex-Chef Costolo Untätigkeit jedenfalls nicht vorwerfen.

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