Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

11.06.2018

18:08 Uhr

Alles andere als unfehlbar. AFP

Facebook-Chef Mark Zuckerberg

Alles andere als unfehlbar.

Kommentar

Das Silicon Valley sollte aufhören, Musk, Zuckerberg und andere Unternehmer anzuhimmeln

VonBritta Weddeling

Das Silicon Valley behandelt Gründer wie Helden. Dabei wären Kritik und Kontrolle angebracht, wie viele Verfehlungen der Vergangenheit zeigen.

Elizabeth Holmes war alles, wovon Silicon Valley träumte. Eine ambitionierte Gründerin, die mit 19 Jahren das Stanford-Studium abbrach, um die Biotech-Branche umzukrempeln.

Auf dem grauen Kapitalmarkt erreichte ihr Blutanalyse-Start-up Theranos zwischenzeitlich eine Bewertung von fast zehn Milliarden Dollar. Das Magazin „Forbes“ feierte Holmes mit ihrem geschätzten Vermögen von 4,75 Milliarden Dollar als reichste „Selfmadefrau der USA“.

Heute steht das Start-up vor dem Aus. Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Betrug gegen die ehemalige Valley-Ikone. Die wundersame Blutanalyse-Maschine gab es überhaupt nicht. Holmes hatte offenbar alle belogen. Und es war weder Investoren noch den Aufsichtsräten ihres Unternehmens aufgefallen.

Der dramatische Sturz der Elizabeth Holmes ist ein Lehrstück über mangelnde Kontrolle und einen fragwürdigen Gründerkult vom Silicon Valley.

Die Tech-Industrie räumt ihren Lieblingsunternehmern zu viel Freiheiten ein und hebt sie auf den Sockel, baut ihnen ein Denkmal, bis sie schon selbst glauben, sie seien unfehlbar. Als würde jeder Nerd über Nacht automatisch zum Superhelden mutieren!

Jeder weiß doch, dass es solche magischen Verwandlungen höchstens in Comic-Büchern gibt und reine Fiktion sind. Statt nach Verehrung sollten Gründer nach Widerspruch, Einspruch und Kritik suchen.

Doch das Gegenteil ist heute der Fall. Wie Holmes, der die Hälfte aller Theranos-Anteile gehören, untermauern immer mehr Gründer den Einfluss in ihren Firmen. Mark Zuckerberg sicherte sich die Macht bei Facebook.

Larry Page und Sergey Brin fällt bei Google ebenso uneingeschränkter Einfluss zu und Evan Spiegel beim Facebook-Rivale Snap. Sie alle steuern weitgehend unkontrolliert ihre Unternehmen. Investoren, Mitarbeitern und Öffentlichkeit bleibt nichts anderes übrig, als sich darauf zu verlassen, dass Entscheidungen ihrer Helden richtig sind.

Schlechtes Licht auf Facebook

Nicht immer geht die Rechnung auf. Zuckerberg zum Beispiel bekommt die Krise seiner Firma nicht in den Griff. Nur kurz nach der großangelegten Entschuldigungstour wegen des Datenskandals um Cambridge Analytica erschüttern neue Vorwürfe das Vertrauen in den 34-Jährigen und seine Firma.

Facebook räumt ein, etwa 60 Hardware-Herstellern weite Zugriffsrechte auf Nutzerdaten eingeräumt zu haben, unter ihnen auch Huawei. Diesem chinesischen Hersteller wurde mehrfach vorgeworfen, Informationen an die Regierung in Peking weiterzugeben.

Deals zwischen Hardware-Herstellern und Tech-Firmen gehörten zwar lange zum Industriestandard. Doch nach der Serie von Datenskandalen werfen sie ein schlechtes Licht auf Zuckerberg, der doch beteuert hatte, alle Zugriffe von Dritten künftig strenger zu kontrollieren.

Und kurz danach kam heraus, dass 14 Millionen Facebook-Mitglieder ihre privaten Beiträge aufgrund eines Softwarefehlers nicht nur mit engsten Freunden geteilt hatten, sondern vielleicht mit der ganzen Welt. Zuckerberg ist offensichtlich nicht ganz so genial, wie seine Investoren sich das vorstellen. Zuckerberg braucht Kontrolle und ein Korrektiv.

Noch wirken sich die negativen Schlagzeilen kaum auf den Börsenkurs des sozialen Netzwerks aus. Wie die Papiere von Apple, Alphabet oder Amazon steigt der Wert von Facebook an der Wall Street. Auch Wall Street will träumen.

Kein etablierter Dax-Vorstand versteht es so mitzureißen wie Tesla-Chef Elon Musk, Genies wie Steve Jobs oder Macher wie Jeff Bezos inspirieren Geldgeber wie Nachahmer. Die digitale Wirtschaft braucht solche Ikonen.

Doch nicht jeder geniale Erfinder kann auch Menschen führen. Am aggressiven Führungsstil von Travis Kalanick, der bis vor Kurzem die Mehrheitsrechte an Uber hielt, ist der von ihm gegründete Mobilitätsdienst fast zerbrochen.

Musk allmächtig

Nicht jeder weiß mit Macht umzugehen. Erfinder Musk, von Medien und Journalisten wiederholt als „Iron Man“ bezeichnet und damit zum Superhelden stilisiert, erträgt kaum noch Widerspruch. Er teilt bei Twitter gegen Journalisten aus, die über Produktionsprobleme und Sicherheitsmängel beim Elektroautohersteller Tesla berichten.

Er fordert seine 21,9 Millionen Twitter-Anhänger sogar auf, Journalisten zu bewerten. Im gleichen Stil attackiert er Analysten, die kritische Fragen stellen. Wie so viele, denen Silicon Valley voreilig ein Denkmal gebaut hat, kennt Musk nur eines, Anhimmelung.

Auch in seinem eigenen Unternehmen Tesla widerspricht ihm niemand. Er hält um die 22 Prozent der Firmenanteile.

Die Schattenseite des Gründerkults sind angeblich unfehlbare Superhelden, die Follower, Anhänger und Jünger um sich scharen. Und die keinen neben sich dulden, weil sie sich selbst in der tiefsten Krise für unfehlbar halten.

Tesla-Aktionäre, die Musk das Amt des Chairman abnehmen wollten, damit Musk sich auf den Posten als Tesla-Chef und auf die schwierige Ausweitung der Produktion konzentrieren kann, schmetterte der „Iron Man“ selbstverständlich ab. Der geniale Gründer kontrolliert sich lieber selbst.

Die wichtigsten Neuigkeiten jeden Morgen in Ihrem Posteingang.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×