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28.09.2011

18:01 Uhr

Kommentar

Spiel mit dem Feuer

VonAxel Postinett

Mit der Einführung eines eigenen Media-Tablets geht Amazon-Chef, Jeff Bezos, aufs Ganze. Die Strategie ist riskant, könnte aber aufgehen.

Die Präsentation des Kindle Fire in New York. AFP

Die Präsentation des Kindle Fire in New York.

San FranciscoFür Bundeskanzlerin Angela Merkel wäre die Einführung des Media-Tablets von Amazon sicher „alternativlos“. Aber war es das wirklich? Amazon schwimmt mit dem Strom, um nicht unterzugehen. Dabei stellt die Einführung des kleinen  Handflächen-Computers mit 7-Zoll-Bildschirm für den weltgrößten Onlinehändler ein nicht unbedeutendes Risiko dar.

Erweist sich das Gerät als Ladenhüter, bedeutet das eine schwere Bürde für den Handelskonzern. Die Geschichte von HP gilt da als warnendes Beispiel, das nach kaum zwei Monaten eingestellte Touchpad hat in kürzester Zeit massive Verluste eingefahren. Amazon muss sich im schlimmsten Falle darauf einstellen, eine lange finanzielle Durststrecke zu überstehen, bis das Gerät akzeptiert wird und Apple erfolgreich Paroli geboten werden kann.

Axel Postinett, Handelsblatt-Korrespondent im Silicon Valley. Pablo Castagnola

Axel Postinett, Handelsblatt-Korrespondent im Silicon Valley.

Der Schachzug, sich durch den anderen, kleineren Formfaktor aus dem direkten Vergleich mit dem übermächtigen iPad herauszuhalten, ist auf den ersten Blick nicht schlecht. Aber auf den zweiten muss man sehen, dass der Markt für 7-Zoll-Tablets im Moment das ist, was Steve Jobs prognostiziert hat. Die bisherigen Angebote waren  „Dead on Arrival“, tot schon bei der Auslieferung. Und Amazons Sparkommissare haben dem Fire weder 3G-Mobilfunk spendiert noch eine Kamera oder ein Mikrofon. Mutig. Das Fire kostet weniger – und bietet weniger.

Und wo sind Amazons-Vertriebswege, von Online mal abgesehen? Wie will Amazon mit den glitzernden Apple-Stores konkurrieren, in denen enthusiastische Mitarbeiter jeden Tag aufs Neue die gottgleichen Geräte an den Mann und die Frau bringen? Wie man endet, wenn emotionslose Warenaufpasser in Discount-Elektronikketten ungeschult und manchmal hilfloser auf dem Bildschirm herumwerkeln als dir Kunden hat schon die Konkurrenz erfahren.

Persönlich war ich schon in einer Best-Buy-Filiale in der eine lange Reihe Tablets vieler Hersteller mit schwarzen Bildschirmen die Kundschaft angegähnt haben. Nicht ein Gerät war an diesem Tag aufgeladen und vorführbereit. Bei einem späteren Besuch war bei einigen Geräten nicht einmal die Grundinstallation vorgenommen worden.

Andererseits besteht wirklich Handlungszwang. Je stärker sich das mobile Geschäft auf geschlossene Plattformen verlagert, um so größer die Gefahr für Jeff Bezos von seinen Kunden abgeschnitten zu werden. Apples strikte Vertriebspolitik über seinen Online-Shop mit dem Zwang, eine Möglichkeit über den Einkauf per iTunes anzubieten, wenn eine App eine Funktion zum Kauf direkt aus der Software heraus anbietet, ist eine Kampfansage erster Güte für Amazon. Spielt Bezos hier mit, muss er 30 Prozent des Verkaufserlöses dem Feind in den Rachen werfen. Die Alternative wäre aber auch gewesen, Hersteller wie Samsung, HTC oder Acer nicht zu Konkurrenten, sondern mit attraktiven Kooperationsmodellen zu festen Partnern zu machen. Sie sind ohne eigene Handels-Infrastruktur sicher dankbar für ernstgemeinte Angebote.

Aber Jeff Bezos ist bekannt dafür, aufs Ganze zu gehen. Was dem Handelsmann in die Karten spielt ist sein unbestreitbares Gespür für das Geschäft mit dem Konsumenten.  Eine Bündelung wirklich attraktiver Angebote zusammen mit dem Kindle Fire könnte wirklich das Feuer bei eingefleischten Amazon-Kunden entfachen und doch noch einen Steppenbrand auf der ausgedörrten Monokultur aus Cupertino entfachen. Jedenfalls dann, wenn ein 10-Zoll-Tablet folgen wird.


Kommentare (3)

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M.D

28.09.2011, 19:50 Uhr

Also Herr Postinett,

sie scheinen ja ein blühender Anhänger von Apple zu sein und am besten überlässt man dem Riesen gleich den ganzen Kuchen anstatt zu versuchen ihm Paroli zu bieten. Es stimmt vielleicht das HP eine bittere Niederlage in diesem Segment erlitten hat aber diesen Fall mit Amazon gleichzustellen halte ich für unzureichende Recherche. Apple arbeitet eher auf emotionaler Ebene deswegen sind diese Apple Stores auch angebracht, dagegen arbeitet Amazon eher auf rationaler Ebene in dem es anscheinend ein gutes Produkt zu einem günstigen Preis anbietet, hinzu kommt das dadurch Kosten gespart werden und später eine evtl. Kooperation diesen physischen Nachteil ausgleichen kann. Außerdem hat Amazon auch andere Möglichkeiten was das Marketing betrifft so das dass Produkt ein ganz anderes Auftreten und Aufmerksamkeit genießt. Viele Hersteller die sich mit Apple messen wollten haben desweiteren auch das Problem gehabt das sie eine unzureichende Unterstützung seitens der sog. Apps hatten, dies wird bei Amazon nicht der Fall sein. Ich könnte noch weitere Gründe anführen werde das aus zeitlichen Gründen lassen. Mir ist bewusst das ein Kommentar auch immer eine subjektive Meinung beinhaltet aber objektivere Recherche hätte dem Artikel nicht geschadet.

A.Postinett

29.09.2011, 01:06 Uhr

Lieber M.D.

nein, ein Apple-Fan bin ich nicht. Aber es gibt ein paar Eckpfeiler, die es extrem schwierig machen an dieses Quasi-Monopol heranzukommen. Das muss man einfach realistisch sehen. Amazon lädt sich eine enorme Bürde auf. Da muss es erlaubt sein zu fragen, ob es da nicht ein paar Knackpunkte geben kann. Ich glaube, es gibt sie. Amazon ist auch kein Samariter. Die Käufer des Billig-Pads von Amazon müssen sich eine enge Knebelung gefallen lassen, so wie Applekunden. Dann der Speicher: nur 8 GB. Kein Wunder, dass der Preis niedriger ist. Aber 8GB und kein 3G-Internet, sondern nur WLAN, da kommt der Verweis auf den Cloudspeicher oder Mediastreaming schon etwas komisch vor. Wo ist Whispersync, der Dienst, mit dem man ohne Datenkosten Bücher aus dem Kindle-Store laden kann? DAS wäre ein Knaller. Habe ich es nur übersehen? Vielleicht. Dann eine modifizierte Oberfläche von Android. Das heißt im Klartext, dass Kunden lange auf Android-Updates werden warten müssen. Ich würde auch den Einzelhandel nicht unterschätzen. Was sich hier an jedem gewöhnlichen Tag im Apple-Store an Market Street abspielt ist einfach unglaublich. Ich wünsche Amazon viel Erfolg. Aber ich bin noch nicht überzeugt.

M.D

29.09.2011, 18:05 Uhr

Sehr geehrter Herr Postinett,

und genau an dem Punkt mit den Knebelverträgen wenn man sie so nennen möchte ist einer der Schlüssel die für den Erfolg des Kindle sprechen. Es gibt viele Beispiele die aufweisen das nicht durch den Verkauf von Hardware das große Geld gemacht wird sondern auf der Software Seite und wenn Amazon es gelingt eine gewisse Marktdurchdringung zu bewerkstelligen werden sie auch in der Lage sein den Markt eher zu steuern, genau wie es Apple in Moment macht.
Und wir sind uns glaube ich einig das es über die emotionale Schiene nicht klappen kann und deswegen ist eine Diversifikation in meinen Augen die einzig richtige Lösung nämlich über die pragmatische Schiene.

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