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22.04.2014

13:47 Uhr

Konkurrenz durch Start-up Aereo

Amerikanisches Kabelfernsehen vor dem Abgrund

VonAxel Postinett

Dieser Prozess könnte die amerikanische TV-Landschaft umkrempeln: Das Start-up Aereo hebelt das Geschäftsmodell der Kabelanbieter aus. Jetzt entscheidet der Oberste Gerichtshof, ob der Trick des Angreifers rechtens ist.

Umschalten: Viele Zuschauer in den USA ärgern sich über die hohen Kabelgebühren. Das Start-up Aereo bietet eine Alternative – falls sein Geschäftsmodell vor Gericht besteht. dpa

Umschalten: Viele Zuschauer in den USA ärgern sich über die hohen Kabelgebühren. Das Start-up Aereo bietet eine Alternative – falls sein Geschäftsmodell vor Gericht besteht.

San FranciscoSo muss die Hölle aussehen. Jedenfalls dann, wenn man ein Anbieter von Kabelfernsehen ist. Mit einem einfachen Trick hebelt ein Start-Up-Unternehmen das lukrative Geschäftsmodell einer ganzen Branche aus und ist seit zwei Jahren durch Nichts zu stoppen. Ab heute muss sich der oberste Gerichtshof der USA in Washington mit dem Fall Aereo befassen, und es geht für alle Beteiligten um alles oder nichts. Urteilt er wie die Vorinstanzen, dann stehen für Comcast, Time Warner Cable & Co Milliarden Dollar an Umsatz im Feuer – und TV in den USA wird nie mehr das sein, was es einmal war.

Der frühere Paramount-, QVC- und Fox-TV-Manager Barry Diller hat nicht immer Glück gehabt im Internet-Geschäft. An seine Suchmaschine Ask.com mit Sitz in Oakland, Herausforderer von Google, erinnert sich heute kaum noch jemand. Aber mit Aereo hat der alte Haudegen der TV-Industrie einen absoluten Überraschungscoup gelandet. Für die einen ist das 2012 gegründete Unternehmen nichts anderes als die Wiedergeburt der Musik-Raubritterplattform Napster für TV-Sender, für die anderen ist es der lang erwartete Fangschuss, der eine der am stärksten verkrusteten und selbstgefälligsten Branchen der Unterhaltungsindustrie zur Strecke bringen könnte.

Zuerst als frech und anmaßend verlacht, erwies sich Aereo als unerwartet zäh. Der Webdienst liefert seinen Kunden gegen eine Gebühr von acht Dollar im Monat TV-Sender wie ABC oder CBS auf Fernseher, Smartphone, Tablet oder PC. Nichts umwerfendes, sollte man meinen. Doch Aereo zahlt den TV-Sendern dafür, anders als die Kabelbetreiber, keinen einzigen Cent.

Die größten Medienkonzerne der Welt (nach Umsatz 2012)

Comcast/NBC, LLC

48,7 Milliarden Euro

Google

39,1 Milliarden Euro

Walt Disney

32,9 Milliarden Euro

News Corp.

26,2 Milliarden Euro

Time Warner

22,4 Milliarden Euro

Viacom/CBS Corp.

22,4 Milliarden Euro

Sony Entertainment

16,8 Milliarden Euro

Bertelsmann

16,1 Milliarden Euro

Vivendi

13,3 Milliarden Euro

Dish Network Corp.

11,1 Milliarden Euro

Rang 11 bis 20

Cox Enterprises 10,6 Milliarden Euro

Thomson Reuters 10 Milliarden Euro

Rogers Comm. 9,7 Milliarden Euro

Liberty Media Corp. 9,4 Milliarden Euro

Reed Elsevier 7,5 Milliarden Euro

Pearson 7,5 Milliarden Euro

Lagardère Media 7,4 Milliarden Euro

Nippon Hoso Kyokai 6,4 Milliarden Euro

ARD 6,3 Milliarden Euro

Bloomberg 6,2 Milliarden Euro

Quelle: Unternehmen

Ein klarer Fall von Urheberrechtsverletzung, war der erste Gedanke der TV-Gewaltigen, die schnell wieder zum Tagesgeschäft übergingen: Wie erfinde ich ständig neue Gebühren für die Kunden und wie gestalte ich die Programmbündel so unattraktiv wie möglich, damit der Kunde so viel wie möglich abonnieren muss. Das Risiko dabei ist überschaubar: Kabelanbieter wie Comcast haben in ihren Verbreitungsgebieten praktisch keine ernsthafte Konkurrenz.

Doch die TV-Manager hatten nicht mit der Gerissenheit des in San Francisco geborenen Diller gerechnet. Er hatte den Stein der Weisen gefunden, die Achillesferse der Quasimonopolisten, die eine, entscheidende Lücke im Gesetz. Der Fall „American Broadcasting Companies, Inc vs. Aereo, Inc“ zog sich von Instanz zu Instanz und jedes Mal gewann der Neuling.

In den USA gibt es traditionell drei Möglichkeiten, TV zu sehen: Über Antenne, kostenlos, oder über einen Kabel-TV- oder Satellitenanbieter, dann gegen entsprechendes Entgelt.

Aereo nun simuliert den Antennenempfang über das Internet. In großen Lagerhäusern stehen zigtausende Antennen, jede nicht größer als eine 25-Cent-Münze. Die greifen die Signale der Sender ab und senden sie per Internet weiter auf die Empfangsgeräte.

Wichtig dabei: Pro Antenne gibt es immer nur einen Empfänger. Denn das ist der Trick. Damit ist es nach US-Recht kein „Broadcast“, keine öffentliche Vorführung, so wie bei einem Kabelunternehmen. Es ist eine private Vorführung. Und für die muss, so argumentiert Aereo, auch keine Gebühren bezahlt werden. Nur weil die Antenne nicht auf dem Dach des Kunden, sondern im Lagerhaus steht, wird das Recht nicht ausgehebelt. Bislang folgten zum Entsetzen der Sender und TV-Kabelanbieter alle Richter der Argumentation.

Kommentare (8)

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22.04.2014, 15:21 Uhr

find ich gut! In Deutschland müsste er Fernsehsumpf auch mal trocken gelegt werden. Bei der Fülle an Wiederolungen ist eine Filme, Serien etc. Datenbank sicher eine gute Aternative. Nur die GEZ stört. Warum zahlt eigentlich der Empfänger GEZ und nicht der Sender?

Account gelöscht!

22.04.2014, 15:26 Uhr

US Kabelfernsehn: gespickt mit Werbung.
Sky machts nach.
Und das wars dann.

Account gelöscht!

22.04.2014, 16:00 Uhr

Welche perfiden Zustände haben wir in Deutschland? Das deutsche Kabelfernsehen-Netz ist nach EU-Wettbewerbsrecht hochgradig rechtswidrig und wird nur durch politische Seilschaften im Hintergrund legitimiert. Bestes Beispiel: KabelBW. Ein Unternehmen mit zwielichtigem Geschäftsgebaren gepaart mit völliger, technischer Inkompetenz. KabelBW hat ein Gebietsmonopol für BW, Hessen und RF. Ein Monopolist!!!!- das muss man sich mal vorstellen und das im Jahre 2014!!!!! Und KabelBW schaltet und waltet wie es deren gefällt: Wochenlange Störungen auf allen Ebenen und das seit Monaten!!!! Wenn man kündigen will- sitzt man da ohne wirkliche Alternative. In BW darf Kabel Deutschland z.B. nicht agieren. Das ist Wettbewerb? Und was noch erschwerend dazu kommt: Viele Mieter haben in BW KabelBW automatisch im Mietvertrag drin- in den Nebenkosten...Und das weiß KabelBW auch- jedes andere Unternehmen wäre zwischenzeitlich insolvent bei einem derartig unseriösen Geschäftsgebaren. Und was die tollen deutschen Behörden angeht: Weder das Bundeskartellamt, die Bundesnetzagentur oder die Landesmedienanstalt BW fühlen sich zuständig.

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