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26.09.2014

16:26 Uhr

Kriselnder Smartphone-Hersteller

Blackberry sendet wieder Lebenszeichen

VonChristof Kerkmann

Gelingt Blackberry das Comeback? Der kriselnde Smartphone-Hersteller verbreitet Optimismus. Ein neues Smartphone soll Manager und Berater begeistern, eine neue Software die IT-Chefs. Die Anleger sind angetan. Zurecht?

Der neue Hoffnungsträger: John Chen will Blackberry wieder profitabel machen. ap

Der neue Hoffnungsträger: John Chen will Blackberry wieder profitabel machen.

DüsseldorfAls Apple kürzlich das neue iPhone vorstellte, warb der Konzern mit dem dünnen Design, dem „fantastischen Display“ und den „innovativen Technologien“, die im Gerät stecken. Als Blackberry diese Woche sein neues Spitzenmodell Passport der Öffentlichkeit zeigte, redeten die Manager lieber davon, dass man dank des breiten Bildschirms besonders gut Excel-Tabellen bearbeiten könne. Zurückhaltender hat wohl noch kein Hersteller ein Smartphone angepriesen.

Es ist ein deutliches Signal: Blackberry will die Unternehmenskunden zurückgewinnen. Der Konzern überlässt Apple und Samsung das Feld, wenn es darum geht, die Verbraucher zu begeistern. Die eigenen Smartphones richten sich an Manager und Berater (hier finden Sie einen Testbericht des Passport). Und sind ein wichtiges, aber längst nicht mehr der wichtigste Geschäft. Denn der Erfinder der kleinen E-Mail-Maschinen will vor allem mit Software Geld verdienen, die sichere Kommunikation ermöglicht und bei der Verwaltung der mobilen Geräte hilft.

Die am heutigen Freitag vorgelegten Quartalszahlen zeigen indes, dass der Weg noch weit ist: Der Konzern macht wegen hoher Abschreibungen 207 Millionen Dollar Verlust, Gewinne schreibt er nach eigenen Einschätzungen erst wieder 2015 oder 2016. Zudem sinkt der Umsatz weiter. Weil die Anleger mit schlimmeren Zahlen gerechnet hatten, stieg Aktienkurs aber.

Der Abstieg von Blackberry

Ein unterschätzter Konkurrent

Apple stellt im Januar 2007 das iPhone vor. Während Steve Jobs gewohnt großspurig von einer Revolution spricht, gibt sich Blackberry-Hersteller RIM konziliant: Nicht jeder könne auf Glas tippen, das Design der Blackberry-Geräte sei daher überlegen. Im neuen Segment der Smartphones ist RIM jedenfalls eine Bank.

Erstes Blackberry ohne Tasten

Gänzlich unbeeindruckt ist RIM aber nicht: Einige Monate nach dem iPhone-Start bringt das kanadische Unternehmen sein erstes Gerät mit Touchscreen heraus, das Blackberry Storm. Es soll die RIM-Smartphones auch unter normalen Verbrauchern zum Must have zu machen. Das Gerät ist pannenanfällig und bekommt allenfalls durchwachsene Rezensionen. Trotzdem steigert RIM seinen Marktanteil weiter.

Neues Betriebssystem

RIM übernimmt im April 2010 die Software-Schmiede QNX, deren Betriebssystem später die veraltete Blackberry-Software ersetzen und Smartphones, Tablets, aber auch Systeme wie Autoelektronik antreiben soll. Zu diesem Zeitpunkt steht Apple bereits kurz vor der Einführung des iPhone 4. RIM ist technologisch ins Hintertreffen geraten.

Ein Konkurrent fürs iPad?

RIM äußert sich öffentlich zwar skeptisch über Tablet-Computer, arbeitet aber selbst an einem solchen Gerät. Im April 2011 kommt das Playbook heraus. Es hat bereits das neue Betriebssystem QNX an Bord, enttäuscht aber trotzdem die Fachwelt, nicht zuletzt weil anfangs Programme für E-Mail, Kalender und Adressbuch fehlen. Der Absatz verfehlt die Erwartungen, bis der Preis deutlich sinkt.

Der Brain Drain beginnt

RIM kündigt im Juli 2011 an, 2000 Mitarbeiter zu entlassen – offiziell, um die „Kosten zu optimieren“. In den Vorjahren war die Belegschaft rasant gewachsen. Die Moral leidet unter den Einschnitten, viele Talente und auch etliche Führungskräfte verlassen von sich aus das Unternehmen im kanadischen Waterloo nahe der US-Grenze.

Serverausfall erschüttert Vertrauen

Im Oktober 2011 fallen die Server von RIM vier Tage lang aus, weltweit haben Nutzer Probleme, auf ihre Mails und Nachrichten zuzugreifen. Die Panne trifft RIM ins Mark: Sicherheit und Zuverlässigkeit sind bisher ein Markenzeichen der kanadischen Firma. Die schlechte Krisenkommunikation sorgt für zusätzlichen Frust.

Die Chefs treten ab

Der Druck wird zu groß – die langjährigen Firmenchefs Mike Lazaridis und Jim Balsilie treten im Januar 2012 zurück, bleiben aber im Verwaltungsrat. Der bisherige Vorstand Thorsten Heins, 54, übernimmt.

Neue Geräte, neues Glück?

Nach mehreren Verzögerungen präsentiert RIM im Januar 2013 das neue Betriebssystem Blackberry 10 und sechs neue Smartphones. Sie sollen nicht nur Managern die Arbeit erleichtern, sondern auch Spaß machen – so wie das iPhone oder die zahlreichen Android-Geräte. Doch der Absatz bleibt hinter den Erwartungen zurück, der Marktanteil fällt immer weiter. Das Unternehmen benennt sich um und heißt nun wie sein wichtigstes Produkt.

Neuer Chef krempelt Blackberry um

2013 denkt das Blackberry-Management über einen Verkauf des Unternehmens nach. Am Ende stellt die kanadische Finanzfirma Fairfax mit anderen Investoren eine Milliarde Dollar frisches Geld zur Verfügung. Der deutsche Chef Thorsten Heins geht im November 2013, der frühere Sybase-Chef John Chen übernimmt. Er richtet das Unternehmen neu aus und stellt Software in den Mittelpunkt. Das Hardware-Geschäft lagert er aus - und beendet damit eine traditionsreiche Geschichte.

Blackberry hatte den Trend zu einfach bedienbaren Smartphones mit Touchscreen verpasst, den Apple mit dem ersten iPhone setzte und fast alle anderen Hersteller anschließend imitierten. Unter dem deutschen Vorstandschef Thorsten Heins frischte Blackberry zwar sein Betriebssystem auf und brachte zahlreiche neue Geräte auf den Markt, einige auch ohne die typische Blackberry-Tastatur. Doch die Käufer griffen zu iPhone, Galaxy und anderen Modellen. Der Absatz brach ein, die Verluste stiegen in bedrohliche Höhe – und Heins musste gehen.

Sein Nachfolger John Chen, seit November 2013 im Amt, will aus der Not eine Tugend machen. Das kanadische Unternehmen verkauft zwar weiterhin Geräte, um die treuen Fans in Schwellenländern wie Indonesien wie auch in den Management-Etagen und Unternehmensberatungen zu bedienen. Aber einen Teil der Produktion samt Risiken hat er an den chinesischen Auftragsfertiger Foxconn ausgelagert. Als Kerngeschäft sieht Chen nun Software und Dienste, mit denen Firmenkunden und Regierungen die Smartphones und Tablets ihrer Mitarbeiter sicher verwalten können – unabhängig davon, ob diese von Apple, Samsung oder Blackberry stammen. Experten sprechen von Mobile Device Management (MDM).

Chen hofft, dass Blackberry mit seinem Ruf punkten kann: Die Technologie gilt als sehr sicher und ist in Zeiten der NSA-Affäre ein gutes Verkaufsargument. Erst im Juli übernahm der Konzern den deutschen Verschlüsselungsspezialisten Secusmart, dessen Technologie auch in Handys der Bundesregierung zum Einsatz kommt, etwa dem „Merkel-Phone“. Mit Blackberry schreibt man künftig nicht nur verschlüsselte E-Mails, sondern man telefoniert auch sicher. Ein weiterer Zukauf soll beispielsweise die Verwaltung verschiedener Telefonnummern auf einem Gerät ermöglichen.

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