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22.10.2015

11:49 Uhr

Krisen-Konferenz mit neuem Chef

Führt Jack Dorsey Twitter aus der Misere?

VonBritta Weddeling
Quelle:Handelsblatt Online

Bei seinem ersten Auftritt als alter neuer Twitter-Chef wirbt Jack Dorsey um Sympathien. Doch einen Weg aus der tiefen Krise kann der neue starke Mann noch nicht aufzeigen. Auch die neuen Tools überzeugen nicht.

„Twitter steht dafür, den Mächtigen die Meinung zu sagen.” ap

Jack Dorsey (Archivbild)

„Twitter steht dafür, den Mächtigen die Meinung zu sagen.”

San FranciscoDer Mann hat sich inzwischen aufs Betteln verlegt. Ziemlich demütig schritt Chef Jack Dorsey während seiner Eröffnungsrede zur Entwicklerkonferenz „Flight“ über die in blau getauchte Bühne des Bill Graham Auditoriums in San Francisco und warb um das Publikum. „Wir brauchen Euch. Wir wollen von Euch lernen. Bitte sagt uns, was wir für Euch tun können.“

Twitter, stets erklärter Liebling der Tech-Szene samt all ihrer Journalisten, steckt in der tiefsten Krise seit der Gründung 2006. Erst vor wenigen Tagen kündigte die Firma mit dem sympathischen blauen Vögelchen an, acht Prozent der Belegschaft, das entspricht 366 Mitarbeitern, entlassen zu müssen. In Silicon Valley, wo alle Zeichen mindestens auf Wachstum und höchstens auf Weltherrschaft stehen, kommt so etwas selten vor und wenn doch, dann nur bei den Alten. So etwas trifft Microsoft, nicht Twitter.

Zahlen und Fakten zu Twitter

Nebenprodukt mit Erfolg

Twitter war zunächst nicht mehr als ein Nebenprodukt der Firma Odeo, die eine (allerdings wenig erfolgreiche) Podcasting-Plattform entwickelte. Die Macher suchten 2006 nach Alternativen – und entwickelten den Dienst mit seinen 140 Zeichen kurzen Texthäppchen. In den ersten Monaten gewann er zwar kaum Nutzer, doch nach einem erfolgreichen Auftritt auf der Technologiekonferenz SXSW hob Twitter ab.

Idee von vier Freunden

Anfangs standen vier Freunde hinter Twitter: Evan Williams, der dank des Verkaufs seiner Plattform Blogger.com an Google auch Geldgeber war; außerdem Jack Dorsey, Biz Stone sowie Noah Glass. Letzterer wurde allerdings wegen seiner schwierigen Art schon bald aus der Firma gedrängt.

Intrigen und Machtkämpfe

Die kurze Geschichte der Firma ist geprägt von Machtkämpfen zwischen den einstigen Freunden. Der erste Chef Jack Dorsey musste auf Veranlassung des Mitgründers Evan Williams sowie des Verwaltungsrates seinen Posten verlassen. Williams selbst hielt sich auch nicht dauerhaft an der Spitze – bei seiner Entmachtung im Oktober 2010 hatte Dorsey seine Finger im Spiel. Auf ihn folgte Dick Costolo, zuvor bei Google tätig. Der wiederum verließ das Unternehmen im Juli 2015. Jack Dorsey kehrte als Interimschef zurück.

Durchweg in den Miesen

Bislang hat Twitter die Erwartungen der Börse noch nicht erfüllt. Das Unternehmen hat trotz steigender Umsätze noch nie Gewinn gemacht.

Zaghaft im Werbegeschäft

Die Gründer verzichteten in der Anfangszeit bewusst auf Werbung, um die Nutzer nicht zu verschrecken. Im Frühjahr 2010 starteten erste Versuche mit bezahlten Tweets. Inzwischen ist das Geschäft beträchtlich angewachsen, im zweiten Quartal 2015 auf 452 Millionen Dollar .

304 Millionen Nutzer

Twitter ist für die mobile Ära gerüstet. Ein Großteil der Werbeerlöse wird auf Smartphones und Tablet-Computern erwirtschaftet. Insgesamt hat Twitter im zweiten Quartal 2015 rund 304 Millionen Nutzer pro Monat.

Twitter-Aktionäre sind gleichberechtigt

Twitter versucht nicht, den Einfluss der Gründer durch eine Aktienstruktur mit zwei Klassen zu sichern. Andere Internet-Unternehmen wie Google oder Facebook haben bei ihren Börsengängen den Investoren Papiere angeboten, die weniger Stimmrechte haben als die Aktien von Gründern und Spitzen-Managern. Bei Twitter sind alle Anteilseigner gleich, die Ausgabe von Vorzugsaktien ist nur als Möglichkeit für die Zukunft vorgesehen.

„Wir haben das revolutionärste Kommunikationswerkzeug unserer Zeit geschaffen“, wirbt Dorsey. Der 38-Jährige, den die Firma unlängst in einer Art Verzweiflungsaktion als neuen Chef aus dem Hut gezaubert hatte, spricht an diesem Morgen viel über kulturellen Wandel, Dialogkultur und Freiheit. Zum Beispiel: „Twitter steht dafür, den Mächtigen die Meinung zu sagen.“

Zeichen stehen schlecht für Dorsey

Doch ausgerechnet dem eigenen Anspruch wurde der Dienst nicht gerecht. Erst schränkte Twitter 2012 den Zugriff für Entwickler drastisch ein, dann warf man den Live-Streamingdienst Meerkat zugunsten des eigenen Produkts Periscope von der Plattform. Heute nutzen viele Nutzer die Schnittstelle von Facebook, um sich bei einem neuen Dienst anzumelden, darunter beispielsweise Airbnb oder Uber. Und Twitter geht leer aus.

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Im Schatten des Rampenlichts gibt es auch eine andere Welt: mit Ausbeutung, Machtspielen und Doppelmoral.

Kein Wunder, dass das Publikum der Entwicklerkonferenz verschnupft reagiert. Wenn überhaupt, dann ertönt nur müdes Klatschen. Während die Ränge des Auditoriums bei jedem anderen Tech-Event gut gefüllt oder im Fall Apple gar ausverkauft sind, bleiben an diesem Tag viele der insgesamt 7000 Sitzplätze leer. Die Zeichen stehen schlecht für Dorsey, der Twitter zu neuem Wachstum verhelfen soll. Twitter ist auf die Gunst der Programmierer und ihrer Produkte angewiesen. Irgendwann muss der Dienst seine Profitabilität schließlich unter Beweis stellen.

Bislang wartet die Tech-Welt vergebens. In die Schlagzeilen gerät die Firma bislang höchstens durch zahlreiche Wechsel im Management wie jüngst den Abgang von Dick Costolo. Der unter der Führung des Ex-Chefs absolvierte Börsengang ist verpatzt. Am Mittwoch riet Morgan Stanley den Anlegern, die Twitter-Aktie im Portfolio geringer zu gewichten. Das Papier verlor daraufhin mehr als fünf Prozent und lag nach Börsenschluss mit rund sechs Prozent im Minus.

Die Stimmung im Hauptquartier von Twitter in der Market Street von San Francisco ist mies. Facebook, das nur wenige Jahre ältere Netzwerk, zog längst vorbei. Es verfügt inzwischen über 1,5 Milliarden Mitglieder, Twitter besitzt nur 304 Millionen. Das große Problem des Mikro-Blogging-Dienstes: er ist immer noch nicht im Mainstream angekommen.

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