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17.07.2014

16:30 Uhr

Kürzungen bei Microsoft

Radikaldiät für den Giganten

VonChristof Kerkmann

Kahlschlag bei Microsoft: Der Windows-Konzern streicht 18.000 Stellen, davon viele in der zugekauften Handysparte von Nokia. Doch es geht nicht nur um Synergien: Firmenchef Nadella will den Riesen beweglicher machen.

Harte Einschnitte: Microsoft-Chef Satya Nadella will Hierarchieebenen streichen, um den Konzern flexibler zu machen. AFP

Harte Einschnitte: Microsoft-Chef Satya Nadella will Hierarchieebenen streichen, um den Konzern flexibler zu machen.

DüsseldorfDie schlechte Nachricht hatte sich schon angekündigt. Die IT-Branche respektiere nicht Tradition, sondern Innovation, schrieb der neue Microsoft-Chef Satya Nadella vergangene Woche an die eigene Belegschaft. Dafür müsse sich das Unternehmen verändern. Seit einer E-Mail, die Nadella am heutigen Donnerstag an die Mitarbeiter verschickte, ist klar, was er meinte. Und das dürfte die Belegschaft trotz aller Vorahnung schockieren: Nadella hat die größten Streichungen in der Geschichte des Unternehmens angekündigt.

In den nächsten Monaten sollen 18.000 der 127.000 Stellen wegfallen, davon ein Großteil in der kürzlich zugekauften Gerätesparte des Handyherstellers Nokia. Gleichzeitig will Nadella den Koloss beweglicher machen, damit er im Zeitalter von Cloud Computing und Smartphones mithalten kann: weniger Hierarchien, schnellere Entscheidungen. „Die Entscheidungen zum Umbruch sind schwierig, aber nötig“, erklärte der Manager.

Besonders hart trifft es die Gerätesparte – und somit auch die 25.000 Mitarbeiter, die erst im April von Nokia zu Microsoft wechselten. Hier sollen 12.500 Stellen wegfallen, bei Fachkräften wie bei Fabrikarbeitern. Dass es zu Kürzungen kommen würde, war zu erwarten: Der Windows-Konzern hatte bei der Übernahme den Börsianern in Aussicht gestellt, binnen 18 Monaten Synergien in Höhe von 600 Millionen Dollar zu heben.

Die Änderungen betreffen nicht nur das Personal, sondern auch Produkte. „Wir sind besonders darauf fokussiert, (dem Betriebssystem) Windows Phone den Markt zu bereiten“, schrieb Stephen Elop, Chef der Gerätesparte, in einer E-Mail an die Mitarbeiter. Die Nokia-X-Smartphones mit Android, die der Handyhersteller noch kurz vor Vollzug der Übernahme vorgestellt hatte, werden künftig ebenfalls die Windows-Software nutzen. Damit endet das kühne Vorhaben, das System des Konkurrenten Google für eigene Zwecke zu nutzen. Für Elop, der den Schritt verantwortet hatte, ist das persönliche Niederlage.

Das schwierige Smartphone-Geschäft von Microsoft und Nokia

Nokia verlor den Anschluss

Nokia prägte einst den Handymarkt mit, doch dann verloren die Finnen den Anschluss. Beim Vormarsch der Smartphones taten sie sich schwer. Das Google-Betriebssystem Android und das iPhone von Apple setzen dem einstigen Marktführer zu.

September 2010

Stephen Elop wechselt von Microsoft an die Nokia-Spitze.

Februar 2011

Nokia gibt die eigene Smartphone-Software Symbian auf. Fortan setzten die Finnen für ihre Computerhandys auf das Microsoft-System Windows Phone. Zuvor hatte Google versucht, Nokia mit ins Boot der Android-Handybauer zu holen.

Juni 2012

Elop kündigt an, 10.000 Arbeitsplätze bei Nokia zu streichen.

Mai 2013

Das Geschäft mit den Windows-Smartphones kommt nicht in Gang. Deren Marktanteil liegt den Marktforschern von IDC zufolge bei 3,2 Prozent. Android-Handys kommen auf 75 Prozent.

September 2013

Microsoft kündigt an, das Handy-Geschäft von Nokia für 3,79 Milliarden Euro kaufen zu wollen.

April 2014

Kurz vor Abschluss des Verkaufs an Microsoft steckt Nokias Handygeschäft tief in den roten Zahlen. Im ersten Quartal verlor die Sparte 347 Millionen Euro.

Mai 2014

Der Verkauf der Handy-Sparte an Microsoft bringt Elop Berichten zufolge als Ex-Nokia-Chef gut 24 Millionen Euro ein.

Juli 2014

Microsoft kündigt den Abbau von 18.000 Stellen an. Mit 12.500 Jobs sind vor allem die Ex-Nokianer betroffen.

Juni 2015

Das Geräte-Geschäft wird mit dem Windows-Bereich zusammengelegt. Stephen Elop verlässt Microsoft bereits wieder.

Juli 2015

Microsoft kündigt den Abbau von weiteren 7800 Mitarbeitern an – vor allem im Handy-Geschäft. Der Konzern schreibt bis zu 7,6 Milliarden Dollar ab.

Die strategische Bedeutung von Nokia beeinträchtigt der Einschnitt nicht: Microsoft hat sich eine effiziente Logistikkette samt eigener Fabriken sowie einen Zugang zum Handel verschafft.

Doch Nadella geht es um mehr: Er will den Windows-Konzern neu ausrichten, wie er in der vergangenen Woche in einer  ausführlichen Regierungserklärung darlegte. Der Name des legendären Betriebssystems kam darin nicht besonders häufig vor, stattdessen lautete das Motto „Mobile first, cloud first“.

Das Geschäft mit klassischen PCs, die Microsoft mit Windows, Word und Excel ausstattet, schrumpft. Der gebürtige Inder, seit Februar im Amt, will daher einerseits die Cloud-Angebote stärken. Daten und Dienste werden dabei über das Internet abgerufen – hier gehört Microsoft zu den Vorreitern. Andererseits betont er die Bedeutung der mobilen Geräte. Aus diesem Grund hatte der Konzern die Gerätesparte von Nokia mit den Lumia-Smartphones gekauft – um den Abstand zu Apple und Google zu verringern. Über all dem steht das neue Mantra: Microsoft soll helfen, produktiv zu sein, ob mit dem PC oder Smartphone, ob zu Hause, im Büro oder im Labor.

Kommentare (1)

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Herr Ulrich Groeschel

23.07.2014, 08:09 Uhr

Nokia hatte bereits schon vor dem Kauf durch Microsoft starke Umsatzeinbußen und einen Personalüberhang. Es war vermutlich schon damals klar, dass Personal abgebaut werden müsste. In den nächsten 12 Monaten wir das PC Geschäft gut laufen und davon profierten auch Intel und Microsoft. Da die Rechenleitung der Geräte immer weiter ansteigt wird es in Zukunft nur noch 2 Windows mit zumindest ähnlicher Bedienung geben, eins für Smartphones und eines für Tablets, Notebooks und PCs. Das ist ein Vorteil gegenüber Google mit Android.

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