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30.01.2004

11:04 Uhr

Leben des obersten Gourmets ist hart

Michelin greift in China nach den Sternen

VonHans-Peter Siebenhaar

Chef-Gourmet Derek Brown geht nach mageren Jahren mit dem berühmten roten Restaurant- und Hotelführer auf Expansionskurs.

Das Leben des obersten Gourmets ist hart. Aus einem kleinen Plastikbecher schlürft Derek Brown seine fade Kaffeebrühe aus dem Automaten in der nüchternen Pariser Konzernzentrale. In einem Sterne-Restaurant wäre der Kaffee für den Chef der berühmten roten Restaurant- und Hotelführer ein Ärgernis. Doch bei Michelin herrscht frugaler Alltag. Brown, der vor 33 Jahren seine Karriere bei Michelin als Restaurant-Inspektor begann, hat sich längst daran gewöhnt. „Ich gehe auch manchmal in unsere Kantine“, berichtet der Brite mit Augenzwinkern.

Heute herrscht der Manager über ein kleines Buchimperium. Von den acht Länder-Ausgaben des Guide Michelin verkauft der Verlag jährlich weltweit rund 1,2 Millionen Exemplare, knapp die Hälfte in Frankreich. Der Jahresumsatz einschließlich der millionenfach verkauften Landkarten erreicht rund 85 Millionen Euro. Über die Rendite schweigt sich die profitable Tochter des weltgrößten Reifenherstellers allerdings vornehm aus. Doch die schwierige Konjunktur in Europa hat in der Gastronomie und damit auch bei Michelin Spuren hinterlassen. „2002 und 2003 waren schwierige Jahre. Die Leute hatten einfach zu wenig Geld, um ins Restaurant zu gehen“, berichtet der stets elegant gekleidete Profi-Feinschmecker und fügt im gleichen Atemzug an: „Bei unserem Geschäft mit dem Michelin-Führer geht es nicht allein um Umsatz und Gewinn, sondern auch um die Stärkung der Marke.“

Die Markenstrategie ist für Michelin bisher aufgegangen. Skandale um Einflussnahme oder gar Bestechung kennt „Guide Michelin“ nicht. Die rund 100 Inspektoren nehmen Hotels und Restaurants anonym und auf eigene Rechnung unter die Lupe. „Der Beruf des Inspektors setzt ein hohes Maß an Verantwortung, Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit voraus“, formuliert Brown, der vor drei Jahren als erster Nichtfranzose an die Spitze der Gourmetführer aufrückte. Seine Bilanz als Gastro-Kritiker fällt nach mehr als einem viertel Jahrhundert in den besten Häusern positiv aus: „Wir haben in Europa noch nie so gute Restaurants gehabt wie heute.“

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