Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

19.02.2015

07:17 Uhr

Lotto im Internet

„Wir bieten Prosecco, aber überall gibt es Schnaps“

VonChristof Kerkmann

Der Traum vom Millionengewinn verliert seinen Reiz: Immer weniger Menschen spielen Lotto. Anbieter wie Lotto 24 wollen die Spieler mit schicken Apps locken. Doch die Gesetze machen ihnen das Leben schwer.

Das Los ist eine Baugenehmigung für ein Luftschloss. dpa

Lotto-Schein

Das Los ist eine Baugenehmigung für ein Luftschloss.

DüsseldorfLotto, das ist der kleine Traum vom großen Glück. „Nächste Woche Du“ – vielleicht fallen ja mal die richtigen Kugeln, wenigstens drei oder vier. Dutzende Buchautoren wollen herausgefunden haben, wie man seine Chancen erhöht, ob mit „Insider-Strategien“ oder Traumdeutung. Auch wenn es meist doch nichts wird, ist das Los so etwas wie die Baugenehmigung für ein Luftschloss, zumindest bis zur Ziehung der Zahlen.

Doch 60 Jahre nach der ersten Ziehung der Lotterie 6 aus 49 kommt diese bundesrepublikanische Institution in die Jahre: Immer weniger Menschen spielen. Junge Leute pokern und wetten lieber im Netz, anstatt im Kiosk ihre Kreuzchen zu machen, auch die Älteren setzen seltener. 2007 spielten noch 35 Prozent der Deutschen wenigstens einmal im Jahr, 2013 nur noch 25 Prozent. „Den Klassenlotterien sterben langsam die Kunden weg“, sagt Tilman Becker, Glücksspielforscher an der Universität Hohenheim.

Für eine Reanimierung könnte das Internet sorgen: Einige junge Firmen wollen mit schicken Apps das Ankreuzen der Glückszahlen beschleunigen und an lukrative Jackpots erinnern – und so an der Hoffnung aufs Glück mitverdienen. „Wir treten an, Lotto vor dem Aussterben zu bewahren“, sagt Petra von Strombeck, Chefin von Lotto 24. Derzeit investiert das Unternehmen kräftig, um sich einen Namen zu machen. Allerdings haben die privaten Lotto-Vermittler mit widrigen Bedingungen zu kämpfen: mit den strengen Gesetzen in Deutschland, andererseits mit ausländischen Konkurrenten, die sich darum nicht scheren.

Gewinnchancen beim Lotto

Ernüchternde Statistik

So mancher träumt vom großen Lottoglück, doch der Blick auf die Statistik ist ernüchternd. Beim „6 aus 49“ gewinnen nur sehr wenige, wie Zahlen des Deutschen Lotto- und Totoblocks (DLTB) zeigen – und wie die meisten Spieler wohl auch ahnen.

2 Richtige mit Superzahl

Erste Gewinne schütten die Lotterien bei zwei richtigen Zahlen plus Superzahl aus. Die Chance auf 5 Euro liegt bei 1:76.

3 Richtige

Die Chance auf drei Richtige ohne Superzahl liegt bei 1:63, es gewinnen also weniger als zwei von hundert Spielern. Der Gewinn beträgt im Schnitt 63 Euro.

3 Richtige mit Superzahl

Drei richtige Zahlen plus Superzahl bringen gut 20 Euro ein. Die Gewinnwahrscheinlichkeit beträgt 1:567 oder 0,18 Prozent – es profitieren also ungefähr zwei von tausend Spielern.

4 Richtige

Die Chance auf vier richtige Zahlen liegt bei 1:1147 und damit etwa halb so hoch. Gut 40 Euro kassieren die Gewinner.

4 Richtige mit Superzahl

Nur ungefähr jeder 10.000 Spieler hat vier Richtige plus Superzahl. Dafür schütten die Lotterien im Schnitt 190 Euro aus.

5 Richtige

Es fühlt sich schon fast an wie sechs Richtige: Für fünf richtige Zahlen kassieren Spieler allerdings nur durchschnittlich 3340 Euro. Die Chance darauf liegt bei ungefähr 1:60.000.

5 Richtige mit Superzahl

Fünf Richtige mit Superzahl – das ist schon sehr selten. Von einer Million Losen haben im Schnitt nur zwei diese Kombination, die Chance liegt bei 1:542.000. Der Gewinn beträgt durchschnittlich rund 10.000 Euro.

6 Richtige

Mit sechs Richtigen gewinnen Lottospieler durchschnittlich 575.000 Euro. Die Chance liegt bei 1:15,5 Millionen.

6 Richtige mit Superzahl

Richtig abkassieren können Lottospieler, wenn sie sechs Richtige plus Superzahl haben, im Schnitt werden nach Angaben des Deutschen Lotto- und Totoblocks 8,9 Millionen Euro fällig. Die Gewinnaussicht: 1:140 Millionen.

Der Umsatz der staatlichen Lotterien entwickelte sich in den letzten Jahren mehr schlecht als recht (siehe Infokasten). Doch der Online-Vertrieb brummt, seit er Mitte 2012 wieder zugelassen wurde. „Online wächst, offline nicht“, sagt von Strombeck. Von den fast 7 Milliarden Euro, die deutsche Spieler 2014 setzten, entfielen nur 400 Millionen Euro aufs Digitalgeschäft, es ist also noch Luft nach oben. Nun verkaufen nicht nur die staatlichen Lotterien Lose übers Internet, sondern Anbieter, neben Marktführer Lotto 24 beispielsweise auch Einfachlotto und Lottohelden.

Doch wie hebt man sich von der Konkurrenz ab, wenn alle das gleiche Produkt anbieten? Lotto 24 setzt zum einen auf Technik. Eine Smartphone-App erspart Nutzern den Gang zum Kiosk. Der virtuelle Lottoschein ist schnell ausgefüllt und abgeschickt, das Programm erinnert außerdem an den Annahmeschluss und weist auf große Jackpots hin. Das geht fix in der U-Bahn oder in der Werbepause vor dem Fernseher.

Umsatz mit Lotto

Ein Milliardengeschäft...

Das Glücksspiel ist ein Milliardengeschäft: Im Jahr 2014 setzte der Deutsche Lotto- und Totoblock fast 7 Milliarden Euro um, allein 4 Milliarden mit dem Spiel 6 aus 49.

... das aber schrumpft

Allerdings lief das Geschäft der staatlichen Lotterien in den letzten zehn Jahren nicht sehr gut. 2005 machte der Deutsche Lotto- und Totoblock noch fast 8 Milliarden Euro Umsatz, 2014 waren es nur knapp 7 Milliarden.

Rückgang durch Online-Verbot

Der Verkauf von Lottolosen übers Netz war mehrere Jahre verboten – das machte sich auch am Umsatz bemerkbar, der 2008 auf knapp 4,4 Milliarden Euro fiel. Seitdem läuft es wieder etwas besser. Positiv ausgewirkt haben sich etwa die Einführung der jungen, europaweit angebotenen Lotterie Eurojackpot im März 2012 oder die Wiedereröffnung des Internetvertriebes im Juli 2012“, teilt der Deutsche Lotto- und Totoblock mit.

Zum anderen ist das Marketing enorm wichtig. „Nur die ersten paar Anbieter sind relevant, weil man sie findet“, erklärt die Managerin – nur wer bei Google weit oben steht, hat eine Chance. Im Geschäftsjahr 2014 investierte Lotto 24 für jeden neuen Spieler 45 Euro.

Das sei eine lohnenswerte Investition, sagt von Strombeck: „Der Lottokunde ist sehr treu. Wenn man ihn gut behandelt, bleibt er lange dabei.“ Jeder Spieler gebe im Durchschnitt 600 Euro im Jahr aus – 9,5 Prozent bleiben beim Vermittler hängen, also knapp 60 Euro. Welche Rolle das Marketing beim Verkauf eines relativ austauschbaren Produktes spielt, weiß von Strombeck: Sie verkaufte bereits für Danone Joghurts.

Lotto 24 muss noch beweisen, dass das Geschäftsmodell funktioniert. 2014 machte die Aktiengesellschaft operativ 14 Millionen Euro Verlust, bei nur 8 Millionen Euro Umsatz. Dies ist vor allem dem teuren Marketing geschuldet, das aber Wirkung zeigt: Die Spieleinsätze wuchsen um 168 Prozent auf 82 Millionen Euro, die Zahl der registrierten Kunden verdoppelte sich auf 520.000. Von Strombeck ist davon überzeugt, dass ihre Firma bald profitabel sein kann. Die laufenden Kosten könne man bereits mit den Einnahmen tragen.

Kommentare (5)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Herr M. M.

19.02.2015, 07:41 Uhr

Die Gewinnausschüttungen sind lächerlich und die Spielpreise gesalzen.Nur ein Idiot würde sich darüber wundern,dass Lotto und Konsorten ihren Reiz fast völlig eingebüßt haben.

Frau Ursula Neumann

19.02.2015, 08:34 Uhr

Da gebe ich M.M. recht. Nachdem binnen kurzer Zeit die Preise 2x drastisch erhöht wurden, ist meine eher regelmäßige Teilnahme auf ein ab und zu abgerutscht. Offentsichtlich geht das vielen Leuten so.

Herr Wolfgang Wüst

19.02.2015, 08:47 Uhr

Nach der aktuellen Rechtslage dürfte es staatliches Lotto mit der entsprechenden Werbung gar nicht geben. Schließlich schottet der Staat mit dem vorgeschobenen Argument der Prävention gegen die Spielsucht die gesamte private Konkurrenz ab.

Diese Verlogenheit ist mit ein Grund dafür, weshalb die Akzeptanz in der Fläche zurückgeht.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×