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24.07.2011

12:16 Uhr

Mangas auf dem iPad

Japans digitalisierte Helden

Der Weg aus der Krise führt die Manga-Branche auf die Pfade des iPad. Ein Kulturschock für Fans und auch die Verlage. Doch angesichts sinkender Umsätze ein scheinbar unvermeintlicher Schritt.

"Manga"-Abteilung in einem Tokioter Kaufhaus. Doch trotz riesiger Auswahl: Das Geschäft ist rückläufig. Quelle: dpa/picture alliance

"Manga"-Abteilung in einem Tokioter Kaufhaus. Doch trotz riesiger Auswahl: Das Geschäft ist rückläufig.

Der Schritt ins neue Zeitalter fällt ihm schwer. Takayuki Matsutani ist ein Vertreter der alten Manga-Schule. Ein Mann des gedruckten Comics. Doch jetzt steht er im 20. Stock eines Hochhauses in Tokio und bemüht sich, die digitale Revolution zu verkaufen.

Als Präsident von Tezuka Productions vermarktet er die Werke des legendären Künstlers Osamu Tezuka, dem verstorbenen Altmeister des Manga. Seine Werke sollen bald auch auf dem iPad zu lesen sein. Matsutani ist nicht wohl dabei.

Nachdenklich starrt er auf zwei gefaltete Kraniche, die er gerade aus der Tasche gezaubert hat. Traditionelles japanisches Origami. „Ich glaube nicht, dass man das mit dem iPad hinbekommt“, sinniert er – und guckt ein bisschen traurig aus der Wäsche.

Doch für Zweifel ist es zu spät, sein Unternehmen hat längst beschlossen, per Tablet-PC neue Leserschichten zu erobern. Die Sache läuft, eine Partnerfirma, Soba Project, hat die Werke digitalisiert und eine Applikation für das iPad entwickelt. Der nächste Schritt ist schon geplant; später sollen die Comics auch auf allen anderen Tablet-Computern zu sehen sein.

Wer Mitglied im „Osamu Tezuka Magazine Club“ wird, erläutert Soba-Präsident Kazushi Inui, der erhalte Zugang zu allen bisher digitalisierten 62 Werken und zu den 39 sogenannten „Motion Mangas“, einer Version aus Bildern mit hinterlegter Sprache und Musik. Knapp zehn Dollar soll das im Monat kosten.

Das Projekt erregt Aufsehen, nicht nur, weil Mangas noch immer zu den tragenden Säulen des japanischen Verlagswesens zählen – und längst auch in den USA und Europa unzählige Fans haben.

Mit Osamu Tezuka findet nun einer der berühmtesten Manga-Zeichner der Welt den Weg auf Tablet-PCs und iPad-Applikationen. Zwar sind diverse andere japanische Comics bereits elektronisch verfügbar, auch solche, die wie die Werke Tezukas vor allem Erwachsene ansprechen. Doch der 1989 verstorbene Künstler gilt als Klasse für sich. Sein Spitzname lautet „manga no kami-sama“, Gott des Manga. Seine bekanntesten Werke sind die mehrfach verfilmte Geschichte des Androiden „Astro Boy“ sowie die Serie „Black Jack“ um den besten Arzt der Welt, der keine Lizenz für seine Arbeit hat.

Viele Manga-Fans verkleiden sich in Japan auch wie ihre Helden. Dieses Mädchen eifert einem Charakter aus dem Manga "Princess Princess" nach. Quelle: Reuters

Viele Manga-Fans verkleiden sich in Japan auch wie ihre Helden. Dieses Mädchen eifert einem Charakter aus dem Manga "Princess Princess" nach.

Während „Black Jack“ im Comic trotzdem Millionen verdient, geht es der Manga-Industrie immer schlechter. Ihre digitale Offensive ist eine Reaktion auf rasant fallende Umsätze.

Der Wert des Markts in Japan sinkt kontinuierlich; vom Höchststand 1996 mit etwa 585 Milliarden Yen (5,25 Milliarden Euro) auf einen Wert knapp über der 400-Milliarden-Yen-Grenze. Zahlen für den weltweiten Markt liegen nicht vor. Aber nach Schätzungen setzen die Verlage in den USA und Kanada zusammen etwa 140 Millionen Euro um. Ähnliches gilt für Deutschland und Frankreich.

Während in Europas Buchläden aber vor den Regalen mit den Comics made in Nippon noch immer Gedränge herrscht, ist die Lesergruppe in Japan rückläufig. „Das Manga-Lesen ist bei Kindern um ein Drittel zurückgegangen“, klagt Matsutani. Das lässt sich mit bloßem Auge erkennen, etwa in den Tokioter U-Bahnen. Wurden dort noch vor wenigen Jahren Comics gelesen, sind junge Japaner mittlerweile in ihr Mobiltelefon vertieft.

Gleichwohl klingen die Profitziele von Inui und Matsutani bescheiden. „Für die japanische Version, die bereits seit Januar auf dem Markt ist, haben wir 2000 Abonnenten“, sagt Inui. „Bis zum Ende des Jahres erwarten wir zusammen mit der englischen Ausgabe 10000 Abonnenten.“

E-Reader bringen neuen Schwung ins traditionsreiche Geschäft

Für die Branche und ihre Kunst gibt es Hoffnung. Langsam zeichnet sich ein weiterer Trend ab, der den Verlagen helfen könnte. Mit der Manga-Digitalisierung geht auch der Vormarsch der elektronischen Bücher voran, deren Entwicklung und Verkauf nun von den japanischen Herstellern, von Sony über Panasonic bis hin zu Toshiba und Fujitsu forciert wird. Diesem Markt wird ein großes Wachstumspotenzial prophezeit, bis 2016 soll er um das Dreifache auf 200 Milliarden Yen anwachsen.

Erst vor wenigen Tagen gab Sony bekannt, ein entsprechendes Produkt im nächsten Monat auf den US-Markt bringen zu wollen. Fans von Tezuka, die dann zuschlagen, müssen allerdings noch bis zum Winter warten, um die Geschichten des Altmeisters auch auf anderen Geräten als dem iPad lesen zu können.

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