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21.01.2014

20:34 Uhr

Massiver Internet-Ausfall

Millionen Chinesen offline

Ein Alptraum im Internet-Zeitalter: Webseiten und soziale Medien sind stundenlang nicht erreichbar. Zwei Drittel des Netzes in China waren von den Störungen betroffen. Waren Hacker am Werk?

Eine komplette Wiederherstellung des Internets kann bis zu zwölf Stunden dauern. dpa

Eine komplette Wiederherstellung des Internets kann bis zu zwölf Stunden dauern.

PekingDurch einen massiven Ausfall des Internets in China hatten Millionen Menschen am Dienstag plötzlich keinen Zugang mehr zu Webseiten, sozialen Medien oder anderen Online-Diensten. Die Ursache der ungewöhnlichen Unterbrechung könnte ein Hackerangriff gewesen sein, wie die Nachrichtenagentur Xinhua berichtete. Nach offiziell unbestätigten Medienberichten sollen zwei Drittel des chinesischen Internets betroffenen gewesen sein.

Der Internetverkehr sei aus ungeklärter Ursache auf die amerikanische IP-Adresse 65.49.2.178 in Kalifornien umgeleitet worden, die nicht reagiert habe. Der Zugriff auf Webseiten habe somit nur noch Fehlernachrichten erzeugt. Die Root-Server des chinesischen Domain-Namensystems (DNS), die Namen von Webseiten in numerische Adressen umwandeln, hätten nicht mehr richtig funktioniert, berichtete das China Internet Network Information Center laut Xinhua.

Solche Fehler hätten auch durch Hacker ausgenutzt werden können, indem die IP-Adresse benutzt worden sein könnte, um Informationen über Nutzer abzufischen, sagte demnach Song Yingqiao, ein Experte der Online-Sicherheitsfirma 360 Safe Guard. Die Möglichkeit eines Hackerangriffs könne nicht ausgeschlossen werden, sagte auch Dong Fang, ein anderer Internetexperte, laut Xinhua. „Theoretisch könnten Hacker die Kontrolle über die Server übernommen haben.“

Der schwerwiegende Internetausfall hatte nach den Berichten gegen 15.00 Uhr Ortszeit (08.00 Uhr MESZ) begonnen. Die meisten Webseiten seien etwa zwei Stunden später wieder zugänglich gewesen. Doch könnte eine komplette Wiederherstellung des Internets bis zu zwölf Stunden dauern, berichtete der chinesische Internetanbieter DNSpod der Hongkonger Zeitung „South China Morning Post“. Viele Dienste von Online-Riesen wie der Suchmaschine Baidu oder der großen Portale Sina und Tencent mit seinen Kurznachrichtendiensten seien stundenlang nicht zugänglich gewesen.

Die Zieladresse in Kalifornien, auf die der Internetverkehr merkwürdigerweise umgeleitet wurde, gehört dem Webhoster Sophidea, wo - aus chinesischer Sicht - auch heikle Webseiten beheimatet sind, darunter die „Epoch Times“, eine Zeitung der in China verbotenen Kultbewegung Falun Gong. Mitglieder der chinesischen Internetgemeinde spekulierten, die chinesische Zensur habe versucht, die Adresse zu sperren, aber versehentlich den chinesischen Internetverkehr nach Kalifornien geleitet.

Ein kleines Lexikon der Spähaffäre

Prism

Das ist der Name des US-Geheimdienstprogramms, das gleich zu Beginn enthüllt wurde und deshalb zum Inbegriff der gesamten Spähaffäre wurde. Die Abkürzung steht für „Planning Tool for Resource Integration, Synchronization and Management“ (etwa Planungswerkzeug für Quellenintegration, -synchronisierung und -management). Es ist bislang nicht ganz klar, wie das Programm funktioniert. Nach den von Snowden der Presse übergebenen Dokumenten erlaubt oder organisiert „Prism“ den Zugriff auf Daten der Nutzer großer Internetfirmen wie Microsoft, Google und Facebook. Experten glauben, dass US-Dienste damit verdachtsunabhängig große Mengen Nutzerdaten abgreifen. Die gespeicherten Daten werden dann mit Filterbegriffen genauer durchsucht.

Tempora

So lautet der Deckname eines Überwachungsprogramms des britischen Geheimdienstes und NSA-Partners GCHQ, das es auf Daten aus Seekabeln abgesehen hat. Durch diese Glasfaserverbindungen fließt der überwiegende Teil der globalen Telefon- und Internetkommunikation. „Tempora“ erlaubt es demnach, den Datenverkehr in Pufferspeichern zu sammeln und Emails, Telefonate und Videochats zu rekonstruieren. Die Daten können einige Tage, einzelne Informationsteile wie Absender und Empfänger sogar wochenlang gespeichert werden. Mit der entsprechenden Software können so nachträglich Nachrichten von Verdächtigen gefunden oder die Stimmen von Gesuchten identifiziert werden.

Muscular

Hierbei geht es den bislang vorliegenden Berichten zufolge um das wahllose Abfangen der Datenströme aus Glasfaserkabeln zwischen den Rechenzentren der Internetkonzerne Google und Yahoo durch die NSA und ihren britischen Partnerdienst GCHQ. Google betreibt weltweit 13 dieser Anlagen, auf denen die Daten von Nutzern und deren Informationsströme verwaltet werden. Die Zentren tauschen ständig gigantische Datenmengen untereinander aus. NSA und GCHQ haben sich angeblich heimlich Zugang zu den Verbindungskabeln verschafft und kopieren Massen unverschlüsselter Daten.

XKeyscore

Der Begriff bezeichnet ein weiteres internes IT-Programm der NSA. Nach bisher vorliegenden Informationen handelt es sich dabei anscheinend um eine Art Analyse-Software, mit der die von der NSA betriebenen Datenbanken durchsucht werden, um Berichte über das Kommunikationsverhalten einer Person zu erstellen. Demnach kann „XKeyscore“ etwa auf Telefonnummern und Emailadressen zugreifen, aber auch Begriffe auflisten, die jemand in die Google-Suche eingegeben hat. Über „XKeyscore“ wurde hierzulande zuletzt viel diskutiert. Der Verfassungsschutz räumte ein, das Programm „testweise“ einzusetzen - wobei der Dienst aber ausdrücklich betont, es lediglich zur Analyse von bereits im eigenen Haus vorliegenden, nach deutschem Recht erhobenen Daten zu testen und damit weder aktiv Informationen zu sammeln noch international Daten etwa mit der NSA auszutauschen.

DE-CIX

Der große Internetknoten in Frankfurt am Main ist den Berichten zufolge ein bevorzugtes Ziel der NSA-Spionage in Deutschland. DE-CIX ist eine Art große Weiche, an der Internetverkehr aus verschiedenen einzelnen Provider- und Datennetzen zusammenfließt und verteilt wird. Gemessen am Datendurchsatz soll DE-CIX laut Betreiber der größte Internetknoten der Welt sein. Unklar ist aber, wie mutmaßliche Spione Zugriff auf den Knoten erhalten haben sollen. Denn DE-CIX besteht aus 18 gesicherten Einrichtungen, die durch Glasfaser verbunden sind. Der Betreiber und deutsche Behörden dementierten, dass die NSA hier Zugriff habe.

G-10-Gesetz

Dieses Gesetz regelt den Zugriff der deutschen Nachrichtendienste auf Telekommunikationsdaten. Vollständig heißt es „Gesetz zur Beschränkung des Brief-, Post- und Fernmeldegeheimnisses“. Da es in Artikel 10 des Grundgesetzes verfassungsrechtlich fixiert ist, lautet die Kurzform G-10-Gesetz. Es verpflichtet Postanbieter sowie Telekom- und Internetkonzerne, den Verfassungsschutzämtern, dem Bundesnachrichtendienst (BND) und dem Militärischen Abschirmdienst (MAD) der Bundeswehr auf Verlangen Sendungen zu übergeben und ihnen die Aufzeichnung und Überwachung der Telekommunikation technisch zu ermöglichen. Laut Gesetz dürfen die Dienste derartige Maßnahmen etwa zur Abwehr einer „drohenden Gefahr“ für die demokratische Grundordnung beantragen. Genehmigt werden diese von einer speziellen Kommission aus zehn Bundestagsabgeordneten, der sogenannten G-10-Kommission.

Andere Nutzer fragten sich, ob der Ausfall durch eine Modernisierung der „Großen Firewall“, des großen Schutzwalls gegen missliebige Internetseiten, passiert sein könnte. Doch hielten Experten einen Hackerangriff für wahrscheinlicher. „Eine Verbesserung der nationalen Firewall ist normalerweise ein schrittweiser Prozess, der sorgfältiges Vorgehen erfordert und wahrscheinlich nicht die Server lahmlegt“, sagte ein Pekinger Experte, der anonym bleiben wollte, der „South China Morning Post“.

Nur Internetnutzer, die einen Tunneldienst zur Umgehung der Zensur und Blockaden benutzen, waren nicht von dem Ausfall betroffen. Solche meist kommerziellen Virtual Private Networks (VPN) betreiben Server im Ausland, über die Nutzer dann verschlüsselt im Internet surfen. Da Facebook, Twitter, Youtube und eine große Zahl kritischer Webseiten oder Zeitungen wie die „New York Times“ in China gesperrt sind, sind diese Tunneldienste in China sehr beliebt.

Von

dpa

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