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28.10.2015

01:32 Uhr

Massiver Kurseinbruch

Twitter enttäuscht – auch Square hat Probleme

VonAxel Postinett

Kein Nutzerwachstum, keine Strategie - Twitter enttäuscht. Das wirft ein schales Licht auf das nächsten Börsenprojekt des Gründers. Kann Jack Dorsey noch einen Verlustbringer bei den Anlegern abladen?

Der Sinkflug geht weiter: Auch unter der Leitung von Gründer Jack Dorsey kommt Twitter nicht in Fahrt. AFP

Twitter

Der Sinkflug geht weiter: Auch unter der Leitung von Gründer Jack Dorsey kommt Twitter nicht in Fahrt.

San FranciscoMan kann es ohne Übertreibung einen schlechten Start nennen. Der erste Twitter-Quartalsbericht unter dem neuen, alten Vorstandschef Jack Dorsey war eine Enttäuschung im wichtigsten aller Bereiche: dem Nutzerwachstum. Es ist praktisch zum Erliegen gekommen.
Die Twitter-Aktie brach nachbörslich um 11,6 Prozent auf 27,38 Dollar ein, auch weil die Prognose fürs laufende Quartal enttäuschte. Für Jack Dorsey, dem neuen Sunnyboy des Silicon Valleys, eine vertrackte Situation. Er will sein zweites Unternehmen, Square, an die Börse bringen. Das Problem: Auch der Zahlungsabwickler Square weist die „Twitter-Krankheit“ auf. Hohe Verluste und abschwächendes Wachstum musste Dorsey bereits bekanntgeben. Der Börsengang von Square gilt als Lackmustest ob die Anleger weiter bereit sind, irrsinnig hoch bewertete Start Ups klaglos aufzunehmen. Square wird im grauen Markt mit sechs Milliarden Dollar bewertet und verlor im vergangenen Quartal 53,9 Millionen Dollar.
Aber zurück zu Twitter: Die monatlichen aktiven Nutzer des Kurznachrichtendienstes aus San Francisco lagen zum Ende des dritten Quartals 2015 verglichen mit dem zweiten Quartal nur noch um vier Millionen höher bei 320 Millionen. Dorsey selbst hatte 324 Millionen prognostiziert. Andere, junge Dienste ziehen an dem 2006 gegründeten Kurznachrichtendienst Twitter mühelos vorbei. Das 2010 gegründete Fotonetzwerk Instagram meldet 400 Millionen monatliche Nutzer und mausert sich zu einer Twitter-Konkurrenz auf Bilderbasis.

Zahlen und Fakten zu Twitter

Nebenprodukt mit Erfolg

Twitter war zunächst nicht mehr als ein Nebenprodukt der Firma Odeo, die eine (allerdings wenig erfolgreiche) Podcasting-Plattform entwickelte. Die Macher suchten 2006 nach Alternativen – und entwickelten den Dienst mit seinen 140 Zeichen kurzen Texthäppchen. In den ersten Monaten gewann er zwar kaum Nutzer, doch nach einem erfolgreichen Auftritt auf der Technologiekonferenz SXSW hob Twitter ab.

Idee von vier Freunden

Anfangs standen vier Freunde hinter Twitter: Evan Williams, der dank des Verkaufs seiner Plattform Blogger.com an Google auch Geldgeber war; außerdem Jack Dorsey, Biz Stone sowie Noah Glass. Letzterer wurde allerdings wegen seiner schwierigen Art schon bald aus der Firma gedrängt.

Intrigen und Machtkämpfe

Die kurze Geschichte der Firma ist geprägt von Machtkämpfen zwischen den einstigen Freunden. Der erste Chef Jack Dorsey musste auf Veranlassung des Mitgründers Evan Williams sowie des Verwaltungsrates seinen Posten verlassen. Williams selbst hielt sich auch nicht dauerhaft an der Spitze – bei seiner Entmachtung im Oktober 2010 hatte Dorsey seine Finger im Spiel. Auf ihn folgte Dick Costolo, zuvor bei Google tätig. Der wiederum verließ das Unternehmen im Juli 2015. Jack Dorsey kehrte als Interimschef zurück.

Durchweg in den Miesen

Bislang hat Twitter die Erwartungen der Börse noch nicht erfüllt. Das Unternehmen hat trotz steigender Umsätze noch nie Gewinn gemacht.

Zaghaft im Werbegeschäft

Die Gründer verzichteten in der Anfangszeit bewusst auf Werbung, um die Nutzer nicht zu verschrecken. Im Frühjahr 2010 starteten erste Versuche mit bezahlten Tweets. Inzwischen ist das Geschäft beträchtlich angewachsen, im zweiten Quartal 2015 auf 452 Millionen Dollar .

304 Millionen Nutzer

Twitter ist für die mobile Ära gerüstet. Ein Großteil der Werbeerlöse wird auf Smartphones und Tablet-Computern erwirtschaftet. Insgesamt hat Twitter im zweiten Quartal 2015 rund 304 Millionen Nutzer pro Monat.

Twitter-Aktionäre sind gleichberechtigt

Twitter versucht nicht, den Einfluss der Gründer durch eine Aktienstruktur mit zwei Klassen zu sichern. Andere Internet-Unternehmen wie Google oder Facebook haben bei ihren Börsengängen den Investoren Papiere angeboten, die weniger Stimmrechte haben als die Aktien von Gründern und Spitzen-Managern. Bei Twitter sind alle Anteilseigner gleich, die Ausgabe von Vorzugsaktien ist nur als Möglichkeit für die Zukunft vorgesehen.

Im Analystengespräch lieferte Dorsey, der jetzt doppelter Vorstandschef bei Twitter und Square ist, keine neue strategische Ausrichtung. Er verspricht, den Dienst einfacher zu machen. Aber das hat sein Vorgänger auch versprochen.
Bei Umsatz und Ertrag übertraf Twitter die Erwartungen, aber das interessierte am Mittwoch kaum jemanden. Als Dorsey jüngst als erste Amtshandlung die Entlassung von 300 Mitarbeitern oder acht Prozent der Belegschaft ankündigte, war zur Beruhigung der Wall Street schon erwähnt worden, dass die Ergebnisse am oberen Rand der Prognosen liegen werden. Der Umsatz erreichte 569 Millionen Dollar, 58 Prozent mehr als im Vorjahr, und der Nettoverlust stand mit 132 Millionen Dollar deutlich besser da als im Jahr zuvor mit Minus 175 Millionen, aber die Zahl ist immer noch blutrot.

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