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08.01.2016

14:27 Uhr

Medienmacher

„Tagesschau“-Team zürnt wegen Schweiger-„Tatort“

VonKai-Hinrich Renner

Beim NDR muss sich der Programmdirektor wegen eines umstrittenen Krimis vor der Redaktion von ARD aktuell rechtfertigen. Derweil will sich die Programmzeitschrift „TV Spielfilm“ von einem Fünftel ihrer Redaktion trennen.

Der Handelsblatt-Medienexperte mit Sitz in Hamburg berichtet in seiner Kolumne über die neuesten Rochaden im Mediengeschäft.

Kai-Hinrich Renner

Der Handelsblatt-Medienexperte mit Sitz in Hamburg berichtet in seiner Kolumne über die neuesten Rochaden im Mediengeschäft.

HamburgDie umstrittene „Tatort“-Folge „Fegefeuer“ mit Til Schweiger vom vergangenen Sonntag schlägt senderintern bei der ARD nach wie vor hohe Wellen. In der Folge werden Mitarbeiter der „Tagesschau“ von russischen Gangstern, die sich als tschetschenische Terroristen ausgeben, als Geiseln genommen. Die Sprecherin der Nachrichtensendung Judith Rakers spielt sich in dem „Tatort“ selbst. Um dem Ganzen einen möglichst realistischen Anstich zu geben, war ursprünglich geplant, nach der realen, von Rakers gesprochenen „Tagesschau“ unter Verzicht auf den Vorspann der Krimireihe direkt eine Szene der fiktiven „Tatort“-Geiselnahme auszustrahlen.

Dazu kam es dann zwar nicht: „Tagesschau“-Sprecher war am Tag der Krimi-Ausstrahlung Jan Hofer. Auf den „Tatort“-Vorspann wurde nicht verzichtet. Dennoch ist die Empörung der Redaktion von ARD aktuell, die für „Tagesschau“ und „Tagesthemen“ verantwortlich ist, über den Schweiger-„Tatort“ groß. Das journalistische Flaggschiff der ARD sei ohne Not schwer beschädigt worden, heißt es. Zudem erboste es die Mitarbeiter, dass sie offenbar erst sehr kurzfristig über die Handlung der „Tatort“-Folge informiert wurden.

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Deshalb versammelte sich die Redaktion von ARD aktuell vergangenen Mittwoch um 16 Uhr im Raum K2 des NDR-Fernsehens in Hamburg-Lokstedt. Beim NDR werden „Tagesschau“ und „Tagesthemen“ produziert. Zugegen war auch der für den Schweiger-„Tatort“ verantwortliche NDR-Programmdirektor Frank Beckmann. Der ebenfalls geladene NDR-Unterhaltungschef Thomas Schreiber war verhindert.

Anberaumt worden war die Sitzung vom zweiten Chefredakteur von ARD aktuell, Christian Nitsche. Normalerweise lädt der erste Chefredakteur Kai Gniffke zu derlei Veranstaltungen ein. Doch der war in Urlaub. Dennoch ist Gniffke in den Augen vieler seiner Kollegen Teil des Problems. Als offenbar einziger Mitarbeiter von ARD aktuell war er sehr früh über die Pläne für die „Tatort“-Folge informiert. Der erste Chefredakteur soll die Planungen nicht nur abgesegnet haben. Er behielt sie wohl auch für sich, statt seine Mitarbeiter zu informieren. Wie es in Senderkreisen heißt, wurde Gniffke von NDR-Hierarchen um Stillschweigen gebeten, um zu verhindern, dass die Handlung des Schweiger-„Tatort“ an die Öffentlichkeit gerät. Aus demselben Grund hatte der NDR auch keine Vorab-DVDs an die Presse verschickt und auf eine Pressevorführung verzichtet.

Bei der Sitzung von ARD aktuell hat Programmdirektor Beckmann nach Angaben eines NDR-Sprechers „klargestellt, dass dieses fiktionale Projekt von vornherein als einmaliger Ausnahmefall geplant war“. Den Zorn der Redakteure über die ihrer Ansicht nach missbräuchliche Verwendung der Marke „Tagesschau“ im Schweiger-„Tatort“ konnte er damit aber kaum besänftigen.

Es war bereits das zweite Mal innerhalb nur weniger Wochen, dass Beckmann und sein Unterhaltungschef Schreiber von NDR-Mitarbeitern aufgefordert wurden, sich zu höchst umstrittenen Entscheidungen zu äußern. Zuletzt war dies Ende November der Fall, als Mitarbeiter des Senders Schreibers Entscheidung mit einem Brandbrief zu Fall brachten, den durch Verschwörungstheorien und homophobe Songtexte auffällig gewordenen Sänger Xavier Naidoo im Alleingang zum deutschen Vertreter beim diesjährigen Eurovision Song Contest zu machen.

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