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15.11.2013

10:26 Uhr

Milliardenangebot für Snapchat

Facebook will die Jugend „flashen“

VonChristof Kerkmann

Die Zunge rausgestreckt: Facebook scheitert mit einem Milliardenangebot für die bei Teenagern beliebte Snapchat-App. Die Offerte zeigt, dass der blaue Riese um den Zugang zur Jugend bangt. Über Facebooks Achillesferse.

Der Dienst galt lange als beliebteste Software für „Sexting“. Screenshot

Der Dienst galt lange als beliebteste Software für „Sexting“.

DüsseldorfKann man ein solches Angebot ablehnen? Man kann. Der Internet-Riese Facebook bot den Machern der Nachrichten-App Snapchat drei Milliarden Dollar – für ein Unternehmen, das keine drei Jahre alt ist und bislang keinen Cent verdient. Die beiden Gründer sind Mitte 20 und wären auf einen Schlag reich geworden. Und lehnten trotzdem ab, wie das „Wall Street Journal“ schreibt. Insider berichten, dass die Gründer hoffen, später noch mehr rausholen zu können.

Mancher mag das als eine typische Übertreibung größenwahnsinniger Silicon-Valley-Typen abtun. Doch das astronomische Angebot wie auch das Selbstbewusstsein der Gründer haben zumindest einen nachvollziehbaren Hintergrund: Immer mehr Smartphone-Nutzer – gerade die jüngeren – verschicken mit Diensten wie Whatsapp, Line oder eben Snapchat Nachrichten und Fotos, während sie mit Vine oder Instagram kurze Videos verbreiten.

Somit entsteht Facebook eine unliebsame Konkurrenz um die junge Zielgruppe, die als Gradmesser für die Zukunftsaussichten eines Webdienstes gilt. Als Facebook-Finanzvorstand David Ebersman kürzlich gegenüber Analysten thematisierte, dass junge amerikanische Nutzer nicht mehr ganz so aktiv sind, brach die Aktie binnen Minuten um weit mehr als zehn Prozent ein. Deswegen muss das Soziale Netzwerk – um es im der Sprache der Zielgruppe zu sagen – wieder die Jugend flashen.

Der Boom der Messenger-Dienste lässt sich daran ablesen, wie viele Fotos darüber verbreitet werden: Bei Facebook sind es täglich 350 Millionen, bei der Tochterfirma Instagram weitere 55 Millionen. Zum Vergleich: Über Snapchat werden ebenfalls 350 Millionen Bilder pro Tag verbreitet, Tendenz stark steigend, über Whatsapp sogar 400 Millionen.

Die heißen Smartphone-Dienste

Snapchat

Mit der Snapchat-App können Nutzer Textnachrichten, Fotos und Videos verschicken, die sich nach einem kurzen Zeitraum selbst löschen. Gerade unter Jugendlichen ist die Anwendung beliebt – vermutlich nicht selten für Anzüglichkeiten. Die Gründer lehnten mehrere milliardenschwere Übernahmeangebote ab, auch Facebook ließen sie abblitzen.

Instagram

Ein Produkt des Smartphone-Zeitalters ist der Foto-Dienst Instagram: Er war von vornherein nur für mobile Geräte ausgelegt. Nutzer können Fotos und Videos aufnehmen, mit Filtern aufpeppen und hochladen. Das Prinzip von Instagram erinnert an Twitter, nur dass es hier ausschließlich um Bilder geht. Facebook übernahm den Dienst 2012 für umgerechnet eine Milliarde Dollar.

Pinterest

Beim Fotodienst Pinterest sammeln die Nutzer Bilder von verschiedenen Websites in digitalen Notizbüchern – meistens mit dem Smartphone. Die Entwicklung von Pinterest wird von Urheberrechtssorgen begleitet: Die öffentlichen Sammlungen könnten nach Ansicht einiger Experten als Urheberrechtsverletzung ausgelegt werden. Das Unternehmen hat inzwischen eine Milliardenbewertung.

Whatsapp

In immer mehr Ländern wird Whatsapp zum SMS-Ersatz. Der Dienst erlaubt es, Kurznachrichten, Bilder und Videos über Internet zu verschicken. Die App läuft auf sämtlichen Betriebssystemen. Trotz etlicher Sicherheitspannen gehört Whatsapp zu den beliebtesten Smartphone-Anwendungen, sie hat nach Unternehmensangaben 500 Millionen Nutzer. Facebook hat das Start-up für 22 Milliarden Dollar übernommen.

Line

Ähnliche wie Whatsapp funktioniert Line, eine App mit asiatischem Ursprung. Sie bietet Instant Messaging für Smartphone und PC. Nutzer können nicht nur Textnachrichten, Fotos und Videos tauschen, sondern auch Telefonate führen. Eine Besonderheit sind virtuelle Sticker, die man in einem Shop kaufen kann.

Vine

Mit dem Dienst Vine können Nutzer bei Twitter sechs Sekunden kurze Videoschnappschüsse hochladen, die in einer Endlosschleife laufen. Der Zwitscherdienst übernahm das Start-up nur wenige Monate nach dessen Gründung im Sommer 2012. Vine hat nach Angaben vom Sommer 40 Millionen Nutzer.

Periscope

Videoübertragungen in Echtzeit ermöglicht der Dienst Periscope, der zu Twitter gehört. Die Bedienung ist bewusst einfach gehalten: App öffnen, „Broadcast“ klicken – schon beginnt der Live-Stream. Ein konkurrierendes Angebot ist Meerkat.

Tumblr

Twitter ist kurzatmige Internet-Kommunikation, Blogs lassen sich mehr Zeit. Irgendwo dazwischen befindet sich Tumblr, ein 2007 gegründeter Web-Dienst für das unkomplizierte Veröffentlichen im Netz. Ähnlich wie bei Twitter kann man bei Tumblr anderen Nutzern folgen und sieht dann deren Beiträge im sogenannten Dashboard, einer Übersichtsseite. 2013 übernahm Yahoo das Start-up für 1,1 Milliarden Dollar.

Der rasante Aufstieg dieser Apps hat mehrere Gründe. Es lockt der Reiz des Neuen, aber auch die Kommunikation in digitalen Räumen, in denen nicht die Eltern Fotos vom Urlaub oder dem 50. Geburtstag präsentieren.

Eine entscheidende Rolle spielt indes, dass Nutzer sofort loslegen können. Denn anders als Facebook greifen Whatsapp und Co auf ein soziales Netzwerk zurück, das die Nutzer bereits geknüpft haben: ihr Adressbuch. Somit entfällt die Suche nach Schulfreunden oder Arbeitskollegen. Auch der Aufwand, auf dem neuesten Stand zu bleiben, ist denkbar gering: Dank Push-Mitteilungen lassen sich Whatsapp und Snapchat parallel nutzen, ohne dass dabei viel Zeit draufgeht.

Dass die Teenager Facebook von ihrem Smartphone herunterwerfen, ist unwahrscheinlich. Aber alle Dienste seien „direkte Konkurrenten um Zeit und Aufmerksamkeit“, schreibt der Analyst Ben Evans vom Marktforscher Enders Analytics in seinem Blog. „Auf mobilen Geräten ist Facebook nur einer von vielen.“

Dieser Trend könnte dem Netzwerk-Riesen aus zwei Gründen schaden. Zum einen verdient er bereits jeden zweiten Werbedollar mit Anzeigen auf Smartphones und Tablets, Tendenz steigend. Die Aufmerksamkeit der Nutzer teil der Konzern daher ungern. Zum anderen setzen die jüngeren Nutzer im Internet die Trends. Beobachter mutmaßen schon länger, dass die Generation diesseits der 20 seltener bei Facebook ist. Kürzlich musste das Unternehmen zugeben, dass zumindest in den USA weniger jüngere Teenager im Sozialen Netzwerk täglich vorbeischauen. Ein Snapchat-Effekt?

Bei aller Diskussion: Facebook ist ein höchst gesundes Unternehmen, der Umsatz ist im vergangenen Quartal um imposante 60 Prozent auf 2 Milliarden Dollar gewachsen.

Kommentare (4)

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pendler

15.11.2013, 10:45 Uhr

Ich weiß zwar, dass facebook eine Tool vom NSA ist, aber mit dem Wissen im Hintergrund nutze ich es gerne. Hinzu kommt ja, dass viele Anwendungen, die FB anbietet nur deshalb so günstig sind, weil der amerikanische Streuzahler über NSDA diese Anwendungen programmieren lässt.

Ich verstehe deshalb auch nicht, warum sich viele hier so aufregen. FB ist eine wunderbare Sache für soziale Netzwerke und auch für Firmen, um dort zu werben.

BrauchtKeinMensch

15.11.2013, 10:58 Uhr

Gesichtsbuch? Brauche ich nicht.

Account gelöscht!

15.11.2013, 12:13 Uhr

Für Werbende ist alles zum Vorteil was Daten, Profile und Adressen bringt, egal woher, ob das FB, Google, Twitter demnächst, Bing und wie sie alle heißen.
Aber das ist nicht das Interesse als User, der wird mit kostenlos geködert und findet seine Babybilder dann als Azubi beim Chef auf dem Schreibtisch.
Das ist ein Schneeballsystem, welches mir den 5. Kühlschrank verkaufen will, den ich mal angeklickt habe, nichts weiter.
Der schöne Nebeneffekt gleich ganze Gruppen katalogisieren zu können, zu erfahren wer mit wem kopuliert, telefoniert, korrumpiert und bei ebay vielleicht noch ein paar € mit Kleinanzeigen verdient, ist ja auch nicht zu verachten.
Warum sollte man in einem solchen System nicht werben, wers nicht tut, weiß eben einfach nicht wie man die Dummheit der Leute richtig einsetzt, thats all.

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