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26.08.2014

13:00 Uhr

Millionenschaden

Klage gegen Aus für Bertelsmann-Buchclub

Mit der Schließung des Buchclubs handelt sich Bertelsmann Ärger ein: Vertriebspartner halten sie für einen Vertragsverstoß und monieren einen zweistelligen Millionenschaden. Nun muss ein Gericht entscheiden.

Buchclub von Bertelsmann: Der Konzern will das schwierige Geschäft abwickeln. dpa

Buchclub von Bertelsmann: Der Konzern will das schwierige Geschäft abwickeln.

DüsseldorfGeschäftspartner von Bertelsmann haben Klage beim Landgericht Düsseldorf gegen die geplante Schließung des Buchclubs eingereicht. „Bertelsmann zerstört mit der Schließung ein 100-Millionen-Euro-Geschäft, in das wir jahrelang erheblich investiert haben“, sagte der Sprecher der Kläger, Guido Gebhard, am Dienstag laut einer Mitteilung.

Die Kläger vertreten 244 Vertriebsunternehmen, die für den Buchclub Kunden geworben hatten. Sie beziffern den Schaden auf eine zweistellige Millionensumme. Über den Streit hatte auch die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ (Dienstag) berichtet.

Bertelsmann hatte die Schließung des deutschsprachigen Buchclubgeschäfts mit noch rund einer Million Mitgliedern und 52 Filialen Mitte Juni angekündigt. Begründet wurde das mit der rückläufigen wirtschaftlichen Entwicklung.

Geschichte von Bertelsmann

Anfänge mit religiösen Schriften

Das Bertelsmann-Imperium gründet auf christlichen Lieder und Gesängen: Der Drucker Carl Bertelsmann verlegte zunächst religiöse Schriften. Der 1835 gegründete und nach ihm benannte C. Bertelsmann Verlag ist die Keimzelle des Konzerns, der bis heute weitgehend in Familienhand ist: Bertelsmanns Nachfahren spielen eine entscheidende Rolle in der Führung.

Bertelsmann in der NS-Zeit

Nach Ende des zweiten Weltkriegs stellen sich der Verlag und insbesondere sein Leiter als ein „Dorn im Auge nationalsozialistischer Behörden“ dar. Tatsächlich war der Geschäftsführer und Bertelsmann-Erbe Heinrich Mohn förderndes Mitglied der SS, der Verlag profitierte vom Verkauf von NS-Büchern. Ein Beispiel für die verlegte Nazi-Literatur ist das antisemitische Buch „Blut und Boden“.

Die Legende Reinhard Mohn

Nachdem Reinhard Mohn aus der Kriegsgefangenschaft zurückkehrt, übernimmt er in fünfter Generation 1946 den Verlag vom Vater. Unter seiner Führung entwickelt sich Bertelsmann von einem mittelständischen Druck- und Verlagshaus zu einem der führenden Medienunternehmen der Welt.

Der Lesering

Der erste Geniestreich Reinhard Mohns sollte den Verlag finanziell absichern und so die Grundlage für die Expansion bieten: Der 1950 gegründete „Bertelsmann Lesering“ trifft den Nerv der Zeit. Die Nachkriegsdeutschen sehnen sich nach Literatur und Bildung. Schon vier Jahre nach Gründung zählt der Lesering das millionste Mitglied. In Zeiten des Internets geraten die Bertelsmann-Clubs allerdings unter Druck.

Einstieg in das Zeitschriften- und Zeitungsgeschäft

Das Kerngeschäft von Bertelsmann sind Bücher. Doch 1969 steigt der Konzern beim Hamburger Druck- und Verlagshaus Gruner+Jahr ein und druckt seither auch Zeitschriften. 1973 erwirbt Bertelsmann die Mehrheit an dem traditionsreichen Verlag mit Marken wie „Stern“, „Geo“, und „Brigitte“. 1990 wird Gruner+Jahr auch im Tageszeitungsgeschäft aktiv.

Die Bertelsmann-Stiftung und die Bertelsmann Verwaltungsgesellschaft

Um den Einfluss seiner Familie im wachsenden Medienkonzern zu sichern, gründet Reinhard Mohn 1977 die Bertelsmann-Stiftung. Sie hält 77 Prozent an der Bertelsmann AG. Da sie stimmrechtslos ist, erhält die Stiftung Gewinne, hat aber kein Mitspracherecht. Kritiker behaupten, die Stiftung fördere nicht nur soziales Engagement, Bildung und Wissenschaft, sondern diene vor allem als Steuersparmodell. Konkrete Einflussnahme auf Führungsentscheidungen behält die Familie durch die Bertelsmann-Verwaltungsgesellschaft, deren Chefin Elisabeth „Liz“ Mohn, die Gattin des 2009 verstorbenen Reinhard Mohn, ist.   

Die Bertelsmann Music Group

Unternehmen wie den „Schallplattenring“ und die Schallplattenfirma Ariola fasst der Konzern 1987 in der Bertelsmann Music Group (BMG) zusammen. Nach einer Fusion mit Sony verkauft Bertelsmann seine Anteile am gemeinsamen Musikunternehmen Sony BMG 2008 komplett an die Amerikaner. Die Bertelsmann Music Group existiert jedoch weiter und spezialisiert sich auf die Übernahme und das Management von Musikrechten.

AOL als gewinnbringender Coup

Einen sehr gewinnbringenden Coup landete Bertelsmann mit dem kurzzeitigen Einstieg in das Internetgeschäft 1995: Der Konzern übernahm einen Anteil an der europäischen Tochtergesellschaft von AOL. Nach drei Jahren verkaufte er auf dem Höhepunkt der Internet-Blase seine Aktien wieder an den amerikanischen Mutterkonzern und erhielt dafür 7,5 Milliarden Euro.

Die RTL-Group

Die bereits in den sechziger Jahren übernommene Berliner Filmproduktions-Gesellschaft Ufa fusionierte Bertelsmann 1997 mit der RTL-Mutter CLT. So entstand das größte Fernsehunternehmen Europas. Noch weiter wächst die Bertelsmanns Fernsehsparte durch eine Fusion mit der britischen Gesellschaft Pearson TV und die zusammen neu gegründete RTL Group. 2001 übernimmt Bertelsmann diese komplett und verfügt so über 23 Fernsehsender, 14 Radiostationen und mehrere Produktionsfirmen, die jährlich 11.000 Stunden Programm in 35 Ländern herstellen.

Weltmarktführer in der Verlagsbranche

Das Verlagsgeschäft ist der Ursprung und Kern des Unternehmens. 1998 macht Bertelsmann einen großen Sprung und übernimmt den größten US-Verlag Random House. Dieser wächst 2013 noch einmal beträchtlich durch die Fusion mit dem amerikanischen Penguin-Verlag 2013 – Penguin Random House, wie der neue Verlag heißt, ist die weltweite Nummer 1.

Der Vertrag der Geschäftspartner mit Bertelsmann über die Kundenwerbung sei unbefristet und unkündbar, sagte eine Sprecherin der Kläger. Die geplante Schließung verletze diesen Vertrag. Ein Bertelsmann-Sprecher sagte, der Vertrag enthalte in der Tat keine Kündigungsklausel. Da das Geschäft aber komplett aufgegeben werde, sei der Verzicht auf Kündigung aus Sicht von Bertelsmann nichtig.

Der Konzern sei weiter an einem Dialog interessiert. Bisher seien Gespräche aber an Vorbedingungen der Geschäftspartner gescheitert.

Von

dpa

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