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11.06.2013

17:02 Uhr

Mischt SAP mit?

Smartphone-Daten werden zu Milliardenmarkt

Bewegungsprofile in Echtzeit sammeln und auswerten: die Nachfrage für solche umstrittenen Analysen ist hoch. Immer mehr Konzerne treten in diese lukrativen Märkte ein – angeblich auch SAP. Doch der Konzern dementiert.

Mitarbeiter halten in einem SAP-Parkhaus Mobiltelefone mit einer firmeneigenen Anwendung für die Suche nach Fahrgemeinschaften in der Hand. dpa

Mitarbeiter halten in einem SAP-Parkhaus Mobiltelefone mit einer firmeneigenen Anwendung für die Suche nach Fahrgemeinschaften in der Hand.

DüsseldorfDas auf Verkehr spezialisierte Beratungsunternehmen Fehr & Peers untersuchte im letzten Jahr Pendlerströme im US-Bundesstaat Kalifornien. Eine traditionelle Postkartenaktion mit 5300 Fragebögen brachte einen Rücklauf von nicht mehr als 300 Stück. Versuchsweise wurden für den gleichen Zeitraum Handydaten über die Mobilfunknetze eingeholt und heraus kamen Bewegungsprofile von insgesamt 76.500 Nutzern.

Fehr nutzte für diesen Test die Dienstleistung des Start-Up-Unternehmens AirSage Inc. aus Atlanta. Die Mobilfunkdaten wurden nahezu in Echtzeit gesammelt. Dieser erfolgreiche Test führte zu fünf Anschlussaufträgen für AirSage von Fehr in diesem Jahr.

“Unsere Datenbasis hat sich um das Tausendfache verbreitert”, stellte Mike Wallace von Fehr in einem Gespräch mit Bloomberg News fest, “und der Preis ist durchaus vergleichbar geblieben. In Zukunft werden wir die traditionelle Methode weniger anwenden”.

Fragen und Antworten zu PRISM

Bekommen US-Geheimdienste Informationen von Internet-Unternehmen?

Ja, und das ist auch seit Jahren bekannt. Nach dem „Patriot Act“ können Behörden mit Gerichtsbeschluss Zugang zu Informationen bekommen. Das neue an den Berichten über ein Programm Namens „PRISM“ wäre der freie Zugang zu den Servern von Google, Facebook & Co. statt eines punktuellen Zugriffs. Sowohl die Regierung als auch die Unternehmen weisen dies zurück. Laut US-Geheimdienstkoordinator James Clapper ist „PRISM“ nur ein internes Computersystem der Behörden.

Die US-Regierung betont, dass die Überwachung und die Verwendung der Daten strikt überwacht werden, von wem?

Die Abläufe bleiben komplett im geheimen Bereich. Die Geheimdienstanfragen nach Nutzerdaten müssen zwar von einem Gericht bewilligt werden - aber es ist ein speziell dafür geschaffenes Gericht mit elf Richtern. Die Anfragen sind so geheim, dass die Unternehmen selbst über ihre Existenz schweigen müssen.

Gibt es Anhaltspunkte dafür?

Die „New York Times“ zitierte am Wochenende einen Juristen „einer Technologiefirma“, der berichtete, wie die NSA einen Agenten ins Hauptquartier des Unternehmens abkommandiert habe, um den Verdächtigen in einem Cyberangriff zu überwachen. Der Agent habe von der Regierung entwickelte Software auf dem Server installiert und sei für mehrere Wochen geblieben, um Daten in ein Notebook der Agentur herunterzuladen. In anderen Fällen fordere die NSA Echtzeitdaten an, die dann digital übermittelt würden.

Könnte der Geheimdienst sehen, wie Ideen beim Tippen entstehen?

Das muss kein Widerspruch sein. Der amerikanische Journalist und Geheimdienstexperte Marc Armbinder beschreibt das Funktionieren des „PRISM“-Systems so: Zum Beispiel könnte Facebook die Anordnung bekommen, Informationen über alle Profile aus Abbottabad in Pakistan herauszurücken, angenommen, es gibt 50 davon. „Diese Accounts werden ständig aktualisiert. Also erstellt Facebook eine „Spiegel“-Version der Inhalte, zu der nur die NSA Zugang hat. Die ausgewählten Profile werden in Echtzeit sowohl auf dem Facebook-Server als auch auf dem gespiegelten Server aktualisiert. "PRISM" ist das Werkzeug, das das alles zusammenbringt.“

Könnte die NSA Daten auch ohne Kooperation bekommen?

Absolut. Und Zunger beschreibt eine Möglichkeit dafür: Sie könnten den Datenstrom bei den Anbietern von Internet-Zugängen abgreifen und Datenpakete mit Bezug zum Beispiel zu Facebook oder Google herausfiltern.

Wie glaubwürdig sind die Dementis der Internet-Konzerne?

Sie sind ähnlich formuliert und beziehen sich auf einen „direkten Zugriff“ auf Server der Unternehmen. Zugleich klingen einige davon auch sehr persönlich und aufrichtig. So versicherte der Chefentwickler des Online-Netzwerks Google+, Yonathan Zunger, er würde kündigen, wenn er davon Wind bekäme. Und er sei in einer Position bei Google, in der er eine so groß angelegte Spionageaktion eigentlich hätte mitkriegen müssen. Zunger ist offen in seiner „Abscheu“ für die NSA: „Wir haben nicht den Kalten Krieg geführt, damit wir die Stasi nachbauen können“.

Und die Nachfrage für solche ausgewerteten Daten ist hoch - etwa bei Stadtplanern, Einzelhändlern und im Marketing. Immer mehr Unternehmen treten in diese lukrativen Märkte ein - neben AirSage, auch ComScore Inc. und, seit 21. Mai, angeblich auch die deutsche SAP AG. Sie alle nutzen Rohdaten von Mobilfunkbetreibern wie Verizon Wireless, analysieren die Informationen und erstellen daraus verkäufliche Studien. Das Geschäft entwickelt sich sehr lukrativ: bei AirSage steigt der Umsatz Angaben des Unternehmens zufolge im jedem Quartal um 25 Prozent.

Auf Nachfrage bei dem Walldorfer Konzern SAP dementiert ein Sprecher den Verkauf von Studien. „Wir verkaufen Software, die solche Daten auswerten und Trends erstellen kann, aber das nutzen wir selber nicht“. Bewegungsprofile von Handynutzern zu analysieren sei kein Geschäftsmodell von SAP. „Das können und wollen wir auch nicht“, so ein Sprecher gegenüber Handelsblatt Online.

Eins ist dabei jedoch klar: Die Suchanfragen der Kunden kann SAP nicht beeinflussen. Was die Software an Ergebnissen ausspuckt, dagegen schon. Bei allen Anfragen stelle man sicher, dass der Datenschutz stets gewährleistet sei, stellt ein Sprecher klar: „Egal welche Suchanfrage der Kunde stellt.“

Die Schwächen von SAP

Schwache Position auf US-Markt

Der US-Markt ist für SAP äußerst wichtig – allerdings hat das Unternehmen hier mit Oracle einen sehr agilen und aggressiven Konkurrenten. Mit dem US-Konzern beharkt sich SAP auch juristisch, in einem Streit um den Diebstahl von Geschäftsdaten fordert dieser saftigen Schadenersatz. Die Übernahme der beiden amerikanischen Cloud-Dienstleister Ariba und SuccessFactors für insgesamt 7,8 Milliarden Dollar soll das US-Geschäft von SAP stärken.

Abhängigkeit von Großkunden

Trotz aller Bemühungen um Mittelständler ist SAP stark von den Großkunden abhängig. Damit leidet das Unternehmen stärker unter Konjunkturschwankungen – im Abschwung schieben die Konzerne große Investitionen lieber auf. SAP will mit alternativen Geschäftsmodellen gegensteuern, etwa Miet-Software (Software as a Service), für die die Kunden monatliche Gebühren statt Lizenzen zahlen.

Wechselkursrisiken

Im abgelaufenen Geschäftsjahr haben Wechselkurseffekte den Gewinn niedriger ausfallen lassen. Die Euro-Stärke gegenüber asiatischen Währungen kostete den Weltmarktführer für Software zur Unternehmenssteuerung beispielsweise 400 Millionen Euro Gewinn.

Die Praxis ist auch in den USA bei Datenschützern umstritten und die Regierung erwägt derzeit strengere Auflagen. Andererseits gilt gerade den Mobilfunkbetreibern diese Datensammlung als willkommene Umsatzquelle. Die Erträge aus der klassischen Sprachtelefonie sinken weiter und auch das Wachstum der Neuverträge hat sich zuletzt abgeschwächt.

Die Datensammlung von Smartphone-Nutzern ist bereits gängige Praxis. Gesammelt werden Daten zum Standort, zur Nutzung von Apps und dem mobilen Internet. Mit den Daten können sich die Anbieter besser auf das Nutzungsaufkommen vorbereiten und den Datenverkehr besser steuern. Zwei Anbieter in den USA, Verizon Wireless und Sprint Nextel Corp., haben gerade mit dem Verkauf solcher Daten an Drittanbieter begonnen und hoffen auf Millionenumsätze.

Kommentare (1)

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Account gelöscht!

10.06.2013, 12:21 Uhr

"Auf Nachfrage bei dem Walldorfer Konzern SAP dementiert ein Sprecher den Verkauf von Studien. „Wir verkaufen Software, die solche Daten auswerten und Trends erstellen kann, aber das nutzen wir selber nicht“"

Eine Aussage wie von der US-Waffenlobby :-) Aber ist auch egal, wenn die es nicht machen, dann machen es halt andere.

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