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17.07.2013

12:26 Uhr

Mobile Bezahlsysteme

Kampf dem Bargeld

VonChristof Kerkmann

Einstöpseln und abkassieren: Startups wie Square und iZettle wollen das Bezahlsystem umkrempeln. Sie vermarkten Adapter, die das Smartphone zur Kasse für EC- und Kreditkarten machen. Die Finanzriesen mischen mit.

Der Tablet-Computer als Kasse: Bezahldienstleister wie SumUp wollen eine Alternative zum Bargeld bieten. SumUp

Der Tablet-Computer als Kasse: Bezahldienstleister wie SumUp wollen eine Alternative zum Bargeld bieten.

DüsseldorfAndreas Barthelmess hat einen beharrlichen Gegner: die Gewohnheit. Ob im Taxi, beim Pizza-Lieferanten oder auf dem Wochenmarkt – die Menschen in Deutschland zahlen kleine Summen am liebsten bar. Das will der Manager mit der Firma iZettle ändern. Sie hat ein Aufsteck-Lesegerät entwickelt, die das Smartphone zum Kartenleser macht. Damit können auch kleine Händler oder Dienstleister Kartenzahlungen annehmen. Immer und überall, so lange ein Handymast in der Nähe ist.

Die Gewohnheiten der Deutschen will nicht nur iZettle verändern: Ein halbes Dutzend Startups hat ähnliche Systeme entwickelt, die Kartenzahlungen auch in Bargeld-Bastionen wie Frisörsalons, Modeboutiquen und Taxis ermöglichen sollen. Die Margen sind rasiermesserscharf, doch die Zahlungsabwicklung ist ein Milliardengeschäft – und sie könnte SumUp, Payleven, Streetpay & Co helfen, lukrative Finanzdienstleistungen zu vermarkten. Die Bankenbranche mischt vorsichtshalber mit.

Die Systeme arbeiten alle nach demselben Prinzip, das der amerikanischer Vorreiter Square erfunden hat. Es funktioniert so: Kleine Einsteck-Module rüsten das Smartphone oder den Tablet-Computer des Händlers oder Dienstleisters zur Kasse auf. Das Zusatzgerät liest die Daten von Kredit- oder EC-Karte aus, eine App verarbeitet sie und wickelt die Zahlung ab. Square, iZettle und Co sollen also nicht das Portemonnaie ersetzen: „Wir ermöglichen jedem, Kartenzahlungen anzunehmen – auch in Bereichen, wo das vorher nicht ging“, sagt Barthelmess, der das Deutschlandgeschäft von iZettle lenkt.

Mobile Bezahlsysteme fürs Smartphone

Square

Der Vorreiter ist Square: Das US-Unternehmen, hinter dem Twitter-Gründer Jack Dorsey steckt, bietet sein Adapter für Smartphones und Tablet-Computer seit Mai 2010 in den USA an. Zu den Geldgebern gehören neben namhaften Risikokapitalgebern auch der Kreditkarten-Gigant Visa und die Kaffeekette Starbucks, die das System in ihren Geschäften einsetzt. In Europa bietet Square seine Dienste aber noch nicht an.

iZettle

Das schwedische Unternehmen iZettle ging im Mai 2011 an den Start. Es ist bislang vor allem in Europa tätig, macht Square aber seit Juni 2013 aber auch in dessen Hinterhof Mexiko Konkurrenz. Zu den Geldgebern zählen die Kreditkarten-Riesen American Express und Mastercard, außerdem die spanische Großbank Banco Santander und der skandinavische Finanzkonzern SEB. Die Deutsche Telekom und die Volksbanken vertreiben das Lesegerät in Deutschland. iZettle hat nach eigenen Angaben „weit mehr als 100.000 Nutzer“ in Europa.

Payleven

Payleven stammt aus dem Umfeld der Berliner Startup-Schmiede Rocket Internet, mit der die Gebrüder Samwer zahlreiche Unternehmen gründen oder unterstützen. Über die Investment-Firma halten sie etwas mehr als 50 Prozent der Anteile. Zu den weiteren Investoren zählen Holtzbrinck Ventures und New Enterprise Associates. Der Bezahldienstleister hat mit Apple einen prestigeträchtigen Vertriebspartner gewinnen können, die Lesegeräte werden europaweit in den Apple Stores und online verkauft. Im Handel ist das System unter anderem bei Metro Cash & Carry, Selgros und Schaper erhältlich.

Das Bezahlsystem ist seit August 2012 auf dem Markt, in Deutschland wie auch in etlichen anderen Ländern in Europa. Zu Nutzerzahlen und Umsatz äußert sich das Unternehmen nicht.

Das Chip-Lesegerät kostet einmalig 99 Euro plus Mehrwertsteuer, Die Gebühren betragen 0,95 Prozent der Summe mit EC- und Debitkarten sowie 2,75 Prozent der Summe bei Zahlung mit Kreditkarte.

SumUp

Der Berliner Mobil-Bezahldienst SumUp ist in Deutschland seit August 2012 am Start. Das Unternehmen ist außerdem in Ländern wie Großbritannien, Frankreich und Italien aktiv, ebenso in Russland.

Zu den Investoren gehören der Kreditkarten-Riese American Express und das Gutschein-Portal Groupon – sie investierten einen zweistelligen Millionenbetrag. Auch die spanische Großbank BBVA hat sich beteiligt. Zu den deutschen Kapitalgebern zählen die Beteiligungsgesellschaften b-to-v Partners, Shortcut Ventures und Tengelmann Ventures sowie der Investor Klaus Hommels.

Das Kartenlesegerät gibt SumUp in Deutschland derzeit kostenlos ab, pro Transaktion werden 2,75 Prozent Gebühr fällig. Darüber hinaus gibt es eine „EC-Flatrate“, bei der für rund 30 Euro im Monat ein Umsatz von bis zu 5000 Euro mit EC-Karten inklusive ist.

Wie viele Geräte im Einsatz sind, legt das Unternehmen nicht offen, ebenso wenig den Umsatz.

Streetpay

Hinter der Firma Streetpay steckt die Firma Masterpayment AG aus Starnberg. Sie brachte im Juni 2012 ihr Bezahlsystem auf den Markt. Insgesamt 3000 Geräte sind nach Unternehmensangaben in regelmäßiger Verwendung. Beim Vertrieb arbeitet sie unter anderem mit dem Mobilfunker E-Plus zusammen. Ein Schwerpunkt des Geschäfts liegt im Nahen Osten, wo lokale Firmen die Lesegeräte vertreiben. Kein Wunder: Die königliche Familie von Abu Dhabi hält 33 Prozent der Anteile. Der Rest gehört den Gründern und dem Management.

Streetpay bietet unterschiedliche Geräte an, im günstigsten Fall kostenlos. Pro Transaktion werden bis zu 2,7 Prozent fällig. Das Unternehmen peilt nach eigenen Angaben einen Jahresumsatz von drei Millionen Euro an, das Volumen an abgewickelten Zahlungen wächst demnach von Quartal zu Quartal um 100 bis 150 Prozent.

Wirecard AG

Das deutsche Unternehmen Wirecard AG ist mit Systemen für Zahlungsverkehr und Risikomanagement groß geworden. Jetzt bietet es als White-Label-Lösung auch ein Kartenlesegerät an, das andere Unternehmen unter eigener Marke vermarkten. So stattet der Dienst MyTaxi seit März 2013 Fahrer in Deutschland, Spanien und den mit dem Terminal aus.

Paypal

Die Ebay-Tochter Paypal gehört zu den großen Zahlungsdienstleistern im Internet, will aber auch außerhalb der virtuellen Welt expandieren. Das Aufstecksystem Paypal Here wird bislang allerdings noch nicht in Deutschland vertrieben.

Orderbird

Auf Restaurants, Bars und Diskotheken ist der Kassensystemhersteller Orderbird spezialisiert – auch eine Aufstecklösung für mobile Geräte hat er im Angebot. Bei EC-Kartenzahlungen wird eine Gebühr von 1,7 Prozent fällig, bei Kreditkartenzahlungen 2,7 Prozent. Dabei gebe es weder eine Mindestvertragslaufzeit noch eine Grundgebühr, teilt das Unternehmen mit. Für die Profilösung my.orderbird werden 39 Euro im Monat fällig.

Die Innovation liegt im Geschäftsmodell. Auf lange Verträge und monatliche Gebühren, wie sie bei Kartenterminals sonst üblich sind, verzichten die Anbieter. Sie kassieren stattdessen für jeden einzelnen Verkauf eine Provision. Bei iZettle, SumUp und Payleven werden beispielsweise 2,75 Prozent des Umsatzes fällig. Das ist zwar für EC-Karten viel, nicht aber für Kreditkarten. Zudem gehen die Händler keine langfristigen Verpflichtungen ein.

Marktforscher sehen in dem Geschäftsmodell gewaltiges Potenzial. In Europa wickeln Händler ohne Kartensysteme einen Umsatz von 75 Milliarden Dollar ab, wie die Unternehmensberatung McKinsey schätzt, weltweit sogar 500 Milliarden Dollar. Selbst wenn nur ein Teil davon über mobile Bezahlsysteme abgewickelt wird, sind hohe Gewinne drin. Mindestens genauso wichtig: Wer über das Kartenlesegerät mit dem Händler in Kontakt kommt, kann ihm auch andere Dienstleistungen anbieten.

Doch um die Gewohnheiten der Kunden zu verändern, müssen Square, iZettle & Co die Wirtschaft gewinnen. Je mehr Händler Karten akzeptieren, desto häufiger zahlen die Käufer auch mit Plastikgeld.

Kommentare (30)

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Der_Techniker

17.07.2013, 12:42 Uhr

Viel Tamtam und Kosten, um Kleckerbeträge zu zahlen.
Ist meines Erachtens nur beim Einkauf in I-Net sinnvoll (-> Paypal und andere).
Meine Stammtankstelle z.B. gibt auf Barzahlung mittlerweile Rabatt, den ich gerne mitnehme.
Darüberhinaus, will man als Konsument ja nicht unbedingt eine weitere Datenspur legen.
Bargeld ist anonym und wenn alles ausgegeben ist, kann man auch keinen Starbucks Kaffee auf Pump kaufen.

-> "Overengineering"

Account gelöscht!

17.07.2013, 12:58 Uhr

In PRISM we trust?

norbert

17.07.2013, 13:16 Uhr

Ich werde mich bis zum Tod den Scheck-, Kredit-, und anderen Plastikkarten verweigern.
Den Bundesbürgern fehlt mittlerweile leider die bittere Erfahrung der Unfreiheit, weil bald die letzten Hitler-Zeitzeugen tot sind.
Hoffentlich werden die gleichgültigen nicht mal ganz böse erwachen...

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