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26.02.2017

10:16 Uhr

Mobile World Congress

Das Labor der supervernetzten Welt

VonIna Karabasz, Christof Kerkmann

Wie sehen die neuen Nokia-Smartphones aus? Warum wird das Auto zum Portemonnaie? Und was wird als nächstes vernetzt? Auf dem Mobile World Congress zeigt die Technikbranche ihre Neuigkeiten. Welche Trends wichtig werden.

Auf dem Mobile World Congress werden zahlreiche neue Smartphones zu sehen sein - und die Technik dahinter. Reuters, Sascha Rheker

Die Welt der Smartphones

Auf dem Mobile World Congress werden zahlreiche neue Smartphones zu sehen sein - und die Technik dahinter.

BarcelonaDer Mobile World Congress (MWC) ist die wichtigste Messe der Mobilfunkbranche. Und weil heutzutage so ziemlich alles vernetzt wird, ist die Veranstaltung vielfältiger und größer denn je. Schon vor dem offiziellen Start am Montag zeichnet sich ab: Mehr als 100.000 Besucher dürften in diesem Jahr zur Fachveranstaltung in Barcelona kommen. Für Schlagzeilen dürfte einerseits Nokia sorgen, das eine Art Comeback feiert. Andererseits ist da Netflix-Chef Reed Hastings, der vermutlich um Telekom, Vodafone & Co. werben wird. Und an vielen Ständen zeigt sich ein Ausblick auf die supervernetzte Welt. Die wichtigsten Trends im Überblick.

Künstliche Intelligenz: Im Angesicht von Alexa

Das Smartphone per Gesichtserkennung entsperren, die Kopfhörer per Sprachsteuerung nutzen: Künstliche Intelligenz, kurz KI, soll Technologie schlauer und besser machen. Dabei helfen Plattformen wie Alexa, der digitalen Assistentin von Amazon. Auch andere Unternehmen können diese in ihre Produkte einbauen, egal ob Lautsprecher, Autos, Computeruhren oder natürlich Smartphones. Huawei wird etwa ein Gerät mit der Amazon-Software zeigen. Auch der Google Assistant dürfte in einigen neuen Produkten zu Diensten sein.

Lexikon der Künstlichen Intelligenz

Schwer definierbarer Begriff

Die wissenschaftliche Disziplin Künstliche Intelligenz (KI) begründete der Forscher John McCarthy. Er lud 1955 zu einer Konferenz an der Darthmouth-Universität in New Hampshire ein, um über Maschinen zu diskutieren, die „Ziele in der Welt erreichen können“. Die Definition ist allerdings bis heute umstritten – schon weil Intelligenz an sich schwer abgrenzbar ist.

Starke KI

Unser Bild von Künstlicher Intelligenz wird geprägt von Filmen wie „Terminator“ oder „Her“, in denen Elektronenhirne ein Bewusstsein haben und selbständig agieren – Experten sprechen von starker KI. Die Technik ist bislang weit von solchen Visionen entfernt, verbreitet aber Angst und Schrecken. Was, wenn die Maschinen schlauer werden als die Menschen und sich über sie erheben?

Schwache KI

In der Realität zu finden ist derzeit lediglich schwache KI. Dabei handelt es sich um Systeme, die einzelne Fähigkeiten des Menschen abbilden, etwa die Spracherkennung oder Herstellung von inhaltlichen Zusammenhängen. Sie wären jedoch nicht in der Lage, die Ergebnisse zu verstehen oder inhaltlich zu diskutieren.

Maschinelles Lernen

Die derzeit erfolgreichste Spezialdisziplin der KI ist das maschinelle Lernen. Dabei leitet der Computer aus Daten weitgehend selbständig Muster und Erkenntnisse ab. Zum Einsatz kommt die Technologie etwa bei der Sprach- und Objekterkennung – und damit an vielen Stellen, von digitalen Assistenten auf dem Smartphone bis zum autonomen Fahrzeug.

Neuronale Netze

Beim maschinellen Lernen verwenden Forscher und Entwickler häufig künstliche neuronale Netze, die das Gehirn als Vorbild nehmen. Die Methode ist davon inspiriert, dass es im Denkorgan viele Verbindungen und Schichten gibt, die Informationen verarbeiten. Der Computer simuliert diese Struktur. Mit dem menschlichen Denken hat das nur entfernt zu tun: Es handelt sich um komplexe statistische Modelle.

Deep Learning

Als Deep Learning bezeichnen Experten eine Methode des maschinellen Lernens. Dabei kommen neuronale Netze mit vielen Schichten zum Einsatz – so entsteht die namensgebende Tiefe. Die Technologie ist vielversprechend und kommt bereits auf breiter Basis zum Einsatz. Damit sie funktioniert, sind jedoch große Datenmengen nötig, sie dienen als Trainingsmaterial fürs künstliche Gehirn.

Derartige Anwendungen werden auf dem MWC vermutlich die sichtbarste Spielart der KI sein. Für die Netzbetreiber gibt es aber zahlreiche weitere Einsatzszenarien. So können Chatbots helfen, den Kundenservice zu verbessern – etwa wenn sie in einem Dialog mit Kunden automatisch die richtigen Informationen auftreiben und übermitteln. Und die Analyse großer Datenmengen aus den Netzwerken kann helfen, diese effizienter zu betreiben. Das ist nicht so spektakulär wie ein digitaler Assistent, aber ebenso nützlich.

Mobiles Bezahlen: Klick & weg

Tanken und wegfahren: Das soll demnächst bei Shell möglich sein. Der Ölkonzern zeigt auf dem Mobile World Congress gemeinsam mit Jaguar ein Projekt, bei dem Fahrer direkt aus dem Auto heraus bezahlen können, die elektronische Quittung ist auf dem Display zu sehen. Es ist ein Beispiel dafür, wie die Technologiebranche das Finanzwesen umkrempeln kann.

Die Tankfüllung bezahlen, ohne auszusteigen. Der Ölkonzern Shell und der Autobauer Jaguar stellen in Barcelona eine Kooperation vor. Shell

Bezahlen mit dem Auto

Die Tankfüllung bezahlen, ohne auszusteigen. Der Ölkonzern Shell und der Autobauer Jaguar stellen in Barcelona eine Kooperation vor.

Geht es nach den Unternehmen, sollen Nutzer mit allen möglichen Geräten und Gegenständen bezahlen können - Smartphone, Smartwatch und Auto sind nur der Anfang. Die Abwicklung soll möglichst automatisch und im Hintergrund ablaufen. Und natürlich hundertprozentig sicher. Dabei könnte Blockchain helfen, eine Technologie, die die Finanzbranche elektrisiert. Das Beratungsunternehmen Accenture zeigt einige solcher Anwendungsbeispiele.

Internet der Dinge: Sparsam und weit

Seit Jahren reden Unternehmen und Industrieexperten das Internet der Dinge herbei. Es geistern diverse Schätzungen durch die Welt, wie viele Geräte in Zukunft mit dem Internet verbunden sein werden. Die Marktforscher von Gartner gehen beispielsweise von mehr als 20 Milliarden im Jahr 2020 aus. Doch um auf diese Zahlen zu kommen, muss der Markt noch stark wachsen – und nun sieht es so aus, als gäbe es eine Technologie, die das ermöglicht.

Die Telekommunikationsbranche hat einen Funkstandard entwickelt, der es ermöglicht, dass Sensoren jahrelang ihre Daten verschicken, ohne dass Batterien getauscht werden müssen. Gleichzeitig können die Informationen durch dicke Wände dringen und lange Strecken überbrücken. Die Technik mit dem Namen Narrowband IoT (Internet of Things) macht es deswegen attraktiver, Gegenstände zu vernetzten, weil der Aufwand deutlich geringer ist als vorher.

Das Internet der Dinge

Alltägliche Objekte im Netz

Das Internet ist bekannt als Infrastruktur, über die Menschen Daten austauschen – ob mit dem PC, Laptop oder Smartphone. Es geht also letztlich um Computer, die miteinander kommunizieren. Doch heutzutage lassen sich immer mehr Objekte vernetzen: Heizung und Haustür, T-Shirt und Brille, Auto und Heizung.

Eine Sache, viele Begriffe

Den Begriff „Internet der Dinge“ prägten Wissenschaftler am Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Boston Ende der 90er Jahre. Es kursieren aber viele Begriffe. „Industrial Internet“ betont die wirtschaftliche Bedeutung, „Machine to Machine“ (abgekürzt M2M) beschreibt eher technisch, dass Geräte autonom Daten austauschen.

Einsatz in der Wirtschaft

Bislang ist das Internet der Dinge vor allem eine Sache der Wirtschaft: Logistikunternehmen verfolgen beispielsweise den Weg von Lieferungen. Technologie-Hersteller bringen aber zunehmend auch Produkte für Verbraucher auf den Markt, etwa Heizungssteuerungen.

Mini-Computer und Funkantenne

Vernetzte Objekte benötigen eine Art Mini-Computer und eine Funkantenne, außerdem Sensoren – im Fall einer Heizungssteuerung etwa, um die Temperatur zu messen. Diese Komponenten sind in den vergangenen Jahren so geworden, dass immer neue Einsatzgebiete in Frage kommen.

Sextillionen von Adressen

Damit vernetzte Objekte übers Internet gesteuert werden können, muss man sie eindeutig ansprechen können. Ein neuer Standard namens IPv6 soll dafür sorgen, dass auch im Zeitalter vernetzter Autos und Heizungen genügend IP-Adressen vorhanden sind – es sind 340 Sextillionen, also eine 340 mit 36 Nullen.

Markt mit Riesenpotenzial

Es ist schwierig, den Vernetzungstrend in Zahlen zu fassen, der Markt ist noch zu jung. Der Marktforscher Gartner wagt die Prognose, dass bis 2020 rund 26 Milliarden Geräte im Internet der Dinge sind – PCs, Tablets und Smartphones sind darin nicht eingeschlossen. Der Umsatz mit Produkten und Diensten werde auf mehr als 300 Milliarden Dollar wachsen. Noch optimistischer ist der Netzwerkausrüster Cisco, der bis dahin 50 Milliarden vernetzte Geräte erwartet.

Diskussion über Datenschutz

Der Siegeszug der vernetzten Geräte dürfte einige Diskussionen über den Datenschutz nach sich ziehen. Ein Beispiel: Darf eine Versicherung die Bewegungsdaten eines Autobesitzers auswerten, um den Tarif ans Fahrverhalten anzupassen? Oder darf die Polizei nach einem Unfall überprüfen, ob der Fahrer zu schnell war?

Also werden nun tatsächlich zunehmend Dinge des Alltags vernetzt. Auf der Messe in Barcelona werden neben smarten Fitnesstrackern, Kühlschränken und Waschmaschinen auch Produkte für vernetze Städte zu sehen sein. So stellt der Chiphersteller Infineon eine Straßenlaterne vor, die unter anderem freie Parkplätze meldet und zugleich eine Ladesäule für E-Fahrzeuge ist.

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