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03.01.2006

11:44 Uhr

Motorola will an die Spitze

Rasiermesserscharf

VonJens Eckhardt

Motorola hat in seinem Namen vier Buchstaben eingespart und sich als Moto neu erfunden. Einst hatten Techniker bei dem US-Konzern das Sagen, jetzt sind es die Designer. Dies ist gleichbedeutend mit einer Kulturrevolution.

Motorola RAZR. Foto: Hersteller

Motorola RAZR. Foto: Hersteller

CHICAGO. Keine Ecken, keine Kanten. Sanft wölben sich die Kurven unter einer glänzenden Hülle. Eine Haut so anschmiegsam und edel wie eine Mischung aus Samt und Leder. „Drücken Sie mal auf die obere Kante“, sagt Gary Weiss. Durch eine unsichtbare Sprungfeder öffnet sich die Hülle – wie eine Muschel. Zum Vorschein kommen ein Farbbildschirm und das beleuchtete Tastenfeld eines Mobiltelefons. „Na? Echter Überraschungseffekt, oder? Das ist unser Pebl.“ Weiss, ein schnell sprechender New Yorker, ist leitender Ingenieur der Handysparte von Motorola und Pebl ist eines der neuen Modelle.

Mehr noch: Pebl ist das Ergebnis einer radikal überarbeiten Strategie des traditionsreichen US-Technologiekonzerns. Und die dient nur einem Ziel: Motorola will wieder die Führung auf dem weltweiten Mobiltelefonmarkt übernehmen, die Nummer eins werden, der weltweit größte Hersteller. Dafür müssen die Amerikaner allerdings den finnischen Konzern Nokia von diesem Platz verdrängen – ein weiter Weg. Nokia hat einen Marktanteil von mehr als 30 Prozent. Motorola liegt bei knapp 20 Prozent. Immerhin, der Abstand hat sich im vergangenen Jahr verringert. Die neue Motorola-Strategie zeigt bereits Wirkung.

Im Mittelpunkt steht die Devise: Erst kommt das Design, dann die Technik. Dies ist gleichbedeutend mit einer Kulturrevolution bei Motorola, einem lange Zeit von Ingenieuren dominierten Konzern. In der Designabteilung beschreiben die Mitarbeiter die alten Zeiten so: Die Ingenieure seien mit den Platinen gekommen und hätten gesagt: „Bring da etwas Plastik ringsherum an.“ Jetzt kommen die Designer mit ihren Ideen und Vorstellungen zu den Technikern, und diese entwickeln ein Innenleben für das Mobiltelefon, ohne dass die Optik leidet.

Die neue Ära macht sich auch bei den Gerätenamen bemerkbar: V60 oder T720 – das gehört der Vergangenheit an. Heute heißen die Mobiltelefone Pebl, Razr und Rokr. Pebl steht für „Pebble“, die englische Bezeichnung für Kieselsteine, und so ähnlich liegt das Handy auch in der Hand, glatt und geschmeidig. Razr soll an „Razor“ erinnern, das englische Wort für Rasiermesser, weil es so superflach ausfällt. Verspielte Produktnamen für High-Tech-Spielzeug. Und Motorola selbst nennt sich inzwischen nur noch Moto.

Anführer der Revolution ist Vorstandschef Ed Zander, der vor zwei Jahren von Sun Microsystems abgeworben wurde. Zander übernahm von Gründerenkel Christopher Galvin ein innerlich zerstrittenes Unternehmen, das wichtige Entwicklungen auf dem Handymarkt verschlafen hatte, mit sinkenden Umsätzen und hohen Verlusten kämpfte. Gleichwohl fing der neue Boss nicht bei null an. Galvin hatte bereits Werke geschlossen, 56 000 Stellen abgebaut, Milliarden abgeschrieben und die Entflechtung der defizitären Halbleitersparte eingeleitet. Noch Ende der 90er-Jahre hatte Galvin Schlüsselpositionen im Marketing, im Design und in den technischen Abteilungen mit hervorragenden Talenten besetzt. Die haben sich jedoch einige Male eine blutige Nase geholt, weil sie die betonartige Konzernbürokratie nicht überwinden konnten.

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