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20.07.2011

10:21 Uhr

Murdoch-Affäre

Claus Larass verteidigt den Boulevard-Journalismus

VonClaus Larass

Nicht nur Rupert Murdoch steht in der Kritik - auch der Boulevard-Journalismus insgesamt. Claus Larass, ehemaliger Chefredakteur der "Bild"-Zeitung, verteidigt das Genre, kritisiert aber den Verlust aller Grenzen.

Medienprofi Claus Larass verteidigt den Boulevard-Journalismus. Quelle: dpa

Medienprofi Claus Larass verteidigt den Boulevard-Journalismus.

Kommt die Moral ins Spiel, spitzen bestimmte Leute besonders die Ohren. Sie wähnen wieder einmal, die Zeit sei aus den Fugen geraten. Wer in diesen Tagen nach London hört und den Skandal um das Medienimperium des Rupert Murdoch verfolgt, muss die Ohren nicht spitzen. Es dröhnt gewaltig. So muss es klingen, wenn in den Bergen eine riesige Lawine zu Tal geht und alles mit sich reißt, was im Wege ist.

Die vorläufige Bilanz: Zehn Angestellte von Murdoch leben mit einem Haftbefehl, ein weiterer lag tot in seiner Wohnung, der konservative Premier steht blamiert in der Öffentlichkeit, und die in England fast heilige Institution Scotland Yard steckt in einer tiefen Krise. Ihre beiden Spitzenbeamten gaben ihren Rücktritt bekannt. Die Ritter gegen das Verbrechen entpuppten sich als klägliche Spesen-Schnorrer von Murdochs Gnaden.

Das Murdoch-Drama 2011

Dienstag, 5. Juli

Die britische Tageszeitung Guardian berichtet, dass das Murdoch-Boulevardblatt "News of the World" die Handy-Mailbox des entführten und später ermordeten Mädchens abgehört haben soll und sogar Nachrichten gelöscht haben soll. So wollten die Journalisten Platz für weitere Nachrichten schaffen und an neue Informationen rankommen. Damit sind möglicherweise Beweise gelöscht worden. Zudem entstand bei den Angehörigen der Opfer der Eindruck, das Mädchen sei noch am Leben.

Mittwoch, 6. Juli

Der Guardian veröffentlicht den nächsten Vorwurf gegen "News of the World": Journalisten des Boulevardblatts, das zu Rupert Murdochs Medienkonzern News Corporation gehört, sollen auch Handy-Mailboxen von Angehörigen gefallener Soldaten angezapft haben. Zumindest fanden sich persönliche Informationen über die Hinterbliebenen der Soldaten in den Unterlagen eines Privatdetektivs, der für "News of the World" arbeitete.

Donnerstag, 7. Juli

James Murdoch, Sohn des News-Corporation-Chefs Rupert Murdoch und im Konzern für das Europa-Geschäft zuständig, verkündet die Einstellung von "News of the World". Am Wochenende werde die letzte Ausgabe erscheinen, die Anzeigenerlöse würden wohltätigen Organisationen zukommen. "News of the World" war mit einer Auflage von 2,6 Millionen Exemplaren die auflagenstärkste Zeitung in Großbritannien.

Freitag, 8. Juli

Andy Coulson, ehemaliger Chefredakteur von "News of the World", wird verhaftet und nach neunstündigem Verhör auf Kaution freigelassen. Coulson war von 2003 bis 2007 Chefredakteur des Revolverblatt. Danach arbeitete er als Kommunikationschef für den britischen Premier David Cameron. Er trat von diesem Posten Anfang 2010 wegen der Abhöraffäre zurück, behauptete aber stets nichts von illegalen Recherchepraktiken gewusst zu haben.

Sonntag, 10. Juli

Die letzte Ausgabe der "News of the World" erscheint. Mit der Zeile "Thank you & Goodbye" verabschiedet sich die 200 Mann starke Redaktionsmannschaft von ihren Lesern. Die Zeitung war vor 168 Jahren gegründet worden.

Montag, 11. Juli

Die Oppositionspartei im britischen Parlament fordert Rupert Murdoch auf, seinen Antrag auf die vollständige Übernahme des britischen Satellitensenders BSkyB zurückzuziehen. Die Regierung schaltet das Kartellamt in der Sache ein. Es soll Murdochs Übernahmepläne prüfen. Genau das hat der Unternehmer zuvor verhindern wollen, indem er der Regierung einen Kompromissvoranschlag machte. Er wollte die BSkyB-Nachrichtensparte Sky News ausgliedern und so eine schnelle Genehmigung der Übernahme durch die Regierung erreichen. Diesen Kompromissvorschlag zog er am Montag (11. Juli) zurück und machte den Weg für ein langwieriges Kartellamtsverfahren frei.

Dienstag, 12. Juli

Murdoch kündigt einen großzügigen Rückkauf von News-Corporation-Aktien an, um den Kursverfall zu stoppen. Ursprünglich wollte er nur 1,8 Milliarden Dollar für die Kurspflege ausgegeben, jetzt erhöht er die Summe auf fünf Milliarden Dollar. Unterdessen erhöht auch die britische Regierung den Druck auf den Unternehmer und kündigt an: Man werde sich in einer Parlamentsabstimmung am Mittwoch dem Antrag der Opposition anschließen und so Murdoch nahebringen, seine BSkyB-Pläne aufzugeben.

Mittwoch, 13. Juli

Murdoch zieht seinen Antrag auf die Komplettübernahme von BSkyB zurück und kommt der Abstimmung im Parlament zuvor.

Für Mittwoch, 13. Juli

Das britische Parlament hat Murdoch und seinen Sohn James vorgeladen, um am Dienstag über den Abhörskandal bei News of the World vor einem Parlamentsausschuss Rede und Antwort zu stehen. Die beiden Murdochs haben ihr Kommen zugesagt. Zuvor hatten sie sich geweigert, auf freiwilliger Basis vor dem Ausschuss zu reden.

Donnerstag, 14. Juli

Das FBI nimmt Ermittlungen gegen News Corporation auf. Der Verdacht: Journalisten der News-Corporation-Zeitung "News of the World" sollen auch die Handy-Mailboxen von Opfern der Terroranschläge vom 11. September 2001 abgehört haben.

Freitag, 15. Juli

Die Murdoch-Spitzenmanagerin Rebekah Brooks tritt zurück. Brooks war zuletzt Chefin der britischen News-Corporation-Zeitungssparte News International. Sie war Chefredakteurin von "News of the World", als die Abhöraffäre ihren Lauf nahm.

Freitag, 15. Juli

Nicht nur Rebekah Brooks, sondern auch der Murdoch-Spitzenmanager Les Hinton hat seinen Rücktritt erklärt. Hinton war News-Corp-Europachef, als die Abhöraffäre ihren Lauf nahm. Zuletzt war er Chef des Dow-Jones-Verlages, der auch zu News Corp. gehört.

Samstag, 16. Juli

Aus offiziellen Unterlagen geht hervor, dass Premierminister David Cameron im vergangenen Jahr häufig mit führenden Vertretern der Medien zusammentraf, davon mehr als 20 Mal mit Beschäftigten Murdochs. Es sei in einem demokratischen Land nicht überraschend, dass es Kontakte zwischen der Führung und ranghohen Medienvertretern gebe, sagte Außenminister William Hague. Rupert Murdoch selbst hat sich in ganzseitigen Zeitungsanzeigen für den Abhörskandal bei seinem Boulevardblatt „News of the World“ entschuldigt. „We are Sorry“ („Es tut uns leid“) lautet die Überschrift des Anzeigentextes, der in allen landesweit erscheinenden Zeitungen Großbritanniens geschaltet worden war.

Sonntag, 17. Juli

Die Polizei nimmt Rebekah Brooks wegen Korruptionsverdachts fest. Sie gilt als enge Vertraute von Medienmogul Rupert Murdoch und war bis 2003 Chefredakteurin der eingestellten Skandalzeitung „News of the World“. Brooks hatte sich vor der Affäre vor allem durch ihre exzellenten Kontakte in die Politik ausgezeichnet. Sie konnte zwölf Stunden später wieder gehen.

Sonntag, 17. Juli

Nach Brooks Festnahme hatte Scotland-Yard-Chef Paul Stephenson am Abend überraschend seinen Rücktritt bekanntgegeben. Er war in die Kritik geraten, weil er sich einen Kur-Aufenthalt teilweise hatte bezahlen lassen.

Montag, 18. Juli

Die Nachfolgediskussion um den angeschlagenen Medienmogul Rupert Murdoch bekommt neues Futter. Nach einem Bericht der Finanz-Nachrichtenagentur Bloomberg könnte der fürs Tagesgeschäft von Murdochs News Corp. zuständige Chase Carey den 80-jährigen Firmenchef beerben. Es sei aber noch nichts entschieden, hieß es am späten Montag (Ortszeit) unter Berufung auf eingeweihte Personen.

Was ist der Kern der Vorwürfe? Die enge Verzahnung eines Medienmoguls mit der Politik. Das aber war immer bekannt. Tony Blair flog nach Australien, um sich von Murdoch den Segen für seinen Wahlkampf zu holen. Sein Nachfolger Gordon Brown bemühte sich ebenfalls verzweifelt um die Gunst Murdochs. Jetzt klagte er unter Tränen, Murdoch-Journalisten hätten sich heimlich die Krankenakte seines Kindes besorgt und sein Konto ausgespäht.

Der amtierende konservative Premier machte einen Murdoch-Journalisten zum Pressesprecher, feierte mit einer Managerin Weihnachten und speiste zwölf Mal mit Murdoch-Leuten auf seinem Amtssitz. So viel Ehre erfuhr sonst niemand.

Jeder weiß, dass eine strikte Trennung von Politik und Medien zur Substanz einer Demokratie gehört. Jeder Beteiligte weiß auch, dass diese Trennung oft schwierig ist. Kein Medium ist davor restlos gefeit. Man erhält Exklusives und schont den entsprechenden Politiker. Aber zumindest in Deutschland gerät diese Balance selten so aus den Fugen, wie wir es jetzt in England sehen.

Auch eine falsche Vorstellung von Macht und Einfluss spielt eine Rolle. Deutsche Spitzenpolitiker gewannen locker Wahlen gegen bestimmte Medien. Adenauer oder Kohl führten Wahlkämpfe offensiv gegen die "Hamburger Magazine", Brandt gegen den vermeintlichen "Feind" Springer. Politische Kampagnen von Medien sind selten erfolgreich. Sie beschädigen das Ansehen der Zeitung und werden nicht selten mit Auflagenverlusten bestraft. Man darf den Leser nie unterschätzen.

Murdoch gilt als ein leidenschaftlicher Zeitungsmann. Er besitzt weltweit rund 300 und bewahrte durch seinen Instinkt so manche vor dem Tod. Zeitungen sind für ihn Objekte der Unterhaltung, sie dürfen nie langweilig sein, und so öffnete er die Schleusen. Seine Boulevard-Blätter in London oder New York waren immer brutaler, schamloser und schmieriger als die Konkurrenz.

Entsprechende Blätter in Deutschland, Frankreich oder Spanien wirken dagegen wie Organe der Heilsarmee. Vor allem England hat aus guter Tradition sehr liberale Mediengesetze. Sie verführten ihn zu immer schrilleren Artikeln und Schlagzeilen. Gibt es eine Mitschuld des Lesers? Nein, verantwortlich bleibt der Verursacher.

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