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30.04.2013

10:55 Uhr

Musikplattform von Apple

Wolkige Aussichten für iTunes

VonChristof Kerkmann

Mit iTunes hat Apple die Musikbranche umgekrempelt – heute können Nutzer auf der Online-Plattform auch Filme, Apps, Spiele und Zeitungen kaufen oder leihen. Doch an seinem 10. Geburtstag sieht der Shop irgendwie alt aus.

Auch die Beatles sind dabei: Die Musikplattform iTunes hat 35 Millionen Songs im Angebot. Vor zehn Jahren startete sie mit 200.000. Reuters

Auch die Beatles sind dabei: Die Musikplattform iTunes hat 35 Millionen Songs im Angebot. Vor zehn Jahren startete sie mit 200.000.

DüsseldorfApple feiert sich selbst: Im iTunes Store zeigt der Konzern derzeit eine Zeitleiste mit den „Meilensteinen“ seit der Eröffnung vor zehn Jahren im April 2003. Wenn er von „atemberaubenden musikalischen und technologischen Entwicklungen“ spricht, ist das nicht nur Selbstbeweihräucherung. Tatsächlich ist es Apple gelungen, mit der Musikplattform die Branche umzukrempeln und selbst zum größten Musikhändler der Welt zu werden. In der Konzernzentrale in Cupertino wird derzeit allerdings vermutlich nicht nur gefeiert, sondern auch viel gearbeitet: an einer Verjüngung.

Vor zehn Jahren machte die Musikindustrie schwere Zeiten durch. Immer mehr Nutzer saugten hunderte oder gar tausende Songs bei Tauschbörsen wie Napster und dessen Nachahmern herunter – illegal und ohne einen Cent zu zahlen. Die CD-Verkäufe brachen ein. Daran änderten auch die eigenen Online-Dienste der Labels nichts, deren komplizierte Bedienung ebenso abschreckte wie der äußerst strikte Kopierschutz. Die Branche war verzweifelt.

Was fehlte, war ein legales Napster, ein digitaler Musikladen – übersichtlich aufgebaut, mit großem Katalog und fairen Preisen. Steve Jobs erkannte die Chance. Der 2011 verstorbene Apple-Chef liebte Musik und suchte gleichzeitig nach einer Möglichkeit, den Nutzern den iPod schmackhaft zu machen. Mit Charme, Chuzpe und Verhandlungsgeschick gelang es Jobs, den Plattenbossen einen bis dato undenkbaren Lizenz-Deal abzuringen: Alle Songs im iTunes Store sollten 99 Cent kosten und auch einzeln angeboten werden.

Alles rund um iTunes

Auch die Beatles sind dabei

2003 ging der iTunes Store mit 200.000 Songs an den Start, Apple erweiterte den Katalog aber stetig. Heute stehen rund 37 Millionen Lieder bereit, auch notorische Verweigerer wie die Beatles bieten ihre Musik dort mittlerweile an.

Von den USA aus in alle Welt

Seine Anfänge nahm iTunes in den USA, dem Heimatmarkt von Apple. Doch der iPod-Hersteller expandierte schnell: 2004 ging die Musik-Plattform in Deutschland an den Start, heute ist sie in 120 Ländern verfügbar.

25 Milliarden Songs in zehn Jahren

Die Beliebtheit des iTunes Music Store lässt sich an den Download-Zahlen ablesen. Die erste Milliarde hatte Apple im Februar 2006 zusammen, die zweite im Januar 2007. Im Februar 2013 vermeldete der Konzern, dass die Grenze von 25 Milliarden Songs erreicht sei.

Hollywood trifft Mathevorlesung

Apple hat iTunes inzwischen zu einer großen Videoplattform ausgebaut. Mehr als 65.000 Filme gibt es zum Ausleihen oder Kaufen, zudem mehr als 250.000 TV-Episoden. Zudem bietet Apple über iTunes U Lehrmaterialien an, darunter Videos von zahlreichen Vorlesungen.

Die eigene Musik in der Cloud

Im Cloud-Speicher von iTunes Match können Nutzer für 25 Euro im Jahr ihre eigene Musiksammlung ablegen. So haben sie von anderen Geräten aus Zugriff darauf.

Die Grundlage für den App Store

Auf der iTunes-Infrastruktur baut auch der App Store von Apple auf, in dem Nutzer Anwendungen für iPhone, iPad und iPod touch herunterladen können. Mehr als eine Million Apps stehen zur Verfügung.

Soziales Netzwerk Ping

Keinen Erfolg hatte Apple mit dem Musik-Netzwerk Ping, in dem sich Nutzer mit Freunden über Musik austauschen und Künstlern wie bei Facebook oder Twitter folgen können sollten. 2012 beendete der Konzern das Projekt nach zwei Jahren.

„Kunden möchten nicht als Kriminelle behandelt werden, und die Künstler möchten nicht um die Früchte ihrer Arbeit betrogen werden“, sagte Apple-Chef Steve Jobs bei der Präsentation der Plattform, die Ende April 2003 online ging. „Der iTunes Music Store bietet eine Lösung für beide.“ Später ließ Apple flexiblere Preise zwischen 69 Cent und 1,29 Euro zu – im Gegenzug verzichteten die Labels auf den Kopierschutz.

Die Musikbranche sah iTunes zunächst als Experiment, hatte Apple im PC-Geschäft doch nur einen Marktanteil von fünf Prozent. „Wir erklärten, dass der Schaden ziemlich begrenzt wäre, wenn der Store floppt“, erinnerte sich Jobs später im Gespräch mit seinem Biografen Walter Isaacson. Doch schon bald gab es die Software auch für Windows-Rechner – der entscheidende Schritt für den durchschlagenden Erfolg. Heute hat iTunes 435 Millionen registrierte Nutzer und ist der größte Musikhändler der Welt.

Doch iTunes ist mehr als ein Online-Kaufhaus. Der Konzern veränderte damit innerhalb weniger Jahre, wie die Menschen Musik nutzen. Er förderte einerseits die Bereitschaft, für digitalisierte Inhalte Geld auszugeben. Andererseits schnürte er das Paket auf und verkaufte einzelne Lieder statt ganzer Alben.

Steve Jobs - Stationen seines Lebens

Der Visionär

56 Jahre alt ist Steve Jobs geworden, dann starb der Apple-Gründer im Kreise seiner Familie. Ein Überblick über wichtige Stationen im Leben und in der beruflichen Laufbahn des Computer-Visionärs.

Kindheit und Jugend

Stephen Paul Jobs kommt am 24. Februar 1955 zur Welt. Seine leiblichen Eltern geben ihn zur Adoption frei, Paul und Clara Jobs nehmen ihn auf - er ist Automechaniker, sie ist Büroangestellte. 1972 schreibt sich Steve im Reed College in Portland im US-Staat Oregon ein, er bricht das Studium aber nach einem Semester ab. Er experimentiert mit Drogen und beschäftigt sich mit dem Hinduismus. 1974 nimmt er einen Job beim Videospiele-Hersteller Atari an und besucht zusammen mit seinem einige Jahre älteren Schulfreund Steve Wozniak Treffen des Homebrew Computer Clubs.

Von der Garage an die Börse

Kein Scherz: Jobs und sein Kumpel Steve Wozniak gründeten die Firma Apple Computer am 1. April 1976. Der dritte, heute fast vergessene Gründer war Ron Wayne. In einer Garage im Silicon Valley bauten die beiden den Prototypen des Apple I, der im Sommer für einen Preis von 666,66 Dollar auf den Markt kommt. 1977 stellt das Unternehmen den Apple II vor, den ersten Heimcomputer, der Farbgrafiken generieren kann. Er bringt den Durchbruch und einen Jahresumsatz von einer Million Dollar. 1980 geht Apple an die Börse, Jobs wird zum Multimillionär. Zwei Jahre später steigt der Jahresumsatz auf eine Milliarde Dollar. Jobs' Freundin Chrisann Brennan bringt 1978 die gemeinsame Tochter Lisa zur Welt.

Jobs gibt die Kontrolle ab

Mit dem Börsengang geben die Gründer die Mehrheit ab. Ein erfahrener Manager soll an die Unternehmensspitze - Jobs wirbt 1983 für den Posten des Apple-CEO John Sculley von Pepsico ab. Apple entwickelt den Computer Lisa, der aber zum Misserfolg wird und nach zwei Jahren wieder vom Markt verschwindet. Anfang 1984 kommt der erste Mac auf den Markt, den ein Team um Steve Jobs entwickelt hat. Vermarktet wird der Rechner mit einem mittlerweile berühmten Werbespot von Regisseur Ridley Scott. Ein Jahr später kommt es zum Zerwürfnis zwischen Jobs und Sculley, das zu Jobs' Rücktritt führt. Auch Wozniak verlässt das Unternehmen.

Jobs ohne Apple: Next und Pixar

Im Herbst 1985 verlässt Jobs mit einigen Vertrauten Apple und gründet Next. Das Unternehmen entwickelt hochwertige, teure Computer, die sich schlecht verkauften. 1993 stellt Next die Hardware-Produktion ein und konzentriert sich auf Software. Mehr Erfolg hat Jobs mit dem Trickfilmstudio Pixar, das er für zehn Millionen Dollar kauft. Die Firma bringt 1995 „Toy Story“ in die Kinos, den erste vollständig computeranimierten Film. Bald danach geht die Firma an die Börse. 2006 verkauft wird Pixar für 7,4 Milliarden Dollar an Disney verkauft. Jobs wird größter Einzelaktionär des Unterhaltungsriesen. 1991 heiratet er Laurene Powell, mit der er drei Kinder bekommt.

Apple ohne Jobs: Krisenzeiten

Apple und IBM gehen 1991 eine Kooperation zur Entwicklung neuer Microprozessoren und Software ein. Apple stellt das PowerBook vor, das einigen Erfolg hat. 1993 stellt das Unternehmen den Newton vor, einen tragbaren Computer. 1995 kommen die ersten Mac-Klone anderer Anbieter heraus. Unter dem Druck der Windows-Konkurrenz rutscht Apple in die roten Zahlen, schließlich wird CEO Sculley im Februar 1996 vom bisherigen Apple-Präsidenten Michael Spindler abgelöst.

Die Rettung von Apple

Apple braucht 1996 dringend ein neues Betriebssystem und kauft Jobs' Unternehmen Next für 430 Millionen Dollar. Ein Jahr später kehrt Steve Jobs zu Apple als Berater und bald als De-Facto-Chef zurück - er nennt sich iCEO: Interimschef. Jobs krempelt das Management des fast insolventen Unternehmens um und räumt die Produktpalette auf, die Mac-Klone werden eingestellt. 1998 kehrt Apple in die Gewinnzone zurück und stellt den iMac vor. Im Jahr 2000 wird Jobs wieder CEO.

iPod, iPhone, iPad

In wenigen Jahren krempelt Apple mehrere Branchen um. 2001 kommt der iPod heraus, zwei Jahre später geht die Musik-Plattform iTunes wird mit 200.000 Songs für jeweils 99 Cent online. In der ersten Woche werden eine Million Songs verkauft. 2007 folgt das iPhone, das den Handymarkt revolutioniert. Menschenmassen warten in der Nacht vor dem Verkaufsstart vor den Geschäften, um eines der ersten Telefone zu erwerben. 2010 kommt das iPad heraus - es wird zu einem Renner: 15 Millionen Exemplare gehen in nur neun Monaten über den Ladentisch. Mit dem iPad wird die neue Kategorie der Tablet-Computer begründet.

Zweifel an Jobs' Gesundheit

Im Herbst 2003 erfährt Jobs, dass er Bauchspeicheldrüsenkrebs hat. Mehrere Monate versucht er, die Erkrankung ohne die Methoden der Schulmedizin zu bekämpfen. Erst 2004 unterzieht er sich einer Operation. Die Sorge um Jobs' Gesundheit bleibt und bewegt sogar den Aktienkurs von Apple. 2009 erklärt der CEO seinen deutlich sichtbaren Gewichtsverlust mit einem behandelbaren hormonellen Ungleichgewicht und bekräftigt, Apple weiterhin zu führen. Im selben Jahr unterzieht er sich einer Lebertransplantation.

Abschied in Raten

Im Januar 2011 kündigt Jobs einen befristeten Ausstieg aus dem Tagesgeschäft aus gesundheitlichen Gründen an, hält aber an seinem Amt als CEO fest und stellt fest, dass er an strategischen Entscheidungen weiterhin beteiligt ist. Im August veröffentlicht Apple eine Erklärung, nach der Jobs als CEO zurücktritt und in den Aufsichtsrat des Unternehmens wechselt. Am 5. Oktober 2011 stirbt der Apple-Gründer.

Mangels Alternativen blieb der Musikbranche nicht viel übrig, als einen Teil ihres Geschäftes mit lukrativen CDs gegen den wenig profitablen Einzelverkauf von 99-Cent-Songs zu tauschen. So wundert es nicht, dass die Branche angesichts des Preisverfalls weiter schrumpfte. Erst 2012 machte sie erstmals nach 13 Jahren wieder ein kleines Plus und erzielte 16,5 Milliarden Dollar Umsatz - vor allem dank des digitalen Vertriebs.

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