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07.08.2014

08:58 Uhr

Nach EU-Urteil

Google vergisst auch Wikipedia

Das „Recht auf Vergessen“ trifft auch die Online-Enzyklopädie Wikipedia: Google hat Links auf die Webseiten des Lexikons löschen müssen. Wikipedia setzt sich dagegen mit Transparenz zu Wehr – und bedankt sich bei Google.

Google muss vergessen – auch Wikipedia-Einträge. dpa

Google muss vergessen – auch Wikipedia-Einträge.

DüsseldorfDas „Recht auf Vergessen“ trifft auch die Online-Enzyklopädie Wikipedia: Die Suchmaschine Google hat Links auf die Webseiten des Lexikons in der Anzeige der Suchergebnisse löschen müssen. Wikipedia setzt sich dagegen mit Transparenz zu Wehr – und veröffentlicht auf einer eigenen Seite die Beiträge, die sich nicht mehr ergoogeln lassen.

In einem wegweisenden Urteil hatte der Europäische Gerichtshof entschieden, dass Internetnutzer Links bei Suchmaschinen wie Google, Yahoo oder Bing entfernen lassen können. Seit einigen Wochen nun löschen die Konzerne fleißig, allen voran Google. Doch nicht alle sind damit einverstanden. Dazu zählt auch die Enzyklopädie Wikipedia. Kein Wunder: Ihr Erfolg beruht auch darauf, dass die Einträge schnell gefunden werden. Werden Links zu den Online-Artikeln des Lexikons gelöscht, gelangen weniger Nutzer auf die Webseite.

Wikipedia hat sich deshalb dazu entschieden, die Löschungen öffentlich zu machen. Google benachrichtigt die Unternehmen, die von der Entfernung eines Links betroffen sind. Ob das alle Suchmaschinen machen, ist nicht klar. Wikipedia schreibt dazu nur so viel: „Wir kennen den Ablauf anderer Suchmaschinenprozesse nicht und auch nicht die Nummer der Anträge, die die Suchmaschinen erhalten und denen sie stattgegeben haben.“ Da nicht alle Suchmaschinen Notizen schickten, wisse man diejenigen zu schätzen, die „unser Engagement zur freien Rede und Transparenz teilen“, heißt es weiter. Zu ihnen gehört Google.

Wie man Google-Ergebnisse löschen lässt

Urteil mit Folgen

Es ist ein wegweisendes Urteil: Der Europäische Gerichtshof (EuGH) hat im Mai 2014 entschieden, dass Google unter bestimmten Umständen Verweise auf Internetseiten mit sensiblen persönlichen Informationen aus der Ergebnisliste seiner Suchmaschine entfernen muss. Profitieren sollen vor allem normale Bürger – also nicht Promis, Sportler oder Wirtschaftslenker, an denen die Öffentlichkeit ein Interesse hat.

Wann gelöscht werden muss

Links müssen entfernt werden, wenn seit der Veröffentlichung Jahre verstrichen sind oder die Informationen nicht mehr ihrem ursprünglichen Zweck entsprechen, entschied der EuGH.

Erst an Google wenden...

Um einen Link aus der Ergebnis-Liste streichen zu lassen, müssten Betroffene sich zuerst direkt an Google wenden. Der Suchmaschinenriese hat ein Online-Formular entwickelt, über das Nutzer ihre Anfragen einreichen können.

... dann an die Datenschützer

Lehnen die Betreiber der Suchmaschine eine Löschung ab, wären die Datenschützer die nächsten Ansprechpartner. Da Google seine deutsche Niederlassung in Hamburg hat, würde man sich an den Hamburger Datenschutzbeauftragten wenden. Der Datenschützer kann auch im Namen der Betroffenen klagen.

Im Zweifel entscheiden Gerichte

Im Einzelfall müssten Gerichte klären, wann ein Verweis entfernt werden muss, erklärte der EuGH. Dabei müsse ein angemessener Ausgleich zwischen den Interesse der Internet-Nutzer an Informationen und den Grundrechten der betroffenen Person gefunden werden. Dieser Ausgleich könne auch angesichts der Rolle einer Person im öffentlichen Leben unterschiedlich ausfallen, schränkten die Richter ein.

Positive Reaktionen der Politik...

Die überwiegende Mehrheit der Politiker begrüßte das Urteil. Bundesjustizminister Heiko Maas lobte eine Stärkung der Datenschutzrechte, die EU-Kommission sah nicht nur die Situation der EU-Bürger verbessert, sondern auch die eigene Position untermauert.

... und Bedauern bei Google

Google kritisierte das Urteil des EuGH erwartungsgemäß. „Diese Entscheidung ist nicht nur für Suchmaschinen enttäuschend, sondern auch für alle, die Inhalte online publizieren“, sagte ein Google-Sprecher. Der Konzern sei sehr überrascht, dass das Urteil so stark von der vorherigen Einschätzung des Generalanwalts abweiche und dessen Warnungen unberücksichtigt lasse.

Auf einer eigens dafür eingerichteten Seite teilt Wikipedia nun die Beiträge, die über die Suchmaschine nicht mehr zu finden sind. Die Webseite gibt es bislang nur auf Englisch und nennt sich „Notices received from search engines“ (übersetzt etwa: Mitteilungen von Suchmaschinen). Die Liste der gelöschten Links ist demnach noch nicht sonderlich lang: Zwei Links auf englische und zwei Links auf italienische Beiträge wurden entfernt. Für die Niederlande wurden dem Online-Lexikon aber gleich mehrere Link-Löschungen bekanntgegeben.

Bis Mitte Juli erreichten Google insgesamt 91.000 Löschanträge. Darin wurde das Entfernen von 328.000 Links gefordert. Demnach kamen 17.500 Löschanträge aus Frankreich, 16.500 aus Deutschland und weitere 12.000 aus Großbritannien. Jeder dritte Löschantrag wurde nach Angaben des Unternehmens abgelehnt.

Wikipedia machte in seinem Artikel darauf aufmerksam, dass nicht bekannt sei, wer einen Link entfernen ließe. Das Online-Lexikon forderte in seinem Beitrag auch andere Suchmaschinen dazu auf, die gelöschten Links an die betroffenen Webseitenbetreiber weiterzugeben. Zwangszensur sei nicht akzeptabel, aber Zwangszensur ohne Benachrichtigung sei unverzeihlich.

Google-Löschung: Warum das Netz trotzdem nicht vergisst

Video: Google-Löschung: Warum das Netz trotzdem nicht vergisst

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