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09.04.2013

12:32 Uhr

Nachrichtenmagazin

Spiegel schasst Chefredakteure

Das Nachrichtenmagazin Spiegel steht ohne Chefredakteure da. Mit sofortiger Wirkung wird die Doppelspitze aus Georg Mascolo und Mathias Müller von Blumencron beurlaubt. Über Nachfolger gibt es bislang nur Gerüchte.

Ein Bild aus den Zeiten des gemeinsamen Antritts als Spiegel-Chefredakteure: Mathias Müller von Blumencron (links) und Georg Mascolo. dpa

Ein Bild aus den Zeiten des gemeinsamen Antritts als Spiegel-Chefredakteure: Mathias Müller von Blumencron (links) und Georg Mascolo.

HamburgDer Streit über das Zusammenspiel von Druckausgabe und Online-Angeboten des "Spiegel" kostet beide Chefredakteure den Job. Der Verlag trennte sich am Dienstag von Georg Mascolo, der das gedruckte Magazin verantwortet, und Digital-Chef Mathias Müller von Blumencron. Grund seien unterschiedliche Auffassungen zur strategischen Ausrichtung, hieß es in der Verlagsmitteilung. Über die Nachfolge werde in Kürze entschieden. Mascolo und Müller von Blumencron hatten im Februar 2008 nach monatelanger Hängepartie den langjährigen Chefredakteur Stefan Aust abgelöst.

Angesichts rückläufiger Auflagen und der Verwöhnung der Leser mit Gratis-Berichten im Internet ringt die Spiegel-Gruppe seit Jahren um eine neue Strategie. Mascolo (48) hat Medienberichten zufolge auf einen größeren Anteil kostenpflichtiger Online-Inhalte gedrungen. Müller von Blumencron (52) soll durch einen solchen Schritt einen Attraktivitätsverlust des Internetportals "Spiegel Online" befürchtet haben. Eine Verlagssprecherin wollte sich am Dienstag nicht dazu äußern.

Die Zeitungskrise

Deutschland, Zeitungsland

Trotz aller Hiobsbotschaften aus der Medienbranche ist Deutschland immer noch ein Zeitungsland: Nach aktuellen Angaben des Bundesverbandes deutscher Zeitungsverleger (BDZV) gibt es hier 315 lokale und regionale Abonnementzeitungen, 10 überregionale Blätter sowie 8 Straßenverkaufszeitungen, vor allem die „Bild“.

Die Auflagen sinken

Doch die meisten Blätter verlieren von Jahr zu Jahr an Auflage. Im zweiten Quartal 2013 wurden pro Erscheinungstag 20,64 Millionen Tageszeitungen verkauft, wie aus einer Erhebung der IVW hervorgeht. Das sind rund 4 Prozent weniger als im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Darin sind rund 0,38 Millionen E-Paper-Ausgaben enthalten. Bei den Wochenzeitungen zeichnet sich ein ähnlicher Trend ab: Die verkaufte Auflage sank um rund 20.000 auf 1,73 Millionen Exemplare.

Der Werbemarkt schwächelt

Die sinkende Auflage trifft die Zeitungen gleich doppelt: Zum einen sinken die Vertriebserlöse, wenn die Verlage den Verkaufspreis nicht anheben (was in den letzten Jahren aber viele getan haben). Zum anderen verdienen sie weniger mit den Anzeigen – deren Preis richtet sich nach der Reichweite. Während der Gesamtwerbemarkt 2012 um 0,9 Prozent schrumpfte, verzeichneten die Zeitungen einen Umsatzrückgang von 9,1 Prozent auf 3,5 Milliarden Euro. Fürs laufende Jahr erwartet der Zentralverband der Deutschen Werbewirtschaft, dass die Verlage maximal eine schwarze Null erreichen.

Rubrikenmärkte wandern ins Netz ab

Mit Kleinanzeigen, Stellenausschreibungen und Autoanzeigen haben die Verlage jahrzehntelang gutes Geld verdient. Doch die Rubrikenmärkte sind weitgehend ins Internet abgewandert – viele der Portale gehören nicht Verlagen, sondern anderen Akteuren. Hier gibt es nur wenige Ausnahmen. Im Online-Geschäft sehr aktiv ist beispielsweise der Axel-Springer-Verlag, ihm gehören das Immobilienportal Immonet und das Stellenportal Stepstone.

Digitale Produkte gleichen Minus nicht aus

Die große Hoffnung auf den Verkauf digitaler Ausgaben hat sich bislang nicht erfüllt. Zwar verkaufen sich E-Paper immer besser, im zweiten Quartal 2013 waren es rund 380.000 Exemplare. Doch das ist zu wenig, um den Rückgang der Printauflage aufzufangen. Die Reichweite der Web-Portale steigt zwar, doch die Werbeeinnahmen gleichen das Umsatzminus nicht aus. Viele Verlage hoffen, mit Bezahlmodellen im Netz mehr Geld zu erwirtschaften.

Hoffnung auf die große Reichweite

„Gedruckt, online und mobil erreichen die Zeitungen aktuell ein Publikum, das so groß ist wie nie zuvor“, erklärt der BDZV. Auf diese Reichweite hoffen die Verleger. Als Chancen nennt der Verband das Digitalgeschäft, aber auch neue Geschäftsfelder wie Aus- und Weiterbildung oder Veranstaltungsmanagement. Allerdings haben viele Verlage mit diversen Sparrunden das Personal stark ausgedünnt – das erschwert die Umsetzung neuer Ideen.

Bezahlinhalte als Ausweg?

Immer mehr Verlage hoffen, mit Bezahlinhalten den Umsatz steigern zu können. Beim „metered model“, das etwa die „Welt“ verwendet, dürfen die Leser nur eine bestimmte Zahl an Artikeln kostenlos lesen – danach müssen sie ein Abo abschließen. Und die „Bild“ stellt nur einen Teil der Artikel kostenlos ins Netz, andere Beiträge bekommen nur zahlende Kunden zu sehen.

Die Redaktionsleitung des gedruckten "Spiegel" sollen nun bis auf Weiteres die stellvertretenden Chefredakteure Klaus Brinkbäumer und Martin Doerry übernehmen. Das Nachrichtenangebot im Internet wird weiter von Rüdiger Ditz verantwortet, der unter Digital-Chef Müller von Blumencron bisher schon Chefredakteur von "Spiegel Online" war.

Anlass zu Spekulationen über einen Zwist in der Chefredaktion gab bereits eine Neuaufteilung 2011: Nachdem die beiden langjährigen "Spiegel"-Journalisten zunächst als Doppelspitze angetreten waren, wurden die Verantwortlichkeiten damals getrennt. Mascolos Domäne wurde das gedruckte Heft, während Müller von Blumencron die Verantwortung für alle Digitalangebote übernahm.

"Dass über die wichtigen Themen, zum Beispiel unsere publizistische Zukunft im digitalen Zeitalter, leidenschaftlich diskutiert und gestritten wird, gehört zur Kultur dieses Hauses", hatte Geschäftsführer Ove Saffe der "Süddeutschen Zeitung" im November vergangenen Jahres gesagt und angekündigt: "Der 'Spiegel' und 'Spiegel Online' werden ab sofort deutlich enger zusammenarbeiten."

Das ist aus Sicht der Gesellschafter offensichtlich nicht gelungen - Mascolo und Müller von Blumencron wurden laut Mitteilung "mit sofortiger Wirkung abberufen und beurlaubt". Die Verlagsgruppe gehört zu 50,5 Prozent den Mitarbeitern. 25,5 Prozent hält die Bertelsmann -Tochter Gruner + Jahr, die übrigen 24 Prozent liegen bei den Erben des 2002 gestorbenen Gründers Rudolf Augstein.

Saffe hatte in dem Interview weiter sinkende Erlöse in Aussicht gestellt und deshalb einen Stellenabbau nicht ausgeschlossen. Der "Spiegel" müsse sparen, um solide Ergebnisse zu erwirtschaften und damit seine publizistische Unabhängigkeit zu sichern.

Kommentare (4)

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Account gelöscht!

09.04.2013, 12:45 Uhr

Klaus Brinkbäumer hat erfahrung mit Steuersündern, und Martin Doerry kann die Deutsche Geschichte wieder benutzen für Berichte.

Aristoteles

09.04.2013, 13:43 Uhr

Habe irgendwo gelesen, Schirrmacher (FAZ) ist ante portas.

Account gelöscht!

09.04.2013, 14:54 Uhr

Vielleicht setzt man mal jemanden in diese Position ein, der etwas gut findet? Der Spiegel ist in den letzten Jahren zu einem unheimlich flachen Miesepetermagazin verkommen. Ich hab's aufgegeben, das Blatt zu lesen denn bislang bin ich ohne Antidepressiva durch's Leben gekommen.....

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