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17.06.2014

16:58 Uhr

Neue Anforderungen an Schreiber

Wikipedia setzt auf mehr Transparenz

Wikipedia fordert mehr Offenheit von seinen Schreibern: Wer im Auftrag für ein Unternehmen Wikipedia-Einträge schreibt oder ändert, muss die bezahlte Bearbeitung offenlegen. So sollen einseitige Texte verhindert werden.

Wikipedia nimmt seine Schreiber genauer unter die Lupe. dpa

Wikipedia nimmt seine Schreiber genauer unter die Lupe.

BerlinWer im Auftrag eines Unternehmens oder einer Werbeagentur Artikel bei der Wikipedia ändert, muss das künftig öffentlich machen. Die Wikimedia-Stiftung, die hinter dem bekannten Online-Lexikon steht, verkündete am Montag eine solche Änderung der Nutzungsbedingungen.

„Wenn Sie für Ihre Bearbeitung bezahlt werden, müssen Sie diese bezahlte Bearbeitung offenlegen“, heißt es in dem Eintrag auf dem Wikimedia-Blog. Das müsse auf dem Nutzerprofil und in der Erklärung zur Bearbeitung eines Artikel vermerkt werden. Die neuen Regeln sollten helfen, einseitige Artikel zu verhindern. Die Wikipedia veröffentlichte bereits vergangene Woche eine Vereinbarung mit mehreren großen PR-Firmen, die versprachen, sich an die Nutzungsbedingungen zu halten.

Alles rund um Wikipedia

Nicht-kommerzielles Projekt

Wikipedia ist ein nicht-kommerzielles Projekt - hinter dem Online-Lexikon steht eine amerikanische Stiftung, die Wikimedia Foundation. Wikipedia-Mitgründer Jimmy Wales richtete sie 2003 ein und übertrug ihr die Namensrechte, die zuvor bei ihm und seiner Firma Bomis gelegen hatten. Etliche nationale Organisationen unterstützen die Stiftung, in Deutschland beispielsweise der Verein Wikimedia Deutschland.

Finanziert mit Spenden

Wikimedia kümmert sich um die Server, entwickelt die Software-Plattform weiter und fördert freies Wissen, etwa durch Projekte in Schulen und Universitäten. Die Stiftung finanziert sich vor allem über Spenden – Werbung wird auf der vielbesuchten Wikipedia-Website nicht geschaltet.

Freie Lizenzen

Die Inhalte von Wikipedia und Schwesterprojekten wie der Bilddatenbank Commons erschaffen und verwalten Freiwillige unter freier Lizenz. Das heißt: Prinzipiell darf sie jeder nutzen.

Lexikon zum Mitmachen

Wikipedia ist ein Lexikon zum Mitmachen. Es ist das bekannteste Beispiel für Wiki-Software: Es handelt sich um Webseiten, die jeder Benutzer ohne großen Aufwand bearbeiten kann. Alles was er dafür braucht, ist ein Browser. Die Veränderungen sind in der Regel sofort sichtbar. Alte Versionen werden abgespeichert, jeder Schritt kann nachvollzogen werden. Aber auch immer mehr Firmen nutzen das Wiki-Prinzip, etwa fürs Wissensmanagement.

Diskussionen über Relevanz

Platz ist theoretisch für alle Themen – allerdings löscht die Gemeinschaft Artikel, die sie für nicht relevant hält. Gerade in Deutschland gibt es teilweise heiße Debatten darüber, ob ein Thema einen Eintrag verdient oder nicht.

Prominente Irrtümer

Viele Wikipedia-Artikel sind genau so akkurat wie ihre Gegenstücke im Brockhaus oder der Encyclopaedia Britannica. Die Autorengemeinschaft pflegt aktuelle Ereignisse nicht selten binnen kürzester Zeit ein und bügelt Fehler meist schnell wieder aus. Wenn die „Weisheit der Vielen“ versagt, kann es allerdings zu peinlichen Pannen kommen. So jubelte ein Scherzbold Theodor zu Guttenberg kurzzeitig einen zusätzlichen Vornamen unter, was einige Medien offenbar ungeprüft übernahmen. Politiker und Unternehmen haben schon häufiger versucht, ihre Einträge zu schönen.

Geschwister der Wikipedia

Das Online-Lexikon Wikipedia hat diverse Geschwister, die ebenfalls unter dem Dach der Wikimedia-Stiftung ein Zuhause finden. Sie gibt es Commons, eine Datenbank für Medien– vor allem Fotos, aber auch Videos, Landkarten und Grafiken. In Wikiquote sammeln die Nutzer Zitate von mehr oder weniger berühmten Persönlichkeiten. Wikiversity ist eine Online-Plattform „zum gemeinschaftlichen Lernen, Lehren und Forschen“. Seit kurzem gehört auch der Online-Reiseführer Wikivoyage zur Familie.

Die Wikipedia hatte im Oktober 250 Nutzerprofile gesperrt, die im Verdacht standen, Artikel gegen Geld geschönt zu haben. An der Wikipedia kann grundsätzlich jeder mitschreiben - diese Funktion machten sich offenbar Unternehmen und Organisationen zu nutze.

Gleichzeitig ziehen sich reguläre Mitschreiber zurück: Im Februar 2014 gab es knapp 76 000 aktive Autoren. Vor drei Jahren waren es noch 89 000. Diese Schreiber will die Wikipedia auf jeden Fall behalten. „Wenn Sie Artikel ehrenamtlich und zum Spaß bearbeiten, ändert sich gar nichts. Bitte machen Sie damit weiter!“, heißt es in dem Blogeintrag. Auch Mitarbeiter von Galerien, Museen oder Bibliotheken, die Beiträge zu ihrem Fachgebiet verfassen, können Artikel in der Regel weiterhin ohne Transparenzhinweis bearbeiten.

Die Wikimedia-Stiftung will nun im Auge behalten, ob die neuen Regeln Wirkung zeigen. Sie gelten neben der Wikipedia auch für die anderen Projekte der Wikimedia, wie etwa die Zitatesammlung Wikiquote.

Von

dpa

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