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26.03.2013

09:35 Uhr

Neue Internet-Endungen

www.meine.adresse

VonChristof Kerkmann

Das Internet wird unübersichtlicher: In den nächsten Monaten kommen hunderte neue Adress-Endungen wie .nrw, .pizza oder .app. Damit Firmen ihre Namen schützen können, eröffnet jetzt eine Art virtuelles Markenamt.

Mehr Vielfalt im Internet: Bald gibt es neue Adress-Endungen. Für Markeninhaber wird es damit allerdings unübersichtlicher. dpa

Mehr Vielfalt im Internet: Bald gibt es neue Adress-Endungen. Für Markeninhaber wird es damit allerdings unübersichtlicher.

DüsseldorfDas Internet steht vor einer historischen Veränderung: Hunderte neue Endungen für Web-Adressen gehen in den nächsten Monaten online. Neben .com und .de könnten .pizza und .app, .berlin und .tokyo, .volkswagen und .apple treten – und viele andere mehr. Diese neue Vielfalt bereitet aber vielen Unternehmen mit bekannten Marken Sorgen: Je mehr Endungen es gibt, desto mehr müssen sie aufpassen, dass Piraten und Trittbrettfahrer nicht ihren guten Namen missbrauchen. Eine Art virtuelles Markenamt, das Trademark Clearinghouse, soll das Chaos verhindern. Am heutigen Dienstag eröffnet es.

Aussagekräftige Web-Adressen sind ein wertvolles Gut, trotz Suchmaschinen und Sozialen Netzwerken. „Die Verbraucher nutzen vielleicht Facebook statt einer eigenen Website, aber für Unternehmen sind Web-Adressen ein Anker im Netz“, sagt Jonathan Robinson vom Internet-Dienstleister Afilias, der rund um die Vermarktung von Domains ein Geschäft aufgebaut hat. Anders gesagt: Wer sich einen markanten Namen gesichert hat, ist nicht so stark auf Google angewiesen. Denn einprägsame Adressen geben viele Nutzer direkt ein und nicht erst in eine Suchmaschine.

Bei beliebten Kürzeln wird die Auswahl griffiger Adressen langsam eng, etwa bei .com oder auch .de. Die neuen Top Level Domains (TLD) – so der Fachbegriff – sollen wieder mehr Spielraum schaffen. Gleichzeitig bieten sie neue Marketing-Möglichkeiten. Die Branche der Domain-Vermarkter hofft auf gute Geschäfte, einige Firmen haben schon hunderttausende Vorbestellungen gesammelt.

Neue Vielfalt im Netz

Fast 2000 Bewerbungen

Die Internet-Verwaltung Icann lässt neue Endungen für Internet-Adressen zu. Nach jahrelangen zähen Verhandlungen nahm die nicht-kommerzielle Organisation 2012 Bewerbungen für die sogenannten Top Level Domains entgegen, also den Adressteil hinter dem Punkt. 1930 Anträge gingen ein. „Das Internet wird sich für immer verändern“, sagte ICANN-Chef Rod Beckstrom.

Internationale Konzerne...

Für die Bewerbung wird allein schon eine Gebühr von 185.000 Dollar fällig. Da überrascht es nicht, dass viele große Unternehmen mit entsprechendem Marketingbudget unter den Bewerbern sind. Etwa die amerikanischen Technologie-Riesen Apple, Dell, Intel und Microsoft, oder die Autohersteller Chrysler, Fiat, Seat, Honda und Volkswagen. Oder die Modehersteller Calvin Klein und Zara. Am meisten Bewerbungen haben übrigens Amazon und Google abgegeben: Der Online-Händler will 76 Adressen, der Suchmaschinen-Riese gar 100.

... und deutsche Unternehmen

Auch etliche deutsche Unternehmen und Organisationen wollen eine eigene Domain – vom Autohersteller bis zum Verlag. Der Vollständigkeit halber ist hier die ganze Liste:

Aco, Allfinanz, ADAC, Bauhaus, Blanco, Boehringer, Bosch, Bosch Rexroth AG, Deutsche Post, dotHIV, dotImmobilie GmbH, dotVersicherung-registry, DVAG, Edeka, Fresenius, GEA, GMX, IFM Electronic GmbH, KSB Aktiengesellschaft, Lidl, Linde, myLLC GmbH, MAN, Merck, NetCologne, Obi, RWE, Schaeffler, SAP, Schwarz Domains und Services, SEW Eurodot, Spiegel Verlagsgruppe, Stada Arzneimittel, TUI, Volkswagen

Berlin, Tokio und das Saarland

ICANN erlaubt künftig neben Länderkürzeln wie .de auch andere geografische Beschreibungen als Top Level Domains, von .africa bis .zuerich. In Deutschland gibt es Bewerbungen für Hamburg, Köln und Berlin, Bayern, NRW, das Ruhrgebiet (.ruhr) und das Saarland.

Apps und Pizza sind umkämpft

Für 230 Endungen gingen mehrere Bewerbungen ein. Besonders umkämpft sind .app, .home, .inc und .art, die jeweils zehn oder mehr Unternehmen haben wollen. Beliebt sind auch .pizza, .restaurant, .game oder .gmbh. Können sich die Bewerber nicht auf ein gemeinsames Verfahren einigen, versteigert die ICANN die Top Level Domains. Streit gibt es auch um die Endung .book, für die sich Amazon beworben hat: Amerikanische Autoren und Verleger befürchten, der Online-Händler könnte seine dominate Position im Buchhandel noch verstärken.

Virtuelle Aids-Schleife

Die Domain-Endung .hiv hat einen gemeinnützigen Hintergrund: Der Verein dotHIV hat sich darum beworben, um auf den Kampf gegen das Aids-Virus aufmerksam zu machen. Unternehmen können die Aktion unterstützen, indem sie – neben ihrer regulären Web-Adresse – auch die Endung .hiv nutzen und die Gebühr als Spende zur Verfügung stellen. Es handelt sich also um eine Art virtuelle rote Schleife.

Arabisch und Chinesisch

Die neuen Endungen sind nicht auf das lateinische Alphabet beschränkt: Etliche Bewerbungen liegen auch in chinesischer oder arabischer Schrift vor.

Allerdings befürchten viele Unternehmen mit starken Marken, dass sie künftig einen enormen Aufwand treiben müssen, um ihre Rechte zu schützen. Gerade die US-Wirtschaft sträubte sich lange und blockierte die Einführung der neuen TLD. Ihre Sorgen will die Internet-Verwaltung ICANN dämpfen: Die nicht-kommerzielle Organisation schrieb den Auftrag für die Gründung des Trademark Clearinghouse aus. Die Unternehmensberatung Deloitte und der IT-Konzern IBM gewannen sie gemeinsam.

Die beiden Unternehmen haben eine Datenbank entwickelt, in der Unternehmen ihre Markenrechte eintragen lassen können. Wird eine neue TLD eingerichtet, erhalten die Inhaber eine Nachricht – sie können sich dann vorregistrieren. Ein Beispiel: Wenn die Endung .auto online gehen soll, können sich BMW, Daimler und Volkswagen vorab eine Adresse mit ihren Marken sichern. Darüber hinaus bekommen sie auch in den ersten zwei Monaten nach dem offiziellen Start eine Warnung, wenn sich jemand anders eine Adresse mit ihren Namen sichern will.

Top-Level-Domains: Vorhang auf für neue Internet-Adressen

Top-Level-Domains

Vorhang auf für neue Internet-Adressen

Ein „Meilenstein“ in der Historie des Internets werden die neuen Endungen der Adressen.

„Dieses Verfahren ist für Markenbesitzer komfortabel“, sagt Jan Corstens, Partner bei Deloitte. In der Tat kann es Markeninhabern viel Arbeit ersparen: In der kurzen Bewerbungsphase gingen bei der ICANN 1930 Bewerbungen ein (hier die Liste). Zwar ist noch nicht bekannt, welche Bewerbungen das komplexe Verfahren überstehen und welche Unternehmen sich bei umkämpften Endungen wie .app durchsetzen – erste Entscheidungen will die ICANN im April bekanntgeben. Klar ist aber, dass in den nächsten Monaten Dutzende neue TLD online gehen.

„Das Trademark Clearinghouse kann ein Werkzeug zum Schutz von geistigem Eigentum im Internet werden“, ist Corstens überzeugt. Für die Kundschaft hat das allerdings seinen Preis: Pro Marke werden bis zu 150 Euro fällig.

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