Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

03.09.2013

12:14 Uhr

Nokia nach dem Verkauf

Und jetzt wieder Gummistiefel?

VonHelmut Steuer

Vom Gummistiefel- und Reifenproduzenten zum führenden Handy-Hersteller – und jetzt der Verkauf des Mobilfunkgeschäfts an Microsoft. Der Nokia-Konzern muss sich wieder neu erfinden. Und wird dabei ein bisschen deutscher.

Ein Smartphone als es noch keine gab: Der Nokia Communicator aus dem Jahr 2001. Reuters

Ein Smartphone als es noch keine gab: Der Nokia Communicator aus dem Jahr 2001.

StockholmSelbst das finnische Außenministerium konnte sich eines Kommentars nicht enthalten: „Das Ende einer Ära“ betitelte das Ministerium am Dienstag eine Presseerklärung über den Verkauf des einstigen Handy-Weltmarktführers an den amerikanischen Software-Riesen Microsoft. Finnland befindet sich heute in Schockstarre, denn Nokia war und ist der Stolz einer ganzen Nation. Die Aktien indes setzte zu einem gewaltigen Höhenflug an.

Noch vor wenigen Jahren stand der finnische Vorzeigekonzern für fast ein Viertel aller Exporte. Fast jedes zweite Handy auf der Welt stammte von Nokia. Finnland war Nokia, Nokia war Finnland. Der Stolz in dem 5,4 Millionen-Einwohner-Land kannte keine Grenzen. Doch der Erfolg machte blind. Denn Apple kam mit seinem iPhone und der Absturz des einstmals wertvollsten europäischen Unternehmens nahm seinen Lauf. In Finnland wurde schon damals das Ende einer Ära gesehen. Viele ehemalige Nokia-Mitarbeiter gründeten eigene Unternehmen. So entstand beispielsweise Rovio, das mit „Angry birds“ eines der erfolgreichsten Spiele dieses Jahrtausends entwickelte. Die Abhängigkeit von Nokia sank.

Der globale Smartphone-Markt

Gesamtmarkt

Der Smartphone-Markt wuchs 2013 rasant: Die Hersteller setzten laut dem Marktforscher Gartner 968 Millionen Geräte ab, ein Plus von 42,3 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Insgesamt verkauften die Unternehmen 1,8 Milliarden Mobiltelefone, also erstmals mehr Smartphones als einfache Handys.

Samsung

Nach Stückzahlen ist inzwischen Samsung die unangefochtene Nummer eins unter den Smartphone-Herstellern. Die Südkoreaner verkauften im vergangenen Jahr nach Schätzungen der Marktforschungsfirma Gartner 300 Millionen Computer-Handys. Damit kam fast jedes dritte weltweit verkaufte Smartphone von Samsung, wobei der Marktanteil leicht sank. Insgesamt setzte der Konzern 444 Millionen Handys ab.

Apple

Apple war 2013 mit knapp 151 Millionen verkauften iPhones die Nummer zwei im Smartphone-Markt, der Marktanteil rutschte jedoch auf 15,6 Prozent ab.

LG

Fast gleichauf mit Huawei war LG Electronics. Der südkoreanische Hersteller verkaufte rund 46 Millionen Smartphones und verdoppelte fast damit den Absatz, der Markanteil liegt nun bei 4,8 Prozent. Einschließlich einfacher Mobiltelefone verkaufte LG 69 Millionen Geräte (3,8 Prozent Marktanteil).

Lenovo

Lenovo ist bislang vom chinesischen Heimatmarkt abhängig. Der Konzern verkaufte 2013 knapp 44 Millionen Smartphones (4,5 Prozent Marktanteil). Mit der Übernahme von Motorola dürfte der Konzern aber den Absatz künftig deutlich steigern.

ZTE

ZTE verkaufte im zweiten Quartal 10,1 Millionen Smartphones, ein deutliches Plus von 58 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Der Marktanteil liegt bei 4,2 Prozent. Insgesamt setzte der chinesische Hersteller 15,3 Millionen Handys ab.

Nokia

Nokia war 2013 mit 250 Millionen Geräten und 13,9 Prozent Marktanteil immer noch der zweitgrößte Handyhersteller, verlor aber weiter an Boden. Im lukrativen Smartphone-Markt läuft das Unternehmen unter „ferner liefen“. Die Gerätesparte übernimmt Microsoft.

Sonstige

Viele Unternehmen mit klangvollen Namen haben derzeit weniger als 4 Prozent Marktanteil, darunter Sony, HTC und Blackberry.

Als dann vor gut zwei Jahren mit dem Microsoft-Manager Stephen Elop erstmals ein Nicht-Finne das Ruder bei Nokia übernahm und dem Konzern als Rettungsmedizin das Windows-Betriebssystem seines alten Arbeitgebers verschrieb, war vielen bereits klar, dass die Zeit für Nokia ablief. Der Verkauf von der Presse sehr gelobten Lumia-Smartphones lief schleppend an, der Konzern verlor gegenüber Apple und vor allem Samsung immer mehr den Anschluss.

Gerüchte über einen eventuellen Verkauf der Handy-Sparte an Microsoft hat es seit Monaten gegeben. Doch immer wieder hieß es, es seien reine Spekulationen ohne größeren Wahrheitsgehalt. Deshalb schlug die Meldung über den Verkauf der Handy-Sparte für 5,4 Milliarden Euro zumindest zu diesem Zeitpunkt an diesem Morgen in Finnland wie eine Bombe ein. Und das, obwohl Finnen für ihren Pragmatismus bekannt sind.

Gleichzeitig beschäftigt viele Menschen in dem kleinen Land, was mit den Arbeitsplätzen geschieht. Noch sind Details nicht bekannt, es heißt nur, dass etwa 32 000 Nokia-Mitarbeiter zu Microsoft wechseln werden. Der Hauptsitz in Espoo bei Helsinki soll bestehen bleiben. Die Hauptproduktion fand schon lange nicht mehr in Finnland statt.

Kommentare (4)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Account gelöscht!

03.09.2013, 12:30 Uhr

"...Damit wird Nokia ein wenig deutscher..."
Schadenfreude Handelsblatt?

sons_of_liberty

03.09.2013, 14:08 Uhr

"Diese "Nokia Siemens verkauft Repressionsinfrastruktur an den Iran" Geschichte finde ich ja absolut großartig, weil das so schön aufzeigt, was für üble Regime UNS eigentlich so regieren. Hier sagt NSN der BBC sehr treffend:

A spokesman described the system as "a standard architecture that the world's governments use for lawful intercept".

He added: "Western governments, including the UK, don't allow you to build networks without having this functionality."

EXAKT! Das ist der Kernpunkt! Nicht für den Iran wurde diese Technologie erfunden und gebaut. UNSERE üblen Repressionsregimes haben das erfunden, spezifiziert, standardisiert und gesetzlich vorgeschrieben. Wenn der Iran das gegen seine Bürger einsetzt, ist das plötzlich verwerflich? Aber wenn wir das unseren Telcos vorschreiben, ist das rechtsstaatlich OK? Nicht nur ich habe da offensichtlich Verständnisschwierigkeiten und kognitive Dissonanz. "
http://blog.fefe.de/?ts=b4be3c40

donolli

03.09.2013, 14:23 Uhr

Der deal ist nicht durch!
Es bedarf für den Verkauf wesentlicher Geschäftsbereiche einer außerordentlichen HV und da werden die big-boys und Heuschrecken auf den Plan kommen.
Das gibt noch Kapriolen und heftige Kurschwankungen denke ich!

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×