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14.07.2015

21:48 Uhr

Nokia will wieder Handys bauen

Der Saurier kehrt zurück

VonHelmut Steuer

Nokias Sturz vom Handy-Thron war tief und schmerzhaft. Doch der finnische Riese hat sich berappelt – und arbeitet nun am Smartphone-Comeback. Mit altem Glanz und neuer Strategie könnte das sogar gelingen.

Der finnische Konzern will wieder ins Handygeschäft einsteigen. ap

Nokia-Klassiker

Der finnische Konzern will wieder ins Handygeschäft einsteigen.

StockholmFür Lars Söderfjell ist die Sache klar: „Nokia“, sagt der Analyst der finnischen Ålandsbanken, „ist in vielen Teilen der Welt noch immer eine ganz starke Marke“. Der ehemalige Handy-Weltmarktführer aus Espoo bei Helsinki hat am späten Montagabend in einer kurzen Mitteilung bekanntgegeben, dass er nach einem Partner sucht, der die Produktion, den Vertrieb und das Marketing neuer Smartphones unter dem Namen Nokia übernimmt. Der einstige Branchenprimus plant also ein Comeback, nachdem er im vergangenen Jahr seine Handy-Sparte komplett an den US-Software-Riesen Microsoft verkauft hatte.

Zuvor erlebte Nokia, das zu seinen besten Zeiten nahezu jedes zweite Handy auf der Welt produzierte, einen beispiellosen Fall vom Branchenprimus zu einem der größten Verlierer der hartumkämpften Telekommunikationsbranche. Der Konzern hatte die Anziehungskraft von Apples iPhone völlig unterschätzt und sich auf seinen Erfolgen ausgeruht. „Apple versteht doch gar nichts von unserer Branche“, sagte damals ein Nokia-Manager dem Handelsblatt auf die Frage, wie sich denn sein Konzern auf den neuen Konkurrenten vorbereite.

Das schwierige Smartphone-Geschäft von Microsoft und Nokia

Nokia verlor den Anschluss

Nokia prägte einst den Handymarkt mit, doch dann verloren die Finnen den Anschluss. Beim Vormarsch der Smartphones taten sie sich schwer. Das Google-Betriebssystem Android und das iPhone von Apple setzen dem einstigen Marktführer zu.

September 2010

Stephen Elop wechselt von Microsoft an die Nokia-Spitze.

Februar 2011

Nokia gibt die eigene Smartphone-Software Symbian auf. Fortan setzten die Finnen für ihre Computerhandys auf das Microsoft-System Windows Phone. Zuvor hatte Google versucht, Nokia mit ins Boot der Android-Handybauer zu holen.

Juni 2012

Elop kündigt an, 10.000 Arbeitsplätze bei Nokia zu streichen.

Mai 2013

Das Geschäft mit den Windows-Smartphones kommt nicht in Gang. Deren Marktanteil liegt den Marktforschern von IDC zufolge bei 3,2 Prozent. Android-Handys kommen auf 75 Prozent.

September 2013

Microsoft kündigt an, das Handy-Geschäft von Nokia für 3,79 Milliarden Euro kaufen zu wollen.

April 2014

Kurz vor Abschluss des Verkaufs an Microsoft steckt Nokias Handygeschäft tief in den roten Zahlen. Im ersten Quartal verlor die Sparte 347 Millionen Euro.

Mai 2014

Der Verkauf der Handy-Sparte an Microsoft bringt Elop Berichten zufolge als Ex-Nokia-Chef gut 24 Millionen Euro ein.

Juli 2014

Microsoft kündigt den Abbau von 18.000 Stellen an. Mit 12.500 Jobs sind vor allem die Ex-Nokianer betroffen.

Juni 2015

Das Geräte-Geschäft wird mit dem Windows-Bereich zusammengelegt. Stephen Elop verlässt Microsoft bereits wieder.

Juli 2015

Microsoft kündigt den Abbau von weiteren 7800 Mitarbeitern an – vor allem im Handy-Geschäft. Der Konzern schreibt bis zu 7,6 Milliarden Dollar ab.

Das Ergebnis dieser Arroganz ist hinlänglich bekannt: Nokias Weltmarktanteil sank binnen kürzester Zeit von über 40 Prozent auf unter 20 Prozent. Der in höchster Not gerufene neue Nokia-Chef, Stephen Elop, zog die Reißleine und verordnete dem Unternehmen eine bittere Medizin: Neben einem rigorosen Stellenabbau entschied er, dass Nokia künftig Smartphones mit dem Betriebssystem Windows seines alten Arbeitgebers Microsoft herstellen und das hauseigene, aber in die Jahre gekommene Symbian-System verschrotten sollte.

Der Versuch, an alte Glanztage wieder anknüpfen zu können, scheiterte. Die Nokia Lumia-Geräte erwiesen sich als Ladenhüter. Im Herbst 2013 kam dann das, worüber zuvor schon spekuliert worden war. Nokia verkaufte die gesamte Handy-Sparte für knapp 9,5 Milliarden Dollar an Microsoft. In Finnland, wo Nokia zu einer Ikone der Wirtschaft und zum Stolz einer ganzen Nation geworden war, saß der Schock tief.

Mittlerweile haben sich die für ihren Pragmatismus bekannten Finnen an das „neue Nokia“ gewöhnt. Der Konzern konzentrierte sich auf die Entwicklung und Herstellung von Mobilfunknetzen und ist neben Ericsson aus Schweden und Huawei aus China einer der Marktführer. Außerdem gehört zum Rest-Nokia noch die Sparte Here, die digitale Karten und Navigationsdienste entwickelt. Dieser Bereich steht allerdings zum Verkauf, ein Konsortium aus Audi, BMW und Mercedes-Benz gilt als potenzieller Käufer.

Die Rückkehr ins Handy-Geschäft hat in Finnland nur noch für ein Achselzucken gesorgt. „Na ja, wenn sie einen guten Partner finden, ist das sicherlich Okay“, erklärte ein Passant, der gerade in einem Handy-Geschäft in Helsinki nach einem neuen Modell suchte.

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