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01.11.2013

13:24 Uhr

NSA-Affäre

Geschäftskunden murren wegen Google-Leck

VonChristof Kerkmann

Viele Firmen wickeln Mailverkehr und Terminplanung komplett über Google ab. Doch der US-Geheimdienst NSA schnüffelt im Netzwerk des Internet-Riesen, der deswegen tobt. Erste Kunden denken über Konsequenzen nach.

Im Blick der NSA: Der US-Geheimdienst zapft offenbar die Datenleitungen von Google und Yahoo an. ap

Im Blick der NSA: Der US-Geheimdienst zapft offenbar die Datenleitungen von Google und Yahoo an.

Für Google ist es das wichtigste Argument: Sicherheit. Der Internet-Konzern betreibt nicht nur die beliebteste Suchmaschine der Welt, sondern bietet auch Cloud-Dienste für Unternehmen an – mit einem Paket aus E-Mail-Postfach, Kalender, Textverarbeitung und vielen anderen digitalen Helfern. Sie alle laufen auf Servern im Internet, die Kunden müssen dem Konzern also vertrauen. „Ihre Daten gehören Ihnen“, verspricht Google daher.

Und jetzt das: Die „Washington Post“ enthüllt, dass der US-Geheimdienst NSA Leitungen anzapfen kann, um an den Datenverkehr zwischen den verschiedenen Rechenzentren von Google und Yahoo zu gelangen. Die Zeitung beruft sich wie bei früheren Geschichten auf Unterlagen des früheren NSA-Mitarbeiters Edward Snowden.

Die jüngsten Enthüllungen haben das Potenzial, das Vertrauen in die Datenwolke zu zerstören und den Anbietern der Cloud-Dienste empfindlich zu schaden, allen voran Google. Recherchen von Handelsblatt Online zeigen: Mehrere Unternehmenskunden stellen sich inzwischen die Frage, ob die Speicherung von Daten beim Internet-Riesen richtig ist.

Trifft der Bericht des Hauptstadtblattes zu, könnten die Spione womöglich auf E-Mails, Kontakte und Dokumente von mehreren hundert Millionen Nutzern zugreifen; übrigens nicht nur von Ausländern, sondern auch von US-Bürgern. Metadaten – also Informationen darüber, wer mit wem kommuniziert – werden ebenfalls auf den Servern abgelegt. Der treffende Name dieses mächtigen Programms: „Muscular“ – muskulös.

Vor- und Nachteile des Cloud Computing

Kosten

Wenn ein Unternehmen seine Kundendatenbank nicht im eigenen Rechenzentrum pflegt, sondern einen Online-Dienst wie Salesforce.com nutzt, spart es sich Investitionen in die Infrastruktur. Die Abrechnung erfolgt außerdem zumeist gestaffelt, zum Beispiel nach Nutzerzahl oder Speicherverbrauch. Geschäftskunden erhoffen sich dadurch Kosteneinsparungen.

Skalierbarkeit

Wer Speicherplatz im Netz mietet, kann flexibel auf die Nachfrage reagieren und den Bedarf unkompliziert und schnell erhöhen oder versenken. Wenn beispielsweise ein Startup rasant wächst, fährt es einfach die Kapazitäten hoch. Somit fallen auch niedrige Fixkosten an.

Einfachheit

Die Installation auf den eigenen Rechnern entfällt. Damit lässt sich ein neues System äußerst schnell einführen. Auch die Updates bereiten keine Probleme mehr, somit sinkt der Administrationsaufwand. Allerdings lassen sich die Cloud-Dienste in der Regel auch nicht so individuell konfigurieren.

Ortsunabhängigkeit

Zur Nutzung der Cloud-Dienste benötigen Mitarbeiter lediglich einen Internetanschluss – unabhängig von ihrem Aufenthaltsort und dem Gerät, das sie nutzen.

Sicherheit

Die Daten-Dienstleister werben damit, dass sie sich intensiver mit der IT-Sicherheit beschäftigen als einzelne Nutzer oder Unternehmen. Allerdings sind die Rechenzentren der Cloud-Anbieter aufgrund der große Datenmenge auch ein attraktives Ziel für Angreifer von Hackern. Auch Geheimdienste zeigen großes Interesse. Zudem ist von außen schwer nachzuvollziehen, ob der Anbieter die Daten ausreichend vor den eigenen Mitarbeitern schützt. Die Auslagerung bedeutet somit einen Kontrollverlust.

Abhängigkeit

Viele Unternehmen sind von ihrem Dienstleister abhängig, weil sie nicht ohne weiteres zu einem anderen Anbieter wechseln können. Das liegt etwa daran, dass sie ihre Systeme aufwendig an die Schnittstellen anpassen müssen. Auch Nutzer haben oft Schwierigkeit, wenn sie mit ihren Daten den Anbieter wechseln wollen. Eine weitere Frage: Was ist, wenn der Betreiber eines Dienstes pleite geht? Erst wenn es Standards gibt, die den Wechsel von einem zum anderen Dienstleister ermöglichen, sinkt die Abhängigkeit.

Auf welche Daten die NSA tatsächlich zugreift, ist unklar. Doch Google-Kunden reagieren alarmiert. „Wir diskutieren das intern an höchster Stelle“, heißt es etwa bei einem deutschen Unternehmen, das verschiedene Dienste des Konzerns einsetzt. „Bislang waren wir davon überzeugt, dass Google höchste Sicherheit gewährleisten kann.“ Das sei bei der Entscheidung für die Online-Dienste eine Grundvoraussetzung gewesen.

An sich ist man bei dem Unternehmen vom Cloud Computing überzeugt. Da E-Mail, Kalender und Textverarbeitung über den Browser laufen, muss sich die IT-Abteilung nicht an den verschiedenen Standorten um Updates kümmern, wenn man ein Laptop verloren geht, sind die Daten noch da – sie lagern auf dem Server.

„Google hat in Sachen Sicherheit wesentlich bessere Voraussetzungen als wir“, sagt ein Vertreter des Unternehmens im Gespräch mit Handelsblatt Online. Aber was ist, wenn die NSA mitlauscht? „Wir werden uns jetzt an Google wenden.“

Ein „brisantes Thema“ sei die NSA-Überwachung für Firmen, die Google nutzten, sagt auch Bernhard Bahners, Geschäftsführer von radio.de. Schon bei der Entscheidung für die Cloud-Dienste des Internet-Riesen habe man aber auf eine Trennung von Nutzerinformationen und eigenen Verwaltungsdaten geachtet – nur letzte lägen auf den Servern von Google. „Den Schutz unserer Kundendaten sehen wir daher nicht gefährdet und stehen nach wie vor hinter der Entscheidung für die Business-Tools von Google, da sie uns als Start-up die nötige Flexibilität bieten.“

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