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06.08.2014

13:27 Uhr

Offener Brief

„Ich bin enttäuscht und traurig“

VonAndrea Lukács

Die Funke-Gruppe steigt aus dem ungarischen Magazin HVG aus. Eine Redakteurin beschreibt, wie die Zeitschrift nicht nur sie selbst, sondern eine ganze Generation prägte. Und was der Ausstieg für Ungarn bedeutet.

Getty Images

Der ungarische Medienmarkt gilt als schwierig, um die Pressefreiheit und -vielfalt in dem Land ist es nicht gut bestellt. Am Freitag hat sich nun die deutsche Funke-Gruppe entschieden, aus ihrer Beteiligung an der ungarischen Zeitschrift HVG auszusteigen. Andrea Lukács ist seit 2010 Journalistin und Redakteurin bei HVG.hu. Als Austausch-Redakteurin arbeitete sie im Rahmen eines Programms des Goethe-Instituts auch für das Handelsblatt. In einem offenen Brief an die Funke-Gruppe macht Sie Ihrer Enttäuschung Luft.

Andrea Lukács ist seit 2010 Journalistin und Redakteurin bei HVG.hu.

Andrea Lukács ist seit 2010 Journalistin und Redakteurin bei HVG.hu.

Sehr geehrte Damen und Herren,

Ich bin enttäuscht und traurig. Enttäuscht, und zwar von Ihnen. Sie haben entschieden, auszusteigen. Schon seit langer Zeit hing die Drohung über uns, es gab viele Gerüchte, dass sie es tun werden. Gestern kam dann die offizielle Mitteilung von unserem Geschäftsleiter. Noch davor wurde aber eine schockierende, aber verdrehte Nachricht auf einem Nachrichtenportal veröffentlicht: Ein schlecht informierter Journalist des regierungsnahen Online-Portals valasz.hu schrieb eine Meldung mit dem Titel: „Werden heute alle bei HVG gefeuert?“ Als Illustration dazu ein Bild mit einem zerknitterten HVG-Magazin – dem Blatt, das im Jahr 1979, also zehn Jahre vor dem Fall des Kommunismus’, dem Paneuropäischen Picknick, und elf Jahre vor dem Fall Ihres Mauers von einigen mutigen Journalisten gegründet wurde, um unzensierte Informationen über die Wirtschaft Ungarns zu veröffentlichen.

Die erste Ausgabe erschien am 9. Juni 1979, nur vier Tage nach meiner Geburt. Mein Vater hatte das Magazin immer gekauft, später als Geschäftsführer einer Exportgesellschaft hat er es auch für das Büro abonniert. An jedem Donnerstag legte er das Blatt mit dem orangefarbenen HVG-Logo im Esszimmer auf den Esstisch - mit seinem Schlüsselbund - als er um halb 5 von der Arbeit kam. HVG (klein geschrieben) war also von klein auf der Höhepunkt des Donnerstagnachmittags zwischen halb fünf und fünf, als ich die Zeitschrift in die Hände nahm und versucht habe die Titelseite zu entziffern.

Als Kleinkind habe ich oft nicht verstanden, was das Titelblatt mit seinen symbolischen Bildern auf sich hatte. Ich war zu scheu, nachzufragen. Schon damals wusste ich aber, dass diese Montagen eine wichtige Aussage verbergen, eine ironisch-sarkastische Bedeutung, die darüber informiert, was in unserem Land vorgeht. HVG beschrieb immer schon das, was im Hintergrund passiert, war ein Wahrzeichen des investigativen Journalismus, ohne sich darum zu scheren, ob es den Machthabern gefällt.

Ich dachte immer, meine Geschichte mit HVG sei romantisch und einzigartig. An der Hochschule erfuhr ich aber, dass es meiner ganzen Generation ähnlich erging. Es gab nur einen Unterschied: Nicht viele sind mit vier Tagen Unterschied geboren. HVG und ich wurden dieses Jahr 35 Jahre alt.

Nie hätte ich geglaubt, dass ich einmal meinen Geburtstag gemeinsam mit HVG feiern würde. Am 9. Juni spazierte ich aber mit meinen Kollegen aus unserem Bürogebäude auf die kleine Wiese, um mit allen Mitarbeitern und alten Kollegen der Gründerzeit unser Glas auf die 35 Jahre der Zeitung zu erheben. Wir stießen auf ein Magazin an, das aber heutzutage jeden Donnerstag auf immer weniger Esstischen erscheint. Denn auch HVG fällt der Digitalisierung zum Opfer. Obwohl sein altes Renommee weiterhin besteht, kann es – wie die meisten Printmedien – mit dem World Wide Web kaum Stand halten.

Kommentare (1)

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Herr Wladimir Andropowitsch

06.08.2014, 16:08 Uhr

Der stalinistische Kaderfunktionärsdiktatur-Gulag ist schon längst vom kannibalkapitalistischen Geldwirtschaftsfunktionärsdiktatur-Gulag abgelöst worden.

Die "Endlösung der Humankapitalkostenfrage" zeigt modernisiert auf die neue Todesfuge des 21. Jahrhunderts und wir werden uns mit der Herausforderung konfrontiert sehen, ob wir uns - so wie unsere Großeltern und Eltern - bereit finden wollen, uns und unseren Mitmenschen die Reise durch die Luft zuzumuten.

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