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06.04.2013

12:18 Uhr

Offshore Leaks

Was Mittelständler mit Briefkastenfirmen gemeinsam haben

VonChristof Kerkmann

Die Affäre um die „Offshore Leaks“ sollten dem deutschen Mittelstand eine Warnung sein: Datenpannen drohen in der vernetzten Welt allen. Doch gerade viele kleinere Unternehmen sind schlecht vorbereitet.

Kabelgewirr im Rechenzentrum: Datenpannen können jedes Unternehmen treffen. dpa

Kabelgewirr im Rechenzentrum: Datenpannen können jedes Unternehmen treffen.

DüsseldorfAuf den ersten Blick haben deutsche Mittelständler wenig gemeinsam mit den Briefkastenfirmen, die dubiose Geschäfte in Steueroasen abwickeln. Auf den zweiten Blick allerdings mehr, als ihnen lieb ist.

Denn eine Datenpanne – wie jene, die zu den jüngsten Enthüllungen führte – kann in der hochvernetzten Welt jeden treffen. Kleine und mittlere Unternehmen sind jedoch am schlechtesten auf die digitalen Bedrohungen vorbereitet. „Das aktuelle Beispiel wirft die Frage auf, wie Organisationen Daten und Informationen speichern und sichern“, sagt Steve Durbin, Vizepräsident des Information Security Forums (ISF).

Über den aktuellen Fall ist bekannt, dass „zwei Firmen, die ihre Server mit dem Internet verbunden hatten, kompromittiert“ worden sind, wie der Datenjournalist Sebastian Mondial bei Deutschlandradio Wissen sagte. Dabei hätten die unbekannten Whistleblower Kopien von E-Mail-Verzeichnissen und Dateisystemen gezogen und dem Journalistennetzwerk ICIJ übermittelt: 2,5 Millionen Dokumente, in denen rund 130.000 Anleger aus 170 Ländern aufgelistet sind, darunter Waffenhändler, Finanzjongleure und Oligarchen. Ein wahrer Datenschatz für die Journalisten.

Wie derart sensible Informationen an die Öffentlichkeit gelangen konnten, verraten die Rechercheure nicht. Klar ist jedenfalls, dass die gehackten Unternehmen offenbar fundamentale Sicherheitsregeln missachtet haben. Anderenfalls hätte kaum eine mehr als 200 Gigabyte große Datenmenge kopiert werden können.

Wie Steuersünder ihr Geld in Steueroasen verstecken

Was ist eine Steueroase?

Als Steueroasen werden Länder bezeichnet, die keine oder nur sehr niedrige Steuern auf Einkommen oder Vermögen erheben - und Anlegern Anonymität und Diskretion versprechen. Besonders für Anleger, die in ihrem Heimatland höhere Steuersätze zahlen müssten, sind Steueroasen attraktiv. Die Staaten sind oft klein und wohlhabend, werden meist von stabilen Regierungen geführt und bemühen sich häufig um Investitionen aus dem Ausland. Außerdem garantieren sie Rechtssicherheit und wahren das Bankengeheimnis.

Um welche Länder geht es konkret?

Vielfach geht es um autonome Inselstaaten, weshalb häufig von „Offshore-Leaks“ die Rede ist. In Berichten werden etwa die Britischen Jungferninseln und Kaimaninseln in der Karibik, im Südpazifik die Cookinseln und Samoa, die im Indischen Ozean gelegenen Seychellen und das zu Malaysia gehörende Eiland Labuan sowie Hongkong, Singapur und Panama genannt. Aber auch auf dem Festland, etwa in Luxemburg, soll schon Geld versteckt worden sein.

Wie funktionieren die Steuersparmodelle?

Eine der wichtigsten Voraussetzungen für diese Geschäfte ist Verschwiegenheit. Viele Steueroasen werben im Internet mit dieser Diskretion und locken so Anleger an, die ihr Kapital vor dem heimischen Fiskus verstecken wollen. Sie gründen oder kaufen für ihre Auslandsgeschäfte beispielsweise Tochterunternehmen, deren Gewinne im Niedrigsteuerland gehalten und wieder investiert werden. Oft erschweren komplexe Unternehmensgliederungen den Behörden die Ermittlungen.

Wie groß ist der Schaden?

Nach Schätzungen der Deutschen Steuergewerkschaft (DStG) umfasst das weltweite Hinterziehungsvolumen allein für deutsche Steuerhinterzieher mehrere hundert Milliarden Euro. Hiervon dürfte laut DStG ein nicht beträchtlicher Teil auf die Schweiz entfallen. Nach einer im Jahr 2012 veröffentlichten Studie verstecken Superreiche weltweit mindestens 21 Billionen US-Dollar (17 Billionen Euro) in Steueroasen, um dem Fiskus zu entgehen.

Sind die Aktionen legal oder illegal?

Nicht alle Methoden, die deutschen Steuerbehörden zu umgehen, sind illegal. Wer etwa seinen Wohnsitz ins Ausland verlegt, kann privates Einkommen in ein ausländisches Niedrigsteuerland verlagern, ohne sich strafbar zu machen. Strafbar macht sich aber, wer dem Finanzamt seine Geldanlagen in Überseegebieten verschweigt, seinen Wohnsitz aber in Deutschland hat und dort auch sein Einkommen versteuern müsste. International tätige Konzerne können ihre Gewinne durchaus legal auf die Tochterunternehmen verteilen, so dass ein möglichst geringes Steueraufkommen anfällt.

Der aktuelle Fall ist somit eine Warnung – nicht nur für Briefkastenfirmen. „Datensicherheit ist geschäftskritisch“, sagt IT-Experte Durbin. Jede Firma müsse sich bewusst machen, wo die eigenen Daten liegen, wie sie gespeichert sind, wer darauf zugreifen kann und welche Sicherheitsvorkehrungen sie schützen. Und das ist nicht trivial.

Gerade Mittelständler geben sich hier Blößen. Sie sind vielleicht darin Weltklasse, Motorenpumpen oder Spezialschrauben herzustellen. Aber sie investieren nicht in die Ressourcen, um ihre Ideen zu schützen. „Die Großen sind in der Regel besser aufgestellt als die Kleinen“, sagt Christian Strenge, Partner bei der IT-Beratungsfirma Proventa AG. Denn die haben in der Regel einen Beauftragten für die IT-Sicherheit, die das Unternehmen nicht nur nach außen schützt, sondern auch das Bewusstsein der Mitarbeiter schärft.

„Viele kleinere Unternehmen glauben aber, dass sie für Angreifer uninteressant sind“, weiß Strenge von Kundenbesuchen. Oder sie lassen ihre IT-Systeme von Dienstleistern aufsetzen, bei denen es teils auch an Sensibilität für die IT-Sicherheit fehlt. „IT-Sicherheit kostet Geld – und das wollen viele Unternehmen nicht investieren“, betont Strenge. So fehlt es nicht selten an Experten, Geld und Bewusstsein für das heikle Thema.

„Man kann Datenpannen nicht komplett verhindern“, sagt IT-Experte Steve Durbin. ISF

„Man kann Datenpannen nicht komplett verhindern“, sagt IT-Experte Steve Durbin.

Die Experten empfehlen, einen Schutzschirm aufzuspannen. Jede Firma sollte beispielsweise überprüfen, welche Mitarbeiter, Zulieferer und Kunden auf welche Daten zugreifen können – gerade wenn diese bei Cloud-Diensten gespeichert werden. Für den Notfall müssen Pläne bereit liegen. Und die Manager müssen immer ein Auge auf die aktuellen Bedrohungen werfen, etwa indem sie sich mit anderen in der Branche austauschen. „Man kann Datenpannen nicht komplett verhindern, aber die Widerstandsfähigkeit stärken“, sagt Sicherheitsexperte Steve Durbin.

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