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22.01.2013

09:54 Uhr

„Online First“

Financial Times will zuerst im Internet publizieren

Zuerst soll das Internet bedient werden, dann die Zeitung. So lautet Medienberichten zufolge der neue Kurs der Financial Times. Die traditionsreiche Wirtschaftszeitung will Stellen streichen und vieles überdenken.

Die Print-Ausgabe der Financial Times. Die Zeitung zieht ihr Online-Portal der gedruckten Ausgabe vor. AFP

Die Print-Ausgabe der Financial Times. Die Zeitung zieht ihr Online-Portal der gedruckten Ausgabe vor.

LondonBei der traditionsreichen britischen Wirtschaftszeitung „Financial Times“ soll das Online-Geschäft künftig wichtiger werden als die gedruckte Ausgabe. Chefredakteur Lionel Barber kündigte den Wandel in einer internen E-Mail an, die der „Guardian“ am Montagabend veröffentlichte. „Wir müssen sicherstellen, dass wir erst eine digitale Plattform bedienen und dann die Zeitung“, schrieb Barber danach. Mit dem Strategiewechsel geht diesen Angaben zufolge auch ein Stellenabbau einher.

Unter dem Strich sollen 25 Stellen wegfallen, nachdem 10 neue Jobs im digitalen Bereich geschaffen werden, hieß es. Die „FT“ mit Sitz in London beschäftigt nach bisherigen Informationen rund 600 Journalisten.

Fakten zur Financial Times Deutschland

Mutige Gründung

Der Start der „Financial Times Deutschland“ im Februar 2000 war ein mutiges Projekt: Es war die erste Gründung einer überregionalen Zeitung in Deutschland seit der „taz“. Zunächst teilten sich der Verlag Gruner + Jahr und die britische „Financial Times“-Mutter Pearson die Verantwortung, 2008 übernahmen die Hamburger das Blatt komplett.

Ein britischer Chef

Bei der Gründung half Andrew Gowers vom Mutterblatt „Financial Times“ als Chefredakteur. Ihm folgten im Oktober 2001 Christoph Keese (inzwischen eine Art Cheflobbyist beim Axel-Springer-Verlag) und Wolfgang Münchau (heute Kolumnist für die „Financial Times“). Seit Mitte 2004 steht Steffen Klusmann an der Spitze der Redaktion.

Sinkende Auflage

Die Zeitung auf dem rosa Papier brachte frischen Wind in die deutsche Presselandschaft, hatte aber in den vergangenen Jahren mit Absatzproblemen zu kämpfen. Zwar blieb die Gesamtauflage mit etwas mehr als 100.000 Exemplaren relativ stabil, aber die sogenannte harte Auflage aus Abonnements und Einzelverkauf sank seit 2006 auf zuletzt 46.300.

Tiefrote Zahlen

Das Wirtschaftsblatt hat in seiner gesamten Geschichte keine schwarzen Zahlen geschrieben. Insgesamt sind laut Medienberichten Verluste von 250 Millionen Euro aufgelaufen.

Gemeinsam sparen

Eine erste harte Sparrunde läutete Gruner + Jahr bereits 2008 ein: Der Verlag gründete für seine Wirtschaftsmedien „FTD“, „Börse online“ und „Capital“ eine Gemeinschaftsredaktion in Hamburg. Dort arbeiten 350 Mitarbeiter, davon 250 Redakteure.

Auszeichnungen

Mitarbeiter der G+J Wirtschaftsmedien haben in den vergangenen Tagen eine beeindruckende Liste zusammen gestellt. Darin sind alle Journalisten- und Gestaltungspreise aufgeführt, die in den vergangenen vier Jahren von den Titeln eingeheimst wurden. Dazu zählen etwa die Auszeichnung „Wirtschaftsredaktion des Jahres“ im Jahr 2012, der Herbet Quandt Medienpreis und der Ludwig-Erhard-Förderpreis für Wirtschaftspublizistik.

Barber will der E-Mail zufolge die Kosten der Zeitungsproduktion drücken. Mehr Ressourcen sollen in den Tag verlagert werden, um die Online-Ausgabe zu füllen. „Wir müssen überdenken, wie wir unsere Inhalte veröffentlichen, wann und in welcher Form, egal ob es um gewöhnliche Nachrichten, Blogs, Video oder Soziale Medien geht“, schrieb Barber in der vom „Guardian“ veröffentlichten Mail.

Der Mutterkonzern Pearson stehe hinter dem im ersten Quartal geplanten Umbau und werde ihn auch finanziell unterstützen, betonte der Chefredakteur. Zuletzt war immer wieder über einen möglichen Verkauf des Wirtschaftsblatts mit den lachsfarbenen Seiten spekuliert worden.

Die Zeitungskrise

Deutschland, Zeitungsland

Trotz aller Hiobsbotschaften aus der Medienbranche ist Deutschland immer noch ein Zeitungsland: Nach aktuellen Angaben des Bundesverbandes deutscher Zeitungsverleger (BDZV) gibt es hier 315 lokale und regionale Abonnementzeitungen, 10 überregionale Blätter sowie 8 Straßenverkaufszeitungen, vor allem die „Bild“.

Die Auflagen sinken

Doch die meisten Blätter verlieren von Jahr zu Jahr an Auflage. Im zweiten Quartal 2013 wurden pro Erscheinungstag 20,64 Millionen Tageszeitungen verkauft, wie aus einer Erhebung der IVW hervorgeht. Das sind rund 4 Prozent weniger als im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Darin sind rund 0,38 Millionen E-Paper-Ausgaben enthalten. Bei den Wochenzeitungen zeichnet sich ein ähnlicher Trend ab: Die verkaufte Auflage sank um rund 20.000 auf 1,73 Millionen Exemplare.

Der Werbemarkt schwächelt

Die sinkende Auflage trifft die Zeitungen gleich doppelt: Zum einen sinken die Vertriebserlöse, wenn die Verlage den Verkaufspreis nicht anheben (was in den letzten Jahren aber viele getan haben). Zum anderen verdienen sie weniger mit den Anzeigen – deren Preis richtet sich nach der Reichweite. Während der Gesamtwerbemarkt 2012 um 0,9 Prozent schrumpfte, verzeichneten die Zeitungen einen Umsatzrückgang von 9,1 Prozent auf 3,5 Milliarden Euro. Fürs laufende Jahr erwartet der Zentralverband der Deutschen Werbewirtschaft, dass die Verlage maximal eine schwarze Null erreichen.

Rubrikenmärkte wandern ins Netz ab

Mit Kleinanzeigen, Stellenausschreibungen und Autoanzeigen haben die Verlage jahrzehntelang gutes Geld verdient. Doch die Rubrikenmärkte sind weitgehend ins Internet abgewandert – viele der Portale gehören nicht Verlagen, sondern anderen Akteuren. Hier gibt es nur wenige Ausnahmen. Im Online-Geschäft sehr aktiv ist beispielsweise der Axel-Springer-Verlag, ihm gehören das Immobilienportal Immonet und das Stellenportal Stepstone.

Digitale Produkte gleichen Minus nicht aus

Die große Hoffnung auf den Verkauf digitaler Ausgaben hat sich bislang nicht erfüllt. Zwar verkaufen sich E-Paper immer besser, im zweiten Quartal 2013 waren es rund 380.000 Exemplare. Doch das ist zu wenig, um den Rückgang der Printauflage aufzufangen. Die Reichweite der Web-Portale steigt zwar, doch die Werbeeinnahmen gleichen das Umsatzminus nicht aus. Viele Verlage hoffen, mit Bezahlmodellen im Netz mehr Geld zu erwirtschaften.

Hoffnung auf die große Reichweite

„Gedruckt, online und mobil erreichen die Zeitungen aktuell ein Publikum, das so groß ist wie nie zuvor“, erklärt der BDZV. Auf diese Reichweite hoffen die Verleger. Als Chancen nennt der Verband das Digitalgeschäft, aber auch neue Geschäftsfelder wie Aus- und Weiterbildung oder Veranstaltungsmanagement. Allerdings haben viele Verlage mit diversen Sparrunden das Personal stark ausgedünnt – das erschwert die Umsetzung neuer Ideen.

Bezahlinhalte als Ausweg?

Immer mehr Verlage hoffen, mit Bezahlinhalten den Umsatz steigern zu können. Beim „metered model“, das etwa die „Welt“ verwendet, dürfen die Leser nur eine bestimmte Zahl an Artikeln kostenlos lesen – danach müssen sie ein Abo abschließen. Und die „Bild“ stellt nur einen Teil der Artikel kostenlos ins Netz, andere Beiträge bekommen nur zahlende Kunden zu sehen.

Die bisherige Pearson-Chefin Marjorie Scardino hatte einst erklärt, die „FT“ könne nur über ihre Leiche verkauft werden. Der neue Konzernlenker John Fallon machte seine Karriere im Bildungsverlags-Bereich und hat laut Medienberichten nicht die Affinität seiner Vorgängerin zum Print-Geschäft. Die „Financial Times“ arbeitete zuletzt nach Schätzungen von Branchenbeobachtern mit Verlust.

Von

dpa

Kommentare (2)

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flor41

22.01.2013, 10:21 Uhr

seit (10) Jahren propagiere ich dies bereits.
1. "heute" im 'Netz' gelesen
2. steht dann am naechsten Morgen im Videotext
3. in den Mittagsnachrichten wird es zum 1.mal verlesen
4. und uebermorgen liest man es dann in der Zeitung

Beinnahe

22.01.2013, 14:07 Uhr

wie wahr, wie wahr...

5. Am frühen Abend hört man es alle Stunde
6. Am späten Abend schaltet man weg, dam an es nicht mehr hören kann
7. Am nächsten Tag liest man es auf den Titelblatt der Zeitung und weigert sich dafür Geld auszugeben.

In der heutigen Zeit sind die Medien im Internet schneller als die meisten Zeitung.

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