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11.08.2014

20:11 Uhr

Online-Händler

Die Amazon-Methode

VonAxel Postinett

Ein spannender Kampf: Amazon gegen den französischen Verlag Hachette und prominente Autoren wie Stephen King. Nun legt sich Jeff Bezos auch noch mit Disney an. Er muss ein Ökosystem schützen, das auf Dumpingpreise baut.

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Wachstum um jeden Preis: Amazon legt sich mit Zulieferern an

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San FranciscoEs ist ein bisschen so wie bei dem Sprichwort: Beiße nicht die Hand, die dich füttert. Genau das macht jetzt Amazon. Das Futter, mit dem der Online-Händler sein Geld verdient, sind die Bücher und DVDs anderer Konzerne. Die greift Amazon nun immer härter an. Nach dem französischen Verlag Hachette legt sich Jeff Bezos nun auch mit dem US-Medienkonzern Disney an.

Kurz vor den Verkaufsstarts der DVDs hat Amazon die Funktion für Vorbestellungen in seinem Marktplatz deaktiviert. Wie zuerst das Fachblatt „Home Media Magazine“ bemerkte, waren davon nahezu alle Disney-Titel betroffen.

Es ist nicht das erste Mal, dass Amazon seine Geschäftspartner massiv unter Druck setzt. Die Situation mit Disney erinnert an Konflikte zwischen Amazon und Time Warner sowie aktuell dem Verlag Hachette. In beiden Fällen baute das Versandportal auf diese Weise Druck bei den Verhandlungen um neue Vertriebs-Deals auf. Warner-Filme waren deshalb von Mitte Mai bis Ende Juni nicht vorbestellbar. Ob sich zwischen Walt Disney und Amazon ähnliches anbahnt, ließ sich zunächst nicht aufklären. Die Unternehmen halten sich bislang bedeckt.

Aufstieg mit Schattenseiten: Wie funktioniert Amazon?

Wie fing Amazon an?

Jeff Bezos gründete amazon.com im Jahr 1995. Den deutschen Ableger amazon.de gibt es seit 1998. Groß wurde das Unternehmen mit dem Versand von Büchern, Videos und Musik-CDs. Seit dem Jahr 2000 können auch fremde Händler ihre Produkte bei Amazon anbieten. Mittlerweile macht der Konzern mit Sitz in Seattle zwei Drittel seines Umsatzes mit Waren wie Computern, Digitalkameras, Mode oder Lebensmitteln. Amazon ist auch einer der Vorreiter bei elektronischen Büchern sowie Musik- und Video-Downloads. Zweites großes Standbein neben dem Handel sind die Webservices mit dem Cloud Computing.

Wie konnte der Konzern so mächtig werden?

Amazon fährt eine riskante Wachstumsstrategie: Der Konzern lockt die Kunden mit günstigen Preisen sowie einer schnellen und vielfach kostenlosen Lieferung. Zudem investiert er kräftig, in die Versandzentren wie auch in die Entwicklung neuer Technologie. Dieser Wachstumskurs hat jedoch eine Kehrseite: Die Gewinnmargen sind eher dünn. 2012 machte Amazon einen Verlust von 39 Millionen Dollar. Im Jahr 2013 blieben unterm Strich 274 Millionen Dollar (204 Millionen Euro) – bei einem Nettoumsatz von 74,45 Milliarden Dollar im Jahr 2013.

Wie relevant ist der deutsche Markt?

Es ist der größte Auslandsmarkt. 2012 setzte Amazon hierzulande 8,7 Milliarden Dollar um, umgerechnet sind das derzeit etwa 6,5 Milliarden Euro. Damit lag Deutschland noch vor Japan mit 7,8 Milliarden Dollar und Großbritannien mit 6,5 Milliarden Dollar. Der wichtigste Markt überhaupt ist allerdings Nordamerika mit 34,8 Milliarden Dollar. Amazon wuchs in seiner Heimat zuletzt auch deutlich schneller als im Ausland.

Wie wichtig ist Amazon für Deutschland?

Gemessen am Einzelhandelsumsatz insgesamt ist die Rolle von Amazon überschaubar. Etwa 1,5 Prozent trägt Amazon zum Branchenumsatz von fast 428 Milliarden Euro bei. Das meiste sind jedoch Lebensmittel. Betrachtet man den Online-Handel von Unterhaltungselektronik bis hin zu Büchern, sieht die Sache ganz anders aus: Amazon hält hier fast ein Viertel des Marktes.

Wie ist der Konzern aufgestellt?

In Deutschland unterhält das Unternehmen Logistikzentren in Graben bei Augsburg, Bad Hersfeld, Leipzig, Rheinberg, Werne, Pforzheim, Brieselang und Koblenz. Dort arbeiten nach Auskunft von Amazon etwa 10.000 fest angestellte Vollzeitmitarbeiter. In Spitzenzeiten wie dem Weihnachtsgeschäft kommen in jedem dieser Zentren Tausende Saisonkräfte hinzu. Weltweit arbeiteten 124.600 Mitarbeiter (Stand: März 2014) im Unternehmen.

Für Amazon-Chef Jeff Bezos ist es zum Haare raufen. Die Verluste von Amazon im laufenden Quartal drohen 800 Millionen Dollar zu erreichen, Bezos muss hohe Investitionen in Film- und Videorechte bezahlen, Auslieferungscenter werden gebaut, und Konkurrenten wie Google fressen sich immer penetranter in die Geschäftsfelder von Jeff Bezos‘ gigantischer Onlinehandelsmaschine hinein.

Jetzt begehrt auch noch einer der bereits besiegt geglaubten Gegner wieder auf. Mit Hachette will der erste Großverlag nicht mehr zu Amazons Regeln mitspielen. Auch in Deutschland handelt sich der Onlinegigant immer mehr Ärger ein. Der Börsenverein des deutschen Buchhandels hatte bereits Ende Mai angekündigt, eine Kartellbeschwerde gegen Amazon zu prüfen. Indem das Unternehmen Bücher oder DVDs aus dem Angebot nimmt, sobald es mit einem Verlag oder einer Filmfirma verhandelt, nutze es seine Marktmacht aus, argumentierte der Börsenverein. Für die Verlage werde die Situation immer heftiger. Bislang ist die Kartellbeschwerde noch nicht durch – der Verein wartet noch auf die Antwort der Behörden, wie er auf Anfrage von Handelsblatt Online bestätigte. Kann Bezos diesen Aufstand der Zulieferer nicht niederschlagen, dann droht ein Flächenbrand.

In der New York Times fanden Leser am vergangenen Sonntag eine ungewöhnliche Großanzeige: Autoren hatten einen Protestbrief an Amazon geschrieben. Der Bestseller-Autor Douglas Preston und weitere 908 Schriftsteller haben den offenen Brief unterzeichnet, unter ihnen auch der Kult-Autor Stephen King.

Douglas Preston beschwert sich im Protestschreiben über die Methoden Amazons. Er wirft dem Onlinehändler vor, absichtlich Lieferengpässe bei Büchern zu verursachen, deren Verlage keine höheren Rabatte auf E-Books einräumen wollten. Der Verlag Hachette, für den Preston Krimis schreibt, gehöre dazu.

Kommentare (6)

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Herr Nehal Devanowitch

11.08.2014, 20:34 Uhr

Amazon wird es passieren wie ebay. Zum Ramschladen degradiert. Solange der Endkunde aber munter drauf zahlt ist alles bestens.

Herr Torty Cash

11.08.2014, 20:55 Uhr

Amazon hat Recht. Ich finde 9,99 für ein E-Book nicht als Dumping sondern angemessen und verglichen mit den Preisen von Apps sogar noch sehr hoch. Am eigenen Ast sähen finde ich relativ, irgendjemand muss die Produkte verkaufen und zur Zeit ist es Amazon. Amazon hat unbekannt und klein angefangen und wurde so groß und erfolgreich weil sie einen verdammt guten Job gemacht haben: Nirgendwo habe ich besseren Kundenservice kennengelernt.

Herr wulff baer

12.08.2014, 08:15 Uhr

Als langjähriger Amazon-Prime-Kunde wundere ich mich sehr über das Bashing dieser Firma.

Wenn man sich die deutschen Handelsluschen mit ihrem wenig kundenorientierten Wegduck-Personal anschaut und den Super-Service und das fast unbegrenzte Sortiment von Amazon damit vergleicht, ist klar, wohin der Weg geht.

Die deutschen Internet-Bruchbuden verschwinden vom Markt und der Service-Gigant macht das Geschäft.

Die deutschen Buchhändler mit ihrer Handelsspanne von fast 50%, geschützt von einer Preisbindung, die man als wettbewerbsrechtlich kriminell bezeichnen könnte, haben überhaupt keinen Grund zur Klage.

Ich frage mich sowieso, wieso man Drecksliteratur wie "Feuchtgebiete" oder den ganzen Krimischeiss zu gebundenen Preisen auf den Markt bringen kann.

Selbstverständlich sind die meisten ebooks mit einem Preisvorteil von lächerlichen 10% gegenüber der gedruckten und gebundenen Papierausgabe viel zu teuer.

Ich werde Amazon weiterhin die Treue halten, egal wieviel der Mainstream basht.

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