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08.05.2014

11:38 Uhr

Online-Lexikon

Wie sich Coca-Cola in der Wikipedia auffrischt

VonMarvin Oppong

Schnell bei Wikipedia gucken: Das Online-Lexikon ist die wichtigste Nachschlagequelle im Netz, daher bearbeiten viele Firmen die Artikel über sich – und verwässern auch mal kritische Passagen. Der Fall Coca-Cola.

In der Wikipedia ist Neutralität die oberste Maxime. Darf da ein Unternehmen den Eintrag über sich bearbeiten? dpa - picture-alliance

In der Wikipedia ist Neutralität die oberste Maxime. Darf da ein Unternehmen den Eintrag über sich bearbeiten?

BonnEs ist nur ein Satz – aber er sagt einiges darüber, wie in der Wikipedia um die Deutungshoheit gerungen wird. Phosphorsäure, heißt es im Online-Lexikon über Coca-Cola, sei nicht nur in der braunen Brause, „sondern u.a. auch in Käse, Brot, Milch und Eiern enthalten“. Eingefügt hat ihn die Pressestelle des Getränkeherstellers. Dass große Mengen des Säuerungsmittels dem Körper nicht guttun, erwähnt sie nicht.

Coca-Cola hat den Artikel über das Unternehmen und das wichtigste Produkt mit einem offiziellen, verifizierten Nutzerkonto bearbeitet. Damit ist der Brausehersteller nicht allein: Hunderte Firmen haben inzwischen einen solchen Account beantragt, Tendenz stark steigend. Offiziell geht es darum, Fakten richtig zu stellen, aber nicht selten wird auch darum gekämpft, die eigene Weltsicht einfließen zu lassen – so es die Wikipedia-Autoren zulassen. „Dass Unternehmen Artikel über sich editieren, ist ein Dauerdiskussionsthema, das auch noch Jahre andauern wird“, sagt Dirk Franke vom Verein Wikimedia Deutschland, der ein Projekt zum bezahlten Schreiben im Online-Lexikon initiiert hat.

Die Darstellung in der Wikipedia ist für große Unternehmen enorm wichtig: Das Online-Lexikon ist eine der meistbesuchten Websites der Welt, die Einträge erscheinen in der Suchmaschine Google meist ganz oben. Der deutsche Text über das Getränk Coca-Cola ist beispielsweise in den letzten 90 Tagen mehr als 91.000-mal gelesen worden. Selbst Journalisten und Richter nutzen Wikipedia – offen oder heimlich – als Quelle.

Alles rund um Wikipedia

Nicht-kommerzielles Projekt

Wikipedia ist ein nicht-kommerzielles Projekt - hinter dem Online-Lexikon steht eine amerikanische Stiftung, die Wikimedia Foundation. Wikipedia-Mitgründer Jimmy Wales richtete sie 2003 ein und übertrug ihr die Namensrechte, die zuvor bei ihm und seiner Firma Bomis gelegen hatten. Etliche nationale Organisationen unterstützen die Stiftung, in Deutschland beispielsweise der Verein Wikimedia Deutschland.

Finanziert mit Spenden

Wikimedia kümmert sich um die Server, entwickelt die Software-Plattform weiter und fördert freies Wissen, etwa durch Projekte in Schulen und Universitäten. Die Stiftung finanziert sich vor allem über Spenden – Werbung wird auf der vielbesuchten Wikipedia-Website nicht geschaltet.

Freie Lizenzen

Die Inhalte von Wikipedia und Schwesterprojekten wie der Bilddatenbank Commons erschaffen und verwalten Freiwillige unter freier Lizenz. Das heißt: Prinzipiell darf sie jeder nutzen.

Lexikon zum Mitmachen

Wikipedia ist ein Lexikon zum Mitmachen. Es ist das bekannteste Beispiel für Wiki-Software: Es handelt sich um Webseiten, die jeder Benutzer ohne großen Aufwand bearbeiten kann. Alles was er dafür braucht, ist ein Browser. Die Veränderungen sind in der Regel sofort sichtbar. Alte Versionen werden abgespeichert, jeder Schritt kann nachvollzogen werden. Aber auch immer mehr Firmen nutzen das Wiki-Prinzip, etwa fürs Wissensmanagement.

Diskussionen über Relevanz

Platz ist theoretisch für alle Themen – allerdings löscht die Gemeinschaft Artikel, die sie für nicht relevant hält. Gerade in Deutschland gibt es teilweise heiße Debatten darüber, ob ein Thema einen Eintrag verdient oder nicht.

Prominente Irrtümer

Viele Wikipedia-Artikel sind genau so akkurat wie ihre Gegenstücke im Brockhaus oder der Encyclopaedia Britannica. Die Autorengemeinschaft pflegt aktuelle Ereignisse nicht selten binnen kürzester Zeit ein und bügelt Fehler meist schnell wieder aus. Wenn die „Weisheit der Vielen“ versagt, kann es allerdings zu peinlichen Pannen kommen. So jubelte ein Scherzbold Theodor zu Guttenberg kurzzeitig einen zusätzlichen Vornamen unter, was einige Medien offenbar ungeprüft übernahmen. Politiker und Unternehmen haben schon häufiger versucht, ihre Einträge zu schönen.

Geschwister der Wikipedia

Das Online-Lexikon Wikipedia hat diverse Geschwister, die ebenfalls unter dem Dach der Wikimedia-Stiftung ein Zuhause finden. Sie gibt es Commons, eine Datenbank für Medien– vor allem Fotos, aber auch Videos, Landkarten und Grafiken. In Wikiquote sammeln die Nutzer Zitate von mehr oder weniger berühmten Persönlichkeiten. Wikiversity ist eine Online-Plattform „zum gemeinschaftlichen Lernen, Lehren und Forschen“. Seit kurzem gehört auch der Online-Reiseführer Wikivoyage zur Familie.

PR ist in der Community, die sich um die Einträge kümmert, unerwünscht, der neutrale Standpunkt gilt als oberste Maxime. Wenn Unternehmen, Verbände oder Parteien sich zu Wort melden, sollen sie daher bei Wikipedia ein verifiziertes Nutzerkonto beantragen. So ist nachvollziehbar, wer einen Artikel bearbeitet – anders als bei heimlichen Manipulationen, die gelegentlich bekannt werden. Besonders Pharma-, Rüstungs- und Lebensmittelindustrie sind nach Einschätzung von Experten anfällig für PR in Wikipedia.

Coca-Cola hält sich an die offizielle Regel: „Wir arbeiten vollkommen transparent und nutzen ausschließlich ein verifiziertes Benutzerkonto“, teilt Sprecher Geert Harzmann mit. Die Firma aktualisiere zum Beispiel Unternehmensdaten zu Mitarbeitern, Produkten und Ergebnissen. Das sei schließlich im Interesse aller Nutzer. „Fallen uns an anderen Stellen sachliche Fehler oder missverständliche Darstellungen auf, schlagen wir eine entsprechende Korrektur vor.“

Doch die Bearbeitungen sind eine Gratwanderung. Die Änderung, dass der Getränkekonzern nicht „230 Getränkemarken“, sondern „3500 Produkte“ im Angebot hat, kann man getrost als harmlos einstufen. Dass Phosphorsäure auch in anderen Lebensmitteln enthalten ist, stimmt zwar, verharmlost allerdings Gesundheitsrisiken: Bei Vieltrinkern könne das Säuerungsmittel negativ wirken und etwa den Zahnschmelz angreifen, schreibt die Stiftung Warentest. Das haben die Wikipedianer indes längst im Artikel über die braune Brause vermerkt.

Kommentare (1)

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Account gelöscht!

08.05.2014, 13:57 Uhr

Das schöne an Wikipedia: Es steht sofort drin. Wurde schon ergänzt. Danke, Handelsblatt!

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