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14.04.2014

17:01 Uhr

Online-Pranger

Per Netz zurück ins Mittelalter

VonTina Halberschmidt

Auf Rache-, Porno- und anderen Läster- oder Petz-Seiten lassen sich Ex-Partner, Autofahrer, Kollegen und Mitschüler leicht an den Online-Pranger stellen. Moralisch ein Rückfall ins Mittelalter.

Mit der neuen App „Wegeheld“ können Falschparker im Netz denunziert werden.

Mit der neuen App „Wegeheld“ können Falschparker im Netz denunziert werden.

Düsseldorf.Eine Säule, ein Pfahl oder zwei Holzbretter, in die Arme und Kopf eingeklemmt wurden – im Mittelalter brauchte es nicht viel, um einen vermeintlich Schuldigen öffentlich anzuprangern. Heute sind die Methoden ein bisschen diffiziler, oft aber ähnlich grausam wie früher. Zumindest was die Folgen für diejenigen angeht, die angeprangert oder öffentlich vorgeführt werden.

Das Internet macht’s möglich: Binnen Sekunden lassen sich Politiker, aber auch Privatpersonen, Autofahrer oder sogar Hunde an den Online-Pranger stellen. Einfach so, per Mausklick – und oft sogar vollkommen anonym.

Zum Beispiel „Wegeheld“, eine neue App, mit der Falschparker im Netz denunziert werden können. Entwickelt wurde das kleine Programm, das kostenlos bei Google Play erhältlich ist, von Heinrich Strößenreuther. Der studierte Wirtschaftsinformatiker möchte rücksichtslosen Autofahrern an den Kragen.

Und das funktioniert so: Wer die App heruntergeladen hat, kann einen falsch geparkten Pkw fotografieren und dessen Standort markieren. Der Vorfall erscheint sogleich auf einer interaktiven Karte im Netz.

Spektakuläre Fälle von Cybermobbing unter Schülern

17-jährige Kanadierin bringt sich um

Hunderte Kanadier gedenken einer 17 Jahre alten Schülerin, die sich nach Attacken im Internet umgebracht hatte. Bei einer Mahnwache in Halifax in der Provinz Neuschottland fordern sie: „Stoppt das Mobbing“. Das Mädchen war laut seiner Mutter 2011 vergewaltigt worden. Nachdem Bilder im Internet kursierten, nahm sie sich das Leben.

16-Jährige begeht Selbstmord

In Saratoga im US-Bundesstaat Kalifornien werden drei 16-Jährige festgenommen. Sie sollen nach Angaben des Senders NBC eine bewusstlose 15-Jährige sexuell missbraucht haben. Nachdem Bilder davon im Internet aufgetaucht waren, habe sich das Mädchen im Oktober 2012 das Leben genommen. „Die ganze Schule weiß es, ... mein Leben ist ruiniert“, soll sie geschrieben haben.

Krawalle wegen Sex-Mobbings

Dezember 2012: Hunderte Gymnasiasten beteiligen sich im schwedischen Göteborg an Krawallen wegen Sex-Mobbings im Internet. Die Randale begann als Protest gegen diskriminierende Fotos und Beleidigungen von Schülerinnen als „Huren und Schlampen“ in der Internet-Fotobörse Instagram. Die Polizei ermittelte gegen eine 17 Jahre alte Schülerin als mögliche Urheberin des Internet-Mobbings.

Amanda Todd nimmt sich das Leben

Oktober 2012: Jahrelang wird Amanda Todd im kanadischen Port Coquitlam in der Schule und online gehänselt. Sie bekommt Depressionen und flüchtet sich in Drogen. Mehrmals wechselt sie die Schule, mit 15 Jahren nimmt sie sich das Leben. Ein Video als letzter Hilferuf des Mädchens wird weltweit zum Symbol gegen Cybermobbing.

Facebook-Mord löst Entsetzen aus

September 2012: In den Niederlanden löst der sogenannte Facebook-Mord Entsetzen aus. Die 15 Jahre alte Winsie aus Arnheim hat auf dem Netzwerk Facebook verbreitet, dass ihre Freundin Polly Sex mit mehreren Jungen hatte. Polly will sich rächen und schmiedet mit ihrem Freund ein Mordkomplott. Der 15-Jährige ersticht Winsie. Im September wird er zu einem Jahr Jugendgefängnis und drei Jahren Zwangstherapie verurteilt.

17-Jähriger fast tot geprügelt

März 2011: Eine 18-Jährige wird in Berlin von Mitschülerinnen auf der inzwischen indizierten Internetplattform „I share gossip“ längere Zeit schwer beleidigt. Ihr 17-jähriger Freund will die Angriffe beenden und verabredet sich mit anderen Schülern zu einem Schlichtungsgespräch. Dabei tauchen etwa 20 Jugendliche auf und prügeln den 17-Jährigen krankenhausreif.

Die Petz-App kann aber noch mehr: Nutzer haben auch die Möglichkeit, den Falschparker direkt beim nächsten Ordnungsamt zu melden oder das geschossene Foto mit einem flotten Spruch zu versehen und unter dem Motto „Freie Wege für alle!“ bei Facebook zu posten. Autofahrer, die sich nicht an geltende Gesetze halten, werden so an die Öffentlichkeit gezerrt. Immerhin – Pflicht jedes Nutzers ist es, das Nummernschild des Pkw zu schwärzen.

Moralische Bedenken? Keineswegs. „Wir greifen aktiv in den Flächenkonflikt zwischen falschparkenden Autofahrern und allen anderen Verkehrsteilnehmern ein“, erklären die Macher der „Wegeheld“-App auf ihrer Internetseite. Zugeparkte Rad- und Gehwege seien nun mal kein Kavaliersdelikt. „Sie sind eine rücksichtslose Gefährdung und Behinderung für Kinder, Ältere, Rollifahrer, Radler, Eltern mit Kinderwagen, Notarztwagen und Busfahrer.“

Das sehen viele Straßenverkehrsteilnehmer ähnlich. Die Zahlen sprechen jedenfalls für sich: In den ersten 48 Stunden nach Erscheinen von „Wegeheld“ zwangen die mehr als 5.000 Downloads den Server der Initiatoren in die Knie.

Die Macher haben offenbar einen Nerv getroffen. Einen „typisch deutschen“? Sind hierzulande besonders viele selbst ernannte „Sheriffs“ unterwegs? Tatsächlich: „Sich moralisch ohne Selbst-Ironie über andere zu erheben, das können die Deutschen besonders gut“, meint Alexander Filipovic, Medienethiker der Hochschule für Philosophie in München.

Kommentare (3)

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14.04.2014, 17:49 Uhr

Wir sind auch ohne Internet doch schon im Mittelalter! Früher war man ein Ketzer, heute wird man als Populist diffamiert. Das Konzept ist gleich: Vor vierhundert Jahren verteidigte die katholische Kirche ihr geozentrisches Weltbild mit den Mitteln der Inquisition und mit der Androhung des Scheiterhaufens, weil sie sich mit Argumenten nicht mehr zu helfen wusste. Heute bleibt nur noch der moralische Scheiterhaufen (vor allem in den GEZ-Medien).

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14.04.2014, 18:10 Uhr

Wer die totale Transparenz will, wird auch mit derartigen Zeiterscheinungen leben müssen. Solange man nicht selbst betroffen ist, kann man ja mit den Achseln zucken und eventuell sogar mitmachen. Wohl bekomm's!

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14.04.2014, 19:23 Uhr

Ja und, Rache ist süß. Das schmeckt jedem.

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