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15.07.2013

12:34 Uhr

Optimistischer Ausblick

IT-Branche spürt noch keinen Prism-Effekt

Kann man der Datenwolke noch vertrauen? Die Spitzeleien des US-Geheimdienstes könnten der Wirtschaft schaden, warnt die deutsche Hightech-Branche. Derzeit macht sich aber noch kein Prism-Effekt bemerkbar.

Arbeit im Rechenzentrum: Bisher haben die Abhöraktionen des US-Geheimdienstes der IT-Branche nicht geschadet. dpa

Arbeit im Rechenzentrum: Bisher haben die Abhöraktionen des US-Geheimdienstes der IT-Branche nicht geschadet.

DüsseldorfDie deutsche Hightech-Branche fordert eine rasche Aufklärung über die Abhörmaßnahmen der US-Geheimdienste. „Andernfalls besteht tatsächlich die Gefahr, dass das Vertrauen von Privatnutzern und auch von Unternehmen beschädigt oder zerstört wird“, sagte am Montag Dieter Kempf, Präsident des Bundesverbandes Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien (Bitkom). Das könne sich auf Wachstum und Beschäftigung auswirken.

Konkrete Folgen seien aber noch nicht abzusehen, sagte Kempf. „Dafür sind die Ereignisse rund um die Abhöraktionen von Geheimdiensten einfach noch zu frisch.“ Zudem könnten mögliche Einbußen in Geschäftsfeldern wie dem Cloud Computing durch Zuwächse in anderen Bereichen wie der IT-Sicherheit ausgeglichen werden.

Derzeit befürchten die Unternehmen aber offenbar noch keine negativen Auswirkungen der Spitzelaffäre. Laut der Konjunkturumfrage des Branchenverbandes für IT und Telekommunikation rechnen 68 Prozent in diesem Geschäftsjahr mit steigenden Umsätzen, nur 19 Prozent erwarten ein Minus. Die Geschäftserwartungen sanken etwas, sind aber weiter auf einem hohen Niveau. Damit ist die Branche nach dem Rekordjahr 2012 weiter auf Wachstumskurs. Der Bitkom hatte die Unternehmen vom 11. Juni bis 5. Juli befragt – damit waren zumindest einige Informationen über das Abhörprogramm des US-Geheimdienstes bekannt.

Welche Unternehmen halfen dem Geheimdienst?

Neue Enthüllungen

Amerikanische und britische Geheimdienste haben weitläufigen Zugriff auf die Daten von Internetnutzern, das legen die Enthüllungen des Informanten Edward Snowden nahe. Die Firmen bestreiten, den Behörden „direkten Zugang“ zu ihren Servern zu gewähren – man rücke nur Daten heraus, wenn dies gesetzlich vorgeschrieben sei. Allerdings dürfte auch dafür einiges Entgegenkommen notwendig sein: So half der Windows-Riese Microsoft angeblich dem Abhördienst NSA, die Verschlüsselung von Nutzerdaten zu umgehen.

Wie half Microsoft?

Einem Bericht des „Guardian“ zufolge arbeitete Microsoft eng mit dem US-Geheimdienst NSA und der US-Bundespolizei FBI zusammen. So soll das Unternehmen geholfen haben, die Verschlüsselung im Microsoft-Chat zu umgehen. Der US-Geheimdienst habe die Möglichkeit zum Zugriff auf eigentlich verschlüsselte E-Mails bekommen, ebenso wie zu Daten beim Online-Speicherdienst Skydrive. Die US-Geheimdienste bekamen demnach zudem die Möglichkeit, über Skype geführte Videotelefonate mitzuschneiden – und sollen davon auch regen Gebrauch gemacht haben. Skype sei dem Überwachungsprogramm Prism bereits im Februar 2011 beigetreten, noch bevor Microsoft die Firma übernahm. Mit Prism sammelt die NSA früheren Medienberichten zufolge Daten von Internetfirmen wie Google, Microsoft, Yahoo oder Apple.

Sind deutsche Nutzer betroffen?

Davon ist auszugehen, denn auch viele Nutzer in Deutschland sind bei Facebook angemeldet, verschicken ihre E-Mails über Microsofts Hotmail oder besitzen Apple-Geräte. Der „Spiegel“ berichtete, dass monatlich eine halbe Milliarde Kommunikationsverbindungen aus Deutschland abgefangen werden. Da die Internetkommunikation global abläuft, kann eine Mail von Berlin nach München über Computer in den USA laufen und so von den US-Geheimdiensten abgegriffen werden.

Hatten die Schnüffler direkten Zugriff?

Ob die Geheimdienste direkten Zugriff auf Nutzerdaten hatten, ist strittig. Edward Snowden sagt ja. „Firmen wie Google, Facebook, Apple, Microsoft, sie alle tun sich mit der NSA zusammen“, sagte er dem „Guardian“ in einem Videointerview Anfang Juni. „Sie geben der NSA direkten Zugang, den sie nicht beaufsichtigen müssen, damit sie dafür nicht haftbar gemacht werden können.“

Die Firmen dagegen bestreiten vehement, den Geheimdiensten eine Hintertür in ihre Computersysteme gebaut zu haben. Daten würden nur aufgrund richterlicher Anordnungen und nicht massenhaft herausgegeben, betonten die Unternehmen wiederholt. „Wir kommen nur solchen Anordnungen nach, die sich auf spezielle Konten oder Identifikationsmerkmale beziehen“, erklärte Microsoft. Einen unbeschränkten oder direkten Zugriff gebe es nicht.

Wie offen können die Firmen sein?

Die Online-Firmen unterliegen strengen Geheimhaltungsregeln. Erst nachdem sie die Politik dazu drängten, durften sie überhaupt zugeben, dass sie Anordnungen zur Datenweitergabe an Geheimdienste von dem zuständigen, geheim tagenden US-Gericht erhalten hatten. So betonte Microsoft jetzt, es gebe „Aspekte der Debatte, die wir gerne freier diskutieren würden“. US-Gesetze verpflichten die Firmen zur Zusammenarbeit – und Verschwiegenheit.

Wie kann man sich schützen?

Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) empfahl Nutzern bereits, US-Dienste zu meiden. Computerexperten raten dazu, die eigene Kommunikation zu verschlüsseln und für das Speichern von Daten Dienste mit Sitz außerhalb der USA zu nutzen. Denn die Einschränkungen für US-Geheimdienste gelten vor allem für die Überwachung eigener Staatsbürger und nicht für Deutsche. „Ich fürchte, das ist ein relativ schwacher Schutz, denn die US-Gesetzgebung erlaubt den Zugriff auf Kommunikationsdaten von Ausländern in sehr breitem Umfang“, sagte der Bundesdatenschutzbeauftragte Peter Schaar dem Bayerischen Rundfunk

Besonders gut läuft das Geschäft mit IT-Dienstleistungen: 79 Prozent der Anbieter erwarten steigende Umsätze. Die Software-Unternehmen sind ähnlich optimistisch (75 Prozent).

Die robuste Situation wirkt sich auch auf den Arbeitsmarkt aus. Mehr als die Hälfte der Unternehmen will Mitarbeiter einstellen, nur zwölf Prozent gehen von einem Rückgang aus. Der Bitkom prognostiziert, dass die Technologiebranche am Jahresende 907.000 Mitarbeiter beschäftigt. Die Unternehmen würde gerne noch mehr einstellen, hätten aber Schwierigkeiten, qualifizierte Arbeitskräfte zu finden. Mehr als die Hälfte (55 Prozent) bezeichnete die Fachkräftesituation als „behindernd“ oder „sehr behindernd“.

Von

chk

Kommentare (1)

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Account gelöscht!

15.07.2013, 14:55 Uhr

Die Cloud ist tot

Vorher waren die Unternehmen nur skeptisch - jetzt wissen sie, dass sie den Wirtschaftsspionen gleich auf dem Flur ein Büro freihalten könnten, wenn sie die Cloud nutzen

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