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21.06.2016

07:25 Uhr

Peter Thiel und Gawker

Doppelmoral in Silicon Valley

VonBritta Weddeling

Die Debatte um Peter Thiel und Gawker zeigt: Lieber später um Vergebung bitten, als vorher um Erlaubnis zu fragen – das berühmte Motto gilt offenbar nur für Programmierer, nicht für Journalisten. Ein Kommentar.

Mit seiner Unterstützung für den Wrestler und Schauspieler Hulk Hogan hat Facebook-Investor Peter Thiel das Aus für das Online-Portal Gawker eingeläutet. Reuters

Peter Thiel

Mit seiner Unterstützung für den Wrestler und Schauspieler Hulk Hogan hat Facebook-Investor Peter Thiel das Aus für das Online-Portal Gawker eingeläutet.

San FranciscoEs ist etwas faul in Silicon Valley. Ein Unternehmen – der Name spielt keine Rolle, es könnte jedes sein – lädt zum Termin und brieft Journalisten vorab, insbesondere zu den Fragen, die Journalisten nicht stellen dürfen. Ein anderes setzt Reporter auf die schwarze Liste, die sich nicht fürs Marketing einspannen lassen. Das dritte verdonnert Journalisten mit NDAs (non-disclosure agreement) zur Verschwiegenheit.

Solche Szenen sind Alltag für Journalisten an der US-Westküste, vielleicht auch in anderen Branchen. Als Reaktion auf eine Recherche zu Facebook und dessen PR-Team höre ich bis heute oft den Kommentar: „Ach, hast Du auch endlich kapiert, wie es läuft?” Offenbar haben sich viele Kollegen schlicht mit dem beklagenswerten Zustand abgefunden. Aber warum eigentlich?

Britta Weddeling ist Korrespondentin in San Francisco.

Die Autorin

Britta Weddeling ist Korrespondentin in San Francisco.

Das Valley hat ein Problem. Ein Problem mit der Pressefreiheit. Das ist peinlich für eine Gegend, die wie keine andere dafür steht, die Bestandswelt auf den Kopf zu stellen sowie innovativer zu sein als alle anderen. Und deren oberste Direktive stets lautet, alle Informationen dürfen frei fließen, und Regeln sind für Langweiler. Lieber später um Vergebung bitten, als vorher um Erlaubnis zu fragen – das berühmte Motto gilt im Silicon Valley nur für Programmierer, nicht für Journalisten.

Geht es um sie selbst, dann wollen Facebook, Google, Apple und Co. samt ihrer milliardenschweren Investoren erlauben und kontrollieren, was über sie berichtet wird. Und das Schlimmste ist: Sie können es sich auch erlauben.

Tech-Brance: „Gawker“-Streit spaltet das Valley

Tech-Brance

„Gawker“-Streit spaltet das Valley

Paypal-Gründer Peter Thiel finanzierte eine rechtliche Attacke gegen das Blog-Netzwerk „Gawker“ und schürt damit Sorgen um den Einfluss des Silicon-Valley-Reichtums auf die Medien. Der Fall trennt auch die Tech-Branche.

Niemand hat das so deutlich demonstriert wie Milliardär Peter Thiel. Der Investor unterstützte Schauspieler Hulk Hogan mit zehn Millionen Dollar bei einer Klage gegen das Internetportal Gawker, das ein Sexvideo des ehemaligen Wrestlers und Schauspielers gezeigt hatte. Ein Gericht in Florida sprach Hogan Schadensersatz in Höhe von 140 Millionen Dollar zu. Gawker ist damit nach eigenen Angaben pleite.

Thiel hat die Publikation vernichtet. Das ist kein Zufall, wie der gebürtige Deutsche der „New York Times” erklärte. Er hatte ein Team von Anwälten beauftragt, zielgerichtet nach Opfern von Gawker zu fahnden und sie finanziell zu unterstützen. Den Schlag gegen die Webseite hält er für eines seiner „größeren philanthropischen Engagements”.

Im Valley erhielt er für die Aktion Applaus. Klickgetriebenen Journalisten müsste man „Lektionen erteilen”, twitterte etwa Investor Vinod Khosla – gerade so, als wären Klicks nicht das Gold der ganzen Tech-Branche.

Was heißt das für Journalisten? Droht uns der Bankrott, wenn wir etwas Unangenehmes schreiben? Darf es Schule machen, dass Milliardäre Medien auslöschen? Offenbar schon, meint Facebook. Vom sozialen Netzwerk erhält Thiel nun Rückendeckung für seine Aktion. Wie das aktuelle Votum der Hauptversammlung entschieden hat, bleibt Thiel, erster Facebook-Investor und seit 2005 Teil der Firma, weiterhin Mitglied des Aufsichtsrats. Ein fatales Signal.

Die fünf Schwächen des Silicon Valley

Brutale Personalpolitik

Zu viel Harmonie schade dem wirtschaftlichen Erfolg, lautet etwa das Credo bei Amazon. Berichte ehemaliger Mitarbeiter in der „New York Times“ zeigen, was das bedeutet: nach Mitternacht berufliche Mails, die zu beantworten sind; Appelle, weniger leistungsfähige Kollegen zu verpetzen. Ein früherer Marketing-Mitarbeiter: „Fast alle Leute, mit denen ich zusammenarbeitete, sah ich an ihrem Tisch sitzen und weinen.“

Eintönige Führungskultur

Im Silicon Valley herrscht eine homogene Truppe: weiß, männlich, Mittelklasse. Die Atmosphäre in vielen Start-ups sei „frauenfeindlich“, sagt auch Investorin Nnena Ukuku, deren Eltern aus Nigeria stammen. Schwarze Gründer würden gar nicht ernst genommen. „Das Einzige, was schlimmer ist, als in der Technologiewelt eine Frau zu sein, ist eine schwarze Frau zu sein.“

Prekäre Selbstständigkeit

Die „Uberisierung“ der Wirtschaft, in der Fahrer, Kuriere oder Putzkräfte nicht mehr angestellt sind, sondern Unternehmer, lässt die „Sharing Economy“ boomen. Hotels und Taxi-Gewerbe werden überflüssig. Das schafft Unabhängigkeit, verlagert aber das unternehmerische Risiko. Das Modell sorgt auch bei Behörden für Unmut, die sich um Steuersummen in Millionenhöhe geprellt sehen.

Ende der Privatsphäre

Das Valley feiert die Philosophie ständiger Verfügbarkeit und Arbeitsbereitschaft. Google oder Facebook holen ihre Programmierer morgens mit dem Bus zu Hause ab. Auf dem „Campus“ servieren sie kostenlose Bio-Mahlzeiten. Die Software-Talente können sich die Hosen waschen lassen, der Zahnarzt praktiziert auf dem Firmengelände, neben dem Friseur. Die Firma ist die Familie, manches Mal wie eine Sekte.

Horrende Mietpreise

Im Valley sind die Programmierer die Pop-Stars – mit entsprechendem Gehalt. Längst ist San Francisco so unerschwinglich wie Manhattan: Ein Zwei-Zimmer-Apartment etwa kostet mehr als 4 000 Dollar Miete. Wer jährlich weniger als 100 000 Dollar verdient, gilt als arm. Kein Wunder, dass ein normaler Lehrer seine Miete nicht mehr zahlen kann. So planen Privatschulen wie die Nueva School im benachbarten Nobelbezirk Hillsborough Wohnhäuser für ihre Pädagogen.

Ja, Valleywag, jenes zu Gawker gehörendes Blog, das 2007 über die Homosexualität von Thiel berichtet hatte, was diesem nicht gefiel, taugt nun wirklich nicht zum Unschuldslamm, es war ein Klatschportal. Aber wann sind die Dinge schon mal nur schwarz und weiß? Wann, wenn nicht in solch ätzend-verunklarten Momenten zeigt sich Größe?

Ich habe Thiel selbst getroffen und halte ihn für einen begnadeten, genialen Visionär. Besonders mochte ich seine Radikalität, die Unbedingtheit seines Gestaltungswillens. Der Mann hat Paypal erfunden, er investierte in Elon Musk und seine Raketen, als alle ihn noch für einen Spinner hielten, in schwimmende Städte, Forschung nach Unsterblichkeit – und dann folgt die Vernichtung eines Mediums? Das ist unter seiner Würde.

Wer dieses freie Internet will, der muss schon aushalten, dass andere etwas schreiben, das ihm nicht gefällt. Er kann und muss, wenn nötig, entsprechende Rechtmittel anwenden und gegen einzelne Berichte vorgehen. Aber die Vernichtung eines Mediums ist maßlos.

Silicon-Valley-Kritiker Rushkoff: „Ich halte das für eine Art Faschismus“

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Premium „Ich halte das für eine Art Faschismus“

Bestseller-Autor Douglas Rushkoff ist der bekannteste Medientheoretiker der Gegenwart. Im Gespräch mit dem Handelsblatt verdammt er die Schattenseiten des Silicon Valley, den Wachstumsmythos und künstliche Intelligenz.

Und wie passt das zur Haltung von Mark Zuckerberg, der immer wieder betont, seine Plattform Facebook sei ein Ort der Meinungsfreiheit, wo sich jeder gefahrlos ausdrücken könne? „Facebook steht dafür, jedem eine Stimme zu geben” und so weiter? Von wegen!

Journalisten und Verlage sollten die aktuelle Entwicklung aufmerksam verfolgen. Dass Facebook Thiels „Lektionen” gegen ungeliebte Journalisten billigt, ist kein gutes Zeichen für die künftige Zusammenarbeit, soll sie denn tatsächlich auf Augenhöhe geschehen.

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